Ditterswind
Himmlische Aussichten

Die Menschen brauchen einen tragfähigen Grund

Es gibt nur eine Mitte und keine andere Mitte, keine linke Mitte und keine rechte Mitte; es gibt eine Position der Mitte!" Mit diesem fast lyrischen Wortgebilde konnte in den 80er Jahren des letzten J...
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WolfgangScheidel
WolfgangScheidel

Es gibt nur eine Mitte und keine andere Mitte, keine linke Mitte und keine rechte Mitte; es gibt eine Position der Mitte!" Mit diesem fast lyrischen Wortgebilde konnte in den 80er Jahren des letzten Jahrtausends ein gewichtiger bayerischer Politiker die Sehnsuchtsposition fast aller politisch Aktiven für sich und seine Partei reklamieren.

Nach der Landtagswahl in Thüringen am vergangenen Sonntag konnten wir es wieder miterleben, wie am Wahlabend die Vertreter aller Parteien sich selbst in der jeweiligen "bürgerlichen Mitte" angesiedelt sahen.

Mich erinnert das Ganze an eine Attraktion auf dem Münchner Oktoberfest. Auf dem Teufelsrad, einer sich zuerst langsam, dann immer schneller drehenden großen Holzscheibe, versuchen die Freiwilligen, möglichst nahe am Zentrum des Rades einen Halt zu finden, um nicht durch die Zentrifugalkraft aus dem Rennen geschleudert zu werden. Sieger ist, wer als letzter auf dem Rad ist, und das ist eben derjenige, der die Mitte besetzt.

Andererseits, was nützt die ganze Suche nach der Mitte, wenn ich keinen festen Boden unter den Füßen habe? In der Politik ist es unser Grundgesetz, auf dessen Boden sich alle Parteien zu bewegen haben. (Und ich würde mir wünschen, dass es sich bei den diesbezüglichen Aussagen ausnahmslos nicht um bloße Lippenbekenntnisse handelt ...) Ohne den Boden, ohne einen festen Grund gibt es keinen Halt, und der freie Fall ist vorprogrammiert - oder auch der Dauerkonflikt.

Einen solchen gab es ja über Jahrhunderte hinweg auch zwischen der katholischen Kirche und den Kirchen der Reformation. Es waren auch in diesem Fall die jeweiligen Versuche, die "Mitte" mit entsprechendem Absolutheitsanspruch zu besetzen und den jeweils anderen an den Rand zu drängen.

Gottseidank trat vor mehr 25 Jahren die Frage nach dem tragfähigen Grund ins Zentrum der Diskussion. Die Kirchen erinnerten sich an ein Wort des Apostels Paulus: "Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus." (1. Kor. 3,11)

Und als eine Zwischenstation wurde vor 20 Jahren die "gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" verfasst, beschlossen und der Öffentlichkeit vorgestellt. Nicht mehr das Trennende wurde betont, sondern das Gemeinsame. Nicht mehr die eigene Position durch Abgrenzung vom Anderen gefunden, sondern ein gemeinsamer Raum des gegenseitigen Respekts, der Anerkennung und auch des gemeinsamen Auftrags eröffnet; ein Weg, dessen Ende noch lange nicht in Sicht ist. Aber diesen Weg zu gehen lohnt sich.

Hermann Hesse geht in seiner Erzählung "Robert Aghion" aus dem Jahr 1912 sogar noch weiter. Darin hat die Hauptperson, ein britischer Missionar in Indien, den folgenden Traum: Ein Hindu-Tempel und eine Kirche stehen gegenüber auf einem Platz. Plötzlich verlässt die bildliche Darstellung Gottvaters ihren Sockel und macht sich auf den Weg zum Hindu-Tempel, während von dort die Götter und Götzen zur Kirche herüberkommen. "Sie alle wurden von Gottvater begrüßt, der sodann in den Hindu-Tempel eintrat (...). Die Heidengötter (...) besuchten einmütig die Kirche, fanden alles gut und hübsch (...) und so entstand ein Umzug der Götter und Menschen zwischen Kirche und Tempel; Gong und Orgel tönten geschwisterlich ineinander." Ein Traum nur, aber er lässt erahnen, was möglich ist, wenn sich der Raum auf gutem und tragfähigem Grund weitet - in den Kirchen und vielleicht sogar auch in den politischen Landschaften...

(Wolfgang Scheidel ist evangelischer Pfarrer in Ditterswind.)

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