Kronach

Die Stimme in der Christnacht

Eine unheimliche Geschichte soll sich Anfang des vorigen Jahrhunderts hoch über dem Steinbachgrund im bayerisch-thüringischen Grenzland in der Heiligen Nacht zugetragen haben. Erst ein schreckliches Finale furioso führte zum Happy-End.
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Raureif auf den Feldern über dem Steinbachgrund an der bayerisch-thüringischen Landesgrenze Foto: Alexander Grahl
Raureif auf den Feldern über dem Steinbachgrund an der bayerisch-thüringischen Landesgrenze Foto: Alexander Grahl

Kronach — Noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts glaubte man nicht nur in den entlegenen Winkeln des Frankenwaldes, dass die Tiere in der zwölften Stunde der Christnacht in der Sprache der Menschen reden können und dass sie in den Minuten, da die Glocken zur Mette rufen, vorhersagen, was das kommende Jahr dem Hause ihres Herrn an Freud und Leid bringen würde. So wollte auch einmal der Heiner, ein Einödbauer hoch über dem Steinbachgrund, zur Heiligen Nacht einen Blick in die Zukunft riskieren.

Schon lange vor Mitternacht schlich er sich in den Stall, setzte sich auf einen Melkschemel und starrte in die Finsternis hinein. Allmählich wurde dem Bauern unheimlich zumute. War es nicht ein höllischer Unsinn, dass er hier auf den Klang der Christnachtglocken warten wollte? Es konnte unmöglich etwas Gutes sein, was er da zu hören bekam.

In einer schlimmen Lage

Der Heiner stützte die Ellbogen auf die Knie und grub den Kopf in die Hände. Jetzt kam ihm eigentlich seine schlimme Lage erst so recht zu Bewusstsein. Der Hof war arg heruntergekommen und seine Frau half kein wenig dazu, dass es wirtschaftlich wieder aufwärts ging. Im Gegenteil. Es war ihr Wunsch, das ehemals schöne Anwesen unter den Hammer zu bringen. Sie hasste ihren Mann schon deswegen, weil er sich weigerte, die Ländereien ihrem halbwüchsigen Sohn, den sie mit in die Ehe gebracht hatte, zu überschreiben. So gab es zwischen den Dreien Tag für Tag Zank und Streit.

Der Bub hatte schon öfter wie einmal die Hand wider den Stiefvater erhoben, und die Bäuerin schämte sich nicht zu sagen, dass sie den Bauern noch vergiften oder eines Nachts erwürgen wolle. Der Bauer glaubte schon selber daran, dass dieses Familienleben noch ein schlimmes Ende nehmen könne.

Siedendheiß schoss ihm das Blut durch die Adern und begann in seinem Körper zu wallen. Was brauchte er eigentlich zu wissen, welches Unheil ihn im neuen Jahr treffen würde? Wäre es nicht das Beste, aufzustehen und in die Nacht hinauszustürmen, um dann in der Kirche göttlichen Beistand zu erfle-hen? Der Bauer umklammerte links und rechts das Sitzbrett des Schemels, als wollte er mit einem Ruck emporschnellen. Aber er brachte den Willen nicht auf, sich zu erheben. Wie gelähmt saß er da und starrte vor sich hin.

Traum oder Wirklichkeit?

Mit einem Mal zuckte er zusammen. Er riss den Kopf hoch und lauschte gespannt in die Finsternis hinein. Kein Zweifel, was er da hörte, waren Glockenklänge vom Tal herauf. Aber es schienen die letzten zu sein, die im Stall verhallten. Im nächsten Augenblick umgab ihn wieder Totenstille.

Nun ärgerte er sich doch, dass er eine kleine Weile eingenickt war, und wusste nicht so recht, ob er geträumt oder ob er wirklich im Halbschlaf gehört hatte, wie seine Lieblingskuh Zenzi zu ihrer Nachbarin raunte: "Wenn der Bauer die Ochsen nicht aus dem Stall schafft, kann es leicht sein, dass sie ihn bald zum Friedhof fahren werden".

Der Bauer machte die Laterne an. Die Ochsen und Kühe lagen so friedlich da wie in anderen Nächten auch und kauten behaglich. Er schritt im Stall langsam auf und ab. Es war durchaus möglich, dass ihm einmal mit den Ochsen ein Unglück zustieß. Schon oft hatte sich besonders der Sattelochs wie wild gebärdet. Er schlug aus und stieß um sich, wenn ihm das Geschirr nicht sachte genug angelegt wurde und scheute vor jeder Kleinigkeit auf der Straße. Mochte es sich vorhin womöglich nur um einen Traum gehandelt haben, der Bauer fasste den Ent-schluss, die Ochsen aus dem Stall zu schaffen.

