Bamberg

Die Menschenrechte vor Gericht

Das WildWuchs-Theater hat sich mit dem dokumentarischen Stück "Srebrenica. Nie wieder!?" dem Völkermord an den bosnischen Muslimen gewidmet - der größte Völkermord in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Wie gehen wir damit um?
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Therese Frosch als Jean-René Ruez, Chefermittler der Anklagebehörde Foto: Denis Meyer
Therese Frosch als Jean-René Ruez, Chefermittler der Anklagebehörde Foto: Denis Meyer

Niklas Schmitt Nach einer Deutung des Philosophen Srecko Horvat ist der Balkan das Unterbewusstsein Europas. Auf dem Balkan wurde der erste Weltkrieg ausgelöst. Und während sich in Deutschland alle über die Wiedervereinigung gefreut haben, gab es auf dem Balkan einen Krieg, in dem die serbisch-bosnische Armee 1995 einen Völkermord an den bosnischen Muslimen begangen hat, dem über 8000 Menschen zum Opfer gefallen sind.

Weder Versorgung, noch Hygiene

Männer wurden reihenweise hingerichtet, Frauen vergewaltigt, auch jene, die sich in einer Schutzzone der Vereinten Nationen unter der Leitung des niederländischen Offiziers Thomas Karremans befanden.

Srebrenica war umstellt, Versorgung und Hygiene konnten kaum gewährleistet werden, der Niederländer hatte zu wenige Kräfte, um sich gegen die Offensive der serbischen Armee zu wehren. Der angeforderte Luftschlag fiel zu gering aus, um helfen zu können.

Darstellung und Anklage

Man weiß recht wenig über die Staaten Ex-Jugoslawiens. Warum ist der Vielvölkerstaat zusammengebrochen, was hat zu den Bosnien-Kriegen in den 1990er Jahren geführt? Wo kam der Hass her, mit dem sich die serbischen Soldaten an den bosnischen Muslimen vergangen haben?

Das WildWuchs-Theater hat nun den Völkermord mit einem Stück nach dem englischen Dramatiker Nicolas Kent thematisiert: "Srebrenica. Nie wieder!?" Regisseurin Christine Renker versucht, den Spagat zwischen Darstellung der schrecklichen Ereignisse und der Anklage des mitteleuropäischen Versagens in Einklang zu bringen.

Das Stück selbst erzeugt in seiner Nüchternheit, die durch den engen Raum in der Gaststätte "Drei Linden" unterstützt wird, einen großen Schrecken. Denn der Text ist nichts anderes als ein übertragener Ausschnitt aus dem Den Haager UN-Tribunal, das 24 Jahre nach dem Massaker versucht hat, die Schuldfrage zu klären.

Dabei werden nicht die Hauptverantwortlichen - Ratko Mladic, Slobodan Miloševic oder Radovan Karadzic - in den Fokus gerückt, sondern auf serbischer Seite jemand, der an den Erschießungskommandos teilgenommen hat.

Zuerst gibt es die Befragung von Jean-René Ruez. Therese Frosch stellt den Chefermittler der Anklagebehörde kalt dar, manchmal vielleicht etwas zu sehr, wie man sich einen solchen Bürokraten vorstellt. So wird aber der Zuschauer erst einmal auf den Stand der Umstände gebracht.

Evakuierung oder Deportation

Das Stück nähert sich also deduktiv dem, worum es in solchen Fällen geht: dem einzelnen Mord mehrerer Täter an zahlreichen Opfern. Das allerdings ohne direkte Darstellung der Tat, sondern indirekt anhand der Darstellung des Gerichtsprozesses.

Das ist natürlich klug, denn die Gemengelage ist kompliziert und für Außenstehende ist es schwierig, eine Position zu beziehen, für die sie nicht gleich von der Gegenseite verteufelt wird.

Der Prozess aber ist im Gegensatz zu dem Massaker 1995 gut dokumentiert. Folgt man den drei Befragungen, ist man erst einmal betroffen von der rohen Gewalt, von der berichtet wird und die anhand von Bildern und Karten eindrücklich vor Augen geführt wird.

Zwangsläufig stellt man sich aber auch die einzige Frage, zu der man als Unbeteiligter und Deutscher berechtigt ist: Wie sind die Vereinten Nationen mit dem Völkermord umgegangen?

Dazu dient die Befragung von Oberst Karremans, dessen Hilflosigkeit von Daniel Reichelt gut getroffen ist: "Ich fragte, was mit meinen Waffen passiert sei und dass ich sie gerne zurückhätte."

Karremans war für den Schutz der Zivilbevölkerung zuständig. Interessant seine Wortwahl: Während er von der "Evakuierung" der in Lagern gesammelten Bevölkerung durch die serbische Armee sprach, bezeichnete das Gericht den Abtransport zu den Gräbern als "Deportation".

Sprache bildet das Denken und es hilft, wenn die Sprache klar ist, wie vor Gericht, um die feinen Unterschiede heraushören zu können.

Wie wenig die Zuschauer sich mit ihrer Meinung aus dem Fenster lehnen dürfen, erfahren sie in den Erzählungen von dem bosnisch-serbischen Milizionär Dražen Erdemovic. Johannes Haußner verleiht ihm den nötigen Grusel, beeindruckend aber auch die verzweifelte Menschlichkeit, die in seinen Antworten steckt

Gestellt hatte er sich freiwillig. Er hatte eine Frau und versuchte, irgendwie seine Familie zu ernähren. Dazu wechselt er die Armeen und Seiten und wird, als er mit Gewehr in der Reihe hinter den Muslimen steht, mit einer einfachen, aber für einen Menschen mit Gewissen nicht richtig zu beantwortenden Frage konfrontiert: Wenn du nicht schießt, kannst du dich dazu stellen. Was macht man in solch einer Situation?

Reizmittel für moralisches Denken

Es ist der Fokus auf jene Akteure, die die Gemengelage vor Ort so plastisch vor Augen führen. Was der Zuschauer damit macht, welche politischen oder moralischen Schlüsse er daraus zieht, obliegt ihm selbst.

Dass am Ende des Stückes die Schauspieler noch darüber reflektieren müssen, ob sie sich nun, nachdem sie ihrer Pflicht zur Erinnerung genüge getan haben, besser fühlen, hilft dabei nicht. Relativ schwach bleiben die Antworten auf die Frage, der sich am Ende die Schauspieler stellen müssen: Warum haben Sie ausgesagt?

Wenn dort der Satz fällt, "wir machen das für Leute, die ähnlich denken wie wir", dann macht das Theater nichts anderes als der Völkergerichtshof in Den Haag: ein Schauprozess der Selbstbestätigung. Das Stück war es nicht, nur das etwas unbeholfene Gespräch am Ende. Dennoch: Notwendig ist beides, Aufarbeitung und Diskussion. Dieses Stück ist ein Reizmittel für moralisches Denken.

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