Bamberg
KOMMENTAR von Michael Memmel

Die Reise kann beginnen

Timing ist alles. Das gilt für die Ankündigung, für das Amt des Oberbürgermeisters kandidieren zu wollen. Das gilt auch für den Start zum großen Familienurlaub. Wer schon Mitte der Nacht aufbricht, si...
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Timing ist alles. Das gilt für die Ankündigung, für das Amt des Oberbürgermeisters kandidieren zu wollen. Das gilt auch für den Start zum großen Familienurlaub. Wer schon Mitte der Nacht aufbricht, signalisiert: Ich freu' mich riesig auf die Reise und kann es gar nicht erwarten, dass es endlich losgeht. Ich fahr' vor dem Stau und will bald am Ziel sein, damit die Kinder noch lange etwas vom ersten Urlaubstag haben - schließlich habe ich tolle Pläne für die nächsten Wochen. Blöd nur, wenn die Kinder beim Start selig schlummern und nicht mitkriegen, welche Mühen ich für sie auf mich nehme, und sie - kaum sind sie wach - wegen jeder Kleinigkeit rumnörgeln.

Einer solchen Voreiligkeit hat sich Andreas Starke nicht verdächtig gemacht. Er hat sich von zwei vorauspreschenden Nachbarn nicht zu einem hektischen Wettrennen hinreißen lassen und bis zur Sandkerwa-Woche gewartet, um seinen Motor zu starten. Zufall kann das nicht sein: Der Zeitpunkt seiner Erklärung garantiert ihm, dass seine erneute Kandidatur das Gesprächsthema Nr. 1 bei Bambergs Volksfest Nr. 1 sein wird. Anders ausgedrückt: Er stellt sicher, dass die Kinder seinen Aufbruch mitkriegen und seine Selbstsicherheit am Steuer bestaunen. Denn natürlich hat er den Verkehr bestens eingeschätzt und seine Fahrzeit dahingehend optimiert, dass ihm kein Desinteresse am Urlaub, ist gleich Amt, vorgeworfen werden kann. Trotz der nun erfolgten Offenbarung müssen erst die Sommerferien zu Ende gehen, ehe der Wahlkampf so richtig beginnt. Ein halbes Jahr wird es dann auf Hochtouren zur Sache gehen - nur verständlich, dass sich der Amtsinhaber einen längeren, kräftezehrenden Trip ersparen wollte.

Um was wird es während dieser Fahrt gehen? Starke muss zum einen beweisen, dass er noch genügend Benzin im Tank hat - nicht nur für die Hinfahrt, sondern für den ganzen, langen Urlaub. Und er muss den Kindern für den dritten Urlaub in Folge in Aussicht stellen, dass er sich noch mal ein ganz neues Programm mit vielen Überraschungen hat einfallen lassen. Sowas wie ein Hotelzimmer mit Aussicht auf die Linderung der Wohnungsnot oder das Erklimmen des Fahrradgipfels. In den Rückspiegel schauen muss er zumindest nicht: Wer nach ihm den Wagen packt und abbraust, ist zu spät dran, wird im Stau stehen und meint es mit dem ganzen Urlaub nicht so recht ernst. Und doch: Kurz vor dem Ziel dürfte diesmal wieder eine weitere, zuletzt vermiedene Rast anstehen, bei dem er sich mit einem der beiden überstürzt aufgebrochenen Nachbarn ein Hauen und Stechen um die Kinder liefern muss. Es ist bestimmt kein Fehler, für diesen Fall noch etwas Süßes im Handschuhfach liegen zu haben.

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