Bamberg

Die mahnende Stimme von Auschwitz

Eine Reise auf jüdischen Spuren in Polen war den Opfern der NS-Zeit geschuldet, aber auch den Opfern von Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit in heutiger Zeit.
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Auschwitz - hier das Eingangstor - ist das Symbol für den millionenfachen Mord an Juden und weiteren Opfern des Naziterrors.
Auschwitz - hier das Eingangstor - ist das Symbol für den millionenfachen Mord an Juden und weiteren Opfern des Naziterrors.
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Marion Krüger-Hundrup Ja, es ist ein fröhlicher Abend in Kazimierz im jüdischen Viertel der Weichselmetropole Krakau. Die Kellnerin serviert Gefillten Fisch und andere traditionelle Gerichte, koscheren Weißwein, das Klezmertrio "Nazzar" spielt auf. Junge Krakauer und Touristen sitzen einträchtig an den runden Tischen in der gemütlichen Gaststube. Der Blick aus den Fenstern fällt auf eine Synagoge aus weißem Sandstein und weitere typische Restaurants.

Über deren Eingängen prangt die Kennzeichnung "jüdisch" in Englisch und Hebräisch. Doch Kazimierz ist alles andere als nur eine Art beliebtes Museumsdorf nahe der Altstadt von Krakau: Etwa 300 Juden leben hier, beten in insgesamt vier Synagogen, beerdigen ihre Toten auf dem kleinen jüdischen Friedhof. Vor dem Zweiten Weltkrieg war Kazimierz eines der wichtigsten jüdischen Zentren in Europa. 70 000 Juden wohnten darin. Für die meisten endete ihr Lebensweg in Auschwitz - nur 70 Kilometer entfernt.

Wehmütig-klagend klingt die Melodie, die die beiden Straßenmusikanten vor dieser weißen Synagoge an der Ulica Szeroka ihren Celli entlocken. Eine Melodie, die das unfassbare Grauen zu übertönen versucht.

Vergeblich! Auschwitz steht für ein konkretes historisches Ereignis, für eine Wunde, die nie heilen wird. Das größte Konzentrations- und Vernichtungslager des Dritten Reichs wurde zum Symbol für den jüdischen Holocaust, die Schoa: ein Symbol für das Schicksal Polens während des Naziterrors. Und zwar ein sichtbares Symbol, wie der schwere Gang durch die 1947 gegründete Gedenkstätte auf dem Gelände der ehemaligen Lager Auschwitz I und Auschwitz II-Birkenau zeigt.

Die junge Polin Martina führt überwiegend Deutsche durch die Gedenkstätte, die weitgehend im Originalzustand erhalten ist. Bei ihren Erklärungen lässt Martina nichts aus, schont niemanden der Nachgeborenen. Authentische Lagerblöcke, Baracken und Wachtürme, Ruinen von Gaskammern und Krematorien, Menschenasche, Hinrichtungsstätten mit Galgen und Todeswand, berührende Beweise der Verbrechen wie fast zwei Tonnen Frauenhaare, die den Opfern abgeschnitten wurden, Berge von Kinderschuhen: Wo war der Mensch in Auschwitz? Wo war Gott in Auschwitz?

Diesen und ähnlichen Fragen stellt sich Pfarrer Manfred Deselaers, Programmleiter des Zentrums für Dialog und Gebet in Auschwitz. Das Zentrum ist eine Einrichtung der katholischen Kirche, aber offen für alle, die nach Auschwitz kommen und die Gedenkstätte besichtigen wollen.

Aufgaben in Auschwitz

"Wir helfen dabei, sich hier aufzuhalten, Kontakt zu bekommen zur Gedenkstätte, zu Überlebenden; ernst zu nehmen, was dort geschehen ist, darüber nachzudenken, miteinander ins Gespräch zu kommen, das ins Gebet zu nehmen. Wir verstehen uns also vor allem als helfende Gegenwart am Rande von Auschwitz", erklärt Pfarrer Deselaers, der vom Bistum Aachen für seine Aufgaben in Auschwitz freigestellt wurde.

Das gastfreundliche Zentrum ermöglicht internationale und interreligiöse Begegnungen. Es will dazu beitragen, eine Welt des gegenseitigen Respekts, der Versöhnung und des Friedens zu gestalten. Doch kann Versöhnung, Dialog tatsächlich funktionieren in dieser unmittelbaren Nähe zu Massenmord und Vernichtung?

Pfarrer Manfred Deselaers sagt klar: "Ja, das heißt: Wir müssen lernen, erst mal wahrzunehmen, dass es noch offene Wunden gibt. Die Geschichte ist nicht einfach abgeschlossen, die offene Wunde betrifft die Erinnerung, die gegenwärtig wird wieder als: Das war möglich, also ist das möglich."

Zuerst zuhören

Für den Priester beginnt Dialog mit Schweigen und Zuhören. Es gelinge im Zentrum, aber vor allem auch in der Stadt Oswiecim, wie Auschwitz auf polnisch heißt, auf dieser Basis Versöhnungsarbeit und Friedensverantwortung für die Zukunft zu gestalten. Gäste aus der ganzen Welt, aus allen Religionen oder ohne Religion und mit ihren Wunden: "Jeder darf hier, aber niemand muss über Auschwitz reden oder nur so viel wie er will", so Pfarrer Deselaers.

Zuhören bedeute: "Ich mache mein Herz auf und lass den anderen rein. Das heißt, was er oder sie mir erzählt, dass ich das ernst nehme zu verstehen, versuche es wenigstens zu spüren, worum es da geht. Dann wird das ein Teil meiner Welt, dann wird das, bleibt das in mir und ist ein Teil, wie ich die Welt sehe. Und so wächst allmählich eine gemeinsame Welt."

Für Pfarrer Deselaers sind gerade die vielen jungen Menschen, die nach Auschwitz kommen, ein Hoffnungszeichen für diese gemeinsame Welt in Frieden und Versöhnung. Der Priester begleitet in diesen Tagen aufmerksam 22 Schüler der 10. und 11. Klasse des Sankt-Georg-Gymnasiums Bocholt. Mit vier Lehrern haben sie sich in den Ferien freiwillig auf den Weg nach Auschwitz gemacht.

Was werden sie mit ihren hier gemachten Erfahrungen anfangen? Die 17-jährige Schülerin Anna-Lena etwa will ihre Erlebnisse weitertragen, zumal es "auf der Welt genug Menschen gibt, die Auschwitz immer noch verleugnen und das, was damals passiert ist", beklagt sie.

Der Schüler Konstantin, 18 Jahre alt, nickt zustimmend. Dann bezieht er sich auf Phänomene in Deutschland wie wachsenden Antisemitismus, Rassismus und generelle Angst vor allem Fremden:

"Ich habe hier sehr stark zu spüren bekommen, dass man, egal, wo ein Mensch herkommt, und egal, welche Nationalität er hat, nicht unterscheiden darf. Menschen sind Menschen, und jedem Menschen - das ist eigentlich die Voraussetzung - muss man helfen, wenn man die Möglichkeit dazu hat." Konstantin will sich dieser Aufgabe nach seinem Besuch in Auschwitz stellen.

Eine wahre Herkulesaufgabe. Denn gerade antisemitisch motivierte kriminelle Handlungen wie Sachbeschädigung, körperliche Gewalt, Beleidigungen bis zur Morddrohung nehmen in Deutschland zu. Dabei werden viele Straftaten gar nicht erst angezeigt. Auch in Bayern steigt der Judenhass, wie Zahlen aus dem Bayerischen Landeskriminalamt belegen: Demnach hat es 2018 im Freistaat 219 Straftaten mit diesem Hintergrund gegeben, im Jahr zuvor waren es 148. Und der sogenannte Alltags-Antisemitismus mit Vorurteilen und Stereotypen fließt in die Kriminalstatistik erst gar nicht ein. Der frühere Kultusminister Ludwig Spaenle, jetzt Beauftragter der Staatsregierung für Jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, ist alarmiert.

Tiefpunkt

"Auschwitz ist der Ort, der für das größte Moment des Absturzes in der Menschheitsgeschichte steht. Das Singuläre des Verbrechens besteht im industriellen Massenmord an Menschen aus ideologischen Gründen. Es gibt kein anderes Verbrechen, das eine solche Dimension und eine solche Begründetheit hat. Die Auseinandersetzung mit Judenfeindlichkeit ist dabei ein wichtiges Moment", sagt er unserer Zeitung. Geschichte müsse erinnern, Geschichte müsse mahnen: "Aber wir müssen uns deutlich breiter aufstellen in der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus, mit seinen historischen Wurzeln, aber auch seinen aktuellen Befindlichkeiten", betont Spaenle. Er spricht eine Dimension an, die besonders fordert: "Das ist die digitale Revolution. Im Nirwana des Netzes ist dem Wahnsinn keine Grenze gesetzt."

Uralte Wurzeln

Ludwig Spaenle macht klar, dass Antisemitismus nicht auf Deutschland beschränkt, sondern ein weltweites Phänomen ist. Er spricht von uralten Wurzeln, von Antijudaismus, Verfolgungen, Vertreibungen, Pogromen in der langen Geschichte des Judentums. Es gebe also eine Vielzahl von einzelnen Tatbeständen gegen diese prominenteste Minderheit auf dem Erdball, die nur in ihrem eigenen Staat Israel in der Mehrheit ist. Als ein Beispiel führt der CSU-Politiker islamistisch geprägten Antisemitismus an: "Es sind junge Menschen zu uns gekommen und Erwachsene aus Staaten, in denen der Hass auf Israel, die Vernichtung Israels zur Staatsdoktrin gehört und letztlich auch seit der ersten Schulklasse unterrichtet wird." In einem "Erziehungsprozess" müssten sie "mit den Gepflogenheiten und dem Wertekodex unserer Gesellschaft sowie in der Wahrnehmung des Bildes von Israel beeinflusst werden", fordert der Antisemitismus-Beauftragte.

Auch die Bamberger Rabbinerin Yael Deusel, Vorstandsmitglied in der Allgemeinen Rabbinerkonferenz in Deutschland, appelliert an ihre Mitbürger, gegenüber antisemitischen Strömungen wachsam zu sein: "Ich finde es sehr wichtig, die Augen offen zu halten, Zivilcourage zu zeigen da, wo es angebracht ist." Dies gelte nicht nur für den Antisemitismus, sondern auch für alle anderen Aspekte von Gewalt, von Ausgrenzung, von Angriffen auf Menschen anderer Hautfarbe, Menschen mit Kippa, erklärt die Rabbinerin.

So sei Auschwitz "ein ganz wichtiger Leuchtturm der Mahnung, dass so etwas nie wieder passieren darf", so Yael Deusel. Die Botschaft von Auschwitz dürfe nicht verstummen. "Auch gerade für die Menschen, die sagen: Es muss doch irgendwann mal Schluss sein. Ja, womit eigentlich?" Und die Menschen, die jetzt Überlebende des Holocaust seien, würden nun nach und nach sterben. "Wer wird die mahnende Stimme sein? Wer wird das nahebringen können? Umso wichtiger, denke ich, ist die Mahnung von Auschwitz - gerade für junge Menschen."

Den Anfängen wehren

Jedes Jahr im Sommer reist der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick zu den internationalen Jugendworkshops im Zentrum für Dialog und Gebet in Auschwitz. Der Weltkirche-Bischof der Deutschen Bischofskonferenz und Leiter der deutsch-polnischen Kontaktgruppe beider Bischofskonferenzen ruft den jungen Besuchern aus aller Welt zu: "Lasst Antisemitismus, lasst solche Anti gar nicht aufkommen!" Das beginne ja zunächst mit dem Denken, dann mit dem Reden, und dann folgten die Taten. Das Schreckliche, das in Auschwitz geschehen sei, mahne zur Vorsicht im abgrenzenden und ausgrenzenden Denken, im Reden, sagt