Zeil am Main

"Die Opfer schreien zu Gott"

Der Bamberger Kirchengeschichtler Norbert Jung sprach in Zeil über die Hintergründe der Hexenverfolgung.
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Nach seinem Vortrag sprach Norbert Jung (rechts) mit den Zuhörern; hier mit Franz Hoffmann und Martin Schlegelmilch (von links).  Foto: ms
Nach seinem Vortrag sprach Norbert Jung (rechts) mit den Zuhörern; hier mit Franz Hoffmann und Martin Schlegelmilch (von links). Foto: ms

Ein volles Haus hatte das Dokumentationszentrum "Zeiler Hexenturm" beim Vortrag von Norbert Jung über die Rolle der Kirche bei den Hexenverfolgungen. Der Priester aus dem Erzbistum Bamberg beleuchtete die Hintergründe, die zu den Verfolgungswellen führten. Im 17. Jahrhundert wurden etwa 1000 Menschen als sogenannte Hexen in Bamberg getötet. Über 400 Menschen kamen in Zeil in der Zeit zwischen 1616 und 1632 zu Tode. Zeil galt damals als der "Brennofen" von Bamberg. Im Dokumentationszentrum "Zeiler Hexenturm" werden die Geschehnisse von damals beschrieben - und vor allem wird dort der Menschen gedacht, die zu Opfern geworden sind.

"Um die schrecklichen Geschehnisse der Hexenverfolgung verstehen und beurteilen zu können, müssen wir uns in die damalige Lebens- und Gedankenwelt hineinversetzen können." Damit das gelingen kann, gab Norbert Jung, der Leiter der Hauptabteilung Kunst und Kultur des Erzbistum Bamberg, einen umfassenden Überblick über die theologiegeschichtliche Entwicklung des Hexenglaubens. Angefangen bei den biblischen Grundlagen, über die Theologie des Kirchenvaters Augustinus und die päpstlichen Anweisungen zog er die historischen Linien weiter über die Verbreitung des "Hexenhammers", den Befürwortern und Gegnern der Hexenverfolgung bis hin zur Verurteilung der letzten Hexe, der Ordensfrau Anna Renata Singer, die 1749 in Würzburg starb.

Ein Schwerpunkt dabei war das Leben und Wirken des Bamberger Weihbischofs Friedrich Förner, der 1570 in Weismain geboren wurde. Hier wurde die politische und moralische Verantwortung des Klerus in der frühen Neuzeit klar. Als fanatischer Ideologe wollte Förner zusammen mit Fürstbischof Johann Georg II. Fuchs von Dornheim die Hexen ausrotten und trug wesentlich zur Aufheizung des Klerus und des Volkes bei.

Den dritten Teil des Abends nahm die Frage nach einem angemessenen Umgang der heutigen Kirche mit der Vergangenheit ein. An erster Stelle stand dabei, dass die historischen Tatsachen zur Kenntnis genommen werden müssten. Konkret führte Jung an: Die Hexenverfolgungen fanden nicht im finsteren Mittelalter statt, sondern erst im 17. Jahrhundert, in der sogenannten frühen Neuzeit. Die Konfession war in Bezug auf die Opferzahlen unerheblich. In Deutschland gab es rund 25 000 Opfer. Alle Hexenprozesse waren juristische Prozesse eines weltlichen Gerichts. Die Opfer waren keine weisen, kräuterkundigen Frauen, sondern Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung. Ursächlich war ein Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren. Die schlechte Witterung der kleinen Eiszeit, die große Teuerung und großes Elend über die Bevölkerung brachte, spielte ebenso eine Rolle wie der Druck aus der Bevölkerung, die Unholde zu beseitigen, oder wie die religiöse Überzeugung als erhebliche Macht, die zum Handeln motiviert hatte.

Daran schloss sich die Frage nach dem Umgang der Kirche mit ihrer moralischen Schuld an. Die seriöse Aufarbeitung der Historie und die Erinnerung im Gebet gehören hier laut Jung genauso dazu wie ein Eintreten für die Abschaffung der Hexenverfolgungen der heutigen Zeit, so der Referent des Abends. "Die Opfer schreien zu Gott, sie klagen zum Himmel. Das ist unsere Hypothek, mit der wir umgehen müssen", betonte der Priester.

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