Die Bäuerin und ihr Plan

Als er dies bei passender Gelegenheit auch vorbrachte, wollte die Bäuerin nicht dulden, dass die Ochsen verkauft werden. Sie schimpfte den Bauern einen abergläubischen und furchtsa-men Menschen, der nicht wisse, was er wolle. Für sich jedoch glaubte sie felsenfest, dass der Sattelochs seinem Herrn eines schönen Tages den Garaus machen würde. Dann gehörte der Hof mit Wald, Äckern und Wiesen ihr und ihrem Buben und sie konnten endlich schalten und walten, wie es ihnen beliebte.

Als sich die Bäuerin mit ihrem Sohn ein paar Tage bei Verwandten in der Stadt aufhielt, holte der Bauer einen Viehhändler, um die Ochsen auszutauschen. Die Bäuerin freilich konnte an den neuen, die fromm wie Lämmer waren, keinen Gefallen finden. Sie ließ nicht locker, bis der Bauer die Ochsen wieder auf den Markt trieb und sie gegen ein anderes Paar verhandelte. Auch diese passten ihr nicht in den Kram, und der Streit um die Ochsen wollte Tag und Nacht kein Ende nehmen.

Da zog der Bauer zum dritten Mal aus, um Ochsen zu suchen, an denen die Bäuerin ihre Freude haben sollte. Allein, sie hatte an ihnen noch mehr auszusetzen wie an allen anderen. Da verlor der Bauer die Geduld und schrie: "Dann geh halt in Dreiteufelsnamen selber fort und kauf die Viecher!"

Darauf hatte die Bäuerin schon lange gewartet. Sie suchte den Viehhändler auf und ließ sich sagen, wo sich ihr alter, störrischer Sattelochs befand. Und sie ging hin und kaufte ihn wieder zurück und noch einen dazu, der ähnliche aggressive Eigenschaften besaß. Der Bauer schlug vor Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammen, als er das Gespann sah. Um des lieben Friedens willen sagte er aber kein Wort. Wenn sie der Bäuerin gefielen, dann mussten sie auch ihm wohl oder übel recht sein.

Doch als er an einem Spätherbstmorgen den Wagen anspannen wollte, geschah es, dass der Sattelochs ausschlug und den Bauern so unglücklich traf, dass er wie tot umfiel und ins Bett gebracht werden musste. Als der Bauer wieder halbwegs zur Besinnung kam, beschwor er sein Weib, umgehend den Doktor zu rufen. Aber anstatt Hilfe zu holen, ging sie in die Scheune und holte einen Arm voll bestes Heu, um es dem Sattelochsen gewissermaßen zum Dank für seine gute Tat vorzuwerfen. Die Bäuerin rechnete bereits damit, dass der Bauer in wenigen Stunden das Zeitliche segnen würde. Soviel sie gesehen hatte, waren ihm etliche Rippen gebrochen und der halbe Brustkorb eingedrückt.

Hilfeschreie aus dem Stall

Als die Bäuerin mit dem Heu den Stall betrat, rauften gerade die beiden Ochsen miteinander, die sie in der Eile vergessen hatte anzuhängen. Sie rief ihren Buben, um die zwei zu trennen.

Und nun geschah das Unheimliche: Die Ochsen ließen auf der Stelle voneinander ab und gingen auf die los, die es gewagt hatten, sich in ihren Streit einzumischen, und trieben sie mit ihren Köpfen gegen die Mauer. Mutter und Sohn schrien um Hilfe. Und je lauter sie schrien, desto wilder wurden die Ochsen. Sie bohrten die Hörner in die Leiber ihrer Opfer, schleuderten sie gegen Wand und Decke und ließen nicht eher von ihnen ab, bis sie keinen Laut mehr von sich gaben.

Das Schicksal wollte es, dass bloß der Bauer mit dem Leben davonkam und bald wieder im Haus und auf dem Feld nach dem Rechten sehen konnte. Seine zweite Frau war ihm eine gute und fleißige Bäuerin, so dass Glück und Wohlstand auf den Hof zurückkehrten. Jedes Jahr in der Christnacht dachte der Bauer an jene unheimlichen Stunden zurück, die sein Leben für immer verändern sollten. Bis ins hohe Alter schrieb er an Heiligabend mit geweihter Kreide an die Stalltür: "Gottes Wege sind wundersam!"

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