Herzogenaurach

Die Schicksale der Betroffenen

Mark Deavin hielt am Holocaust-Gedenktag einen Vortrag über Euthanasie im Dritten Reich.
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Mark Deavin bei seinem Vortrag im Sitzungssaal des Rathauses  Fotos: Manfred Welker
Mark Deavin bei seinem Vortrag im Sitzungssaal des Rathauses Fotos: Manfred Welker
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Auf großes Interesse stieß ein Vortrag zu einem wahrlich schwierigen Thema: zur Euthanasie im Dritten Reich. Referent Mark Deavin zeigte mit seinen Recherchen an der Basis, am Ort des Geschehens, die Schicksale von Betroffenen aus Herzogenaurach im Rathaussaal auf.
Mark Deavin studierte Geschichte und Jura an den Universitäten von Leeds und London. Er wurde 1996 mit einer Arbeit über die Anfänge des europäischen Gedankens in Großbritannien an der London School of Economics and Political Science promoviert. Seit 1997 lebt er in Deutschland, seit 1999 in Herzogenaurach. Er arbeitet am Sprachenzentrum der Universität Bayreuth.
Die Frage eines Zuhörers, ob Veröffentlichungen im Internet für Auskünfte herangezogen werden können, konnte er klar verneinen. Für ein derartiges Thema sei Kärrnerarbeit angesagt, erste Hinweise erhalten Forscher meist von betroffenen Familien. Für seine Recherchen war Deavin im Bundesarchiv Berlin, im Archiv in Bamberg und in weiteren Archiven. Zufällig hätten sich einige Krankenakten im Stasi-Archiv erhalten und seien nun zugänglich.


Opfer haben einen Namen

Wichtig war es Deavin auch, mit seinem Vortrag den Euthanasieopfern ihre Namen zurückzugeben. Denn eine Textstelle im Talmud besagt: "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist." Die meisten Getöteten sind Opfer der Aktion T4 geworden, bei der systematisch mehr als 70 000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen von 1940 bis 1945 ermordet wurden. T4 ist die Abkürzung für die Zentraldienststelle Tiergartenstraße 4 in Berlin.
Wurden zu Beginn noch ganze Heil- und Pflegeanstalten von ihren Opfern komplett "geleert", so erfolgte die Tötung des "lebensunwerten Lebens" ab 1942 nach offiziellen Protesten von kirchlicher Seite nicht mehr zentral, sondern dezentral und dadurch weniger offensichtlich. Im Lauf der Zeit waren zu viele Details an die Öffentlichkeit gelangt und hatten für Unruhe in der Bevölkerung gesorgt.
Clemens August Kardinal Graf Galen, Bischof von Münster, hatte in einer Predigt am 3. August 1941 geäußert: "Nein, ich will den Vergleich nicht bis zu Ende führen. So furchtbar seine Berechtigung ist und seine Leuchtkraft! Es handelt sich hier ja nicht um Maschinen, es handelt sich nicht um ein Pferd oder eine Kuh, ... Nein, hier handelt es sich um Menschen, unsere Mitmenschen, unsere Brüder und Schwestern! Arme Menschen, kranke Menschen, unproduktive Menschen meinetwegen! Aber haben sie damit das Recht auf das Leben verwirkt? Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind, solange wir von den anderen als produktiv anerkannt werden?"


Herzogenauracher Opfer

Sehr unterschiedlich sind die Biografien der Herzogenauracher Opfer. Darunter waren durch den Ersten Weltkrieg Traumatisierte, Schizophrene, Epileptiker, Paraphreniker oder körperlich Behinderte.
Der Metalldrücker Johann Wellein, (18.6.1880 bis 10.7.1940) wurde in Grafeneck vergast. In Pirna Sonnenstein starben eines gewaltsamen Todes der Kriegsinvalide Heinrich Peetz (22.8.1894 bis 29.10. 1940), der Schuhmacher Friedrich Hüttinger (10.6.1873 bis 08.11. 1940) und die Mineralwasserhändlertochter Dorothea von Fleckinger (19.8.1901 bis 28.2.1941). In Schloss Hartheim, bei Alkoven in Oberösterreich, starben die Kontoristin Rosa Staudigel (19.3.1901 bis 22.11.1940), die Dienstmagd Justine Fischer (10.12.1887 bis 3.12.1940), die Hausfrau und Mutter Babette Dietz, geb. Bitter, (27.2.1901 bis 7.12.1940), die Hausfrau und Mutter Anna Geinzer, geb. Römmelt, (6.11.1901 bis 1.4.1941), die Lehrerin Erna Müller (23.11.1902 bis 1.4.1941) und der Tabakhändler Hubert Dassler (20.11.1891 bis 24.6.1941).
Zehn der Herzogenauracher Opfer wurden in Tötungsanstalten vergast, weitere drei hungerte man aus oder tötete sie mit einer Überdosis Medikamente.
Der Fabrikschuster Andreas Wellein (10.10.1878 bis 29.12.1940) starb in der Heil- und Pflegeanstalt Kutzenberg, genauso Babette Jordan (30.7.1909 bis 29.7.1941). Wilhelm Eichner starb (31.5.1929 bis 16.1.1945) in Bruckberg bei Ansbach.


Rathgeber rettet Schwester

Die Familien hatten meist kaum die Möglichkeit, ihre Angehörigen zu besuchen, per Post erhielten sie die Nachricht von ihrem Tod, meist mit dem Hinweis, dass die Verstorbenen verbrannt und ihre Urne beigesetzt wurde.
Nur in einem Fall gelang es, eine Insassin aus einer Anstalt zu befreien. Auf eine Frage von Gotthard Lohmaier konnte Mark Deavin anführen, dass es dem Herzogenauracher Stadtpfarrer Franz Rathgeber 1938 gelang, seine Schwester aus Kutzenberg zu retten.
Mark Deavin schloss seinen Vortrag mit einem Zitat von Götz Aly aus seinem Werk "Die Belasteten - Euthanasie 1939 bis 45. Eine Gesellschaftsgeschichte". Es lautet: "Es sind vor allem die Namen der Toten, an die heute erinnert werden muss....(die) waren keine anonymen Unpersonen, deren Namen unterhalb der Schamgrenze liegen oder unter das Arztgeheimnis fallen. Sie waren Menschen, die vielleicht nicht arbeiten, aber lachen, leiden und weinen konnten - jeder Einzelne von ihnen eine unverwechselbare Persönlichkeit."
Die anschließenden Fragen aus dem Auditorium richteten sich auch auf die Konsequenzen für die damaligen Verantwortlichen nach dem Kriegsende. So wurde der Leiter von Pirna-Sonnenstein hingerichtet, die Ärzte kamen meist ungeschoren davon.
Im Gespräch wiesen einige Wortmeldungen darauf hin, dass die Verschleierungstaktik der Behörden sehr effektiv und kaum etwas bekannt war. Wie es Peter Bucher formulierte, hatten die, die etwas wussten, auch Angst, sich zu offenbaren. Manfred Braun wies auf das Klima der Angst hin, das in der NS-Zeit herrschte. Bürger wurden auch einzeln befragt und ab 1936 in die Partei gezwungen. "Man muss differenziert urteilen", meinte er dazu.


Ausstellung im Stadtmuseum

Bürgermeister German Hacker hatte die Einleitung übernommen und würdigte auch die Arbeit Mark Deavins mit einem kleinen Präsent. Das Thema des Vortrags soll im Herbst dieses Jahres auch im Stadtmuseum mit einer Ausstellung gewürdigt werden.
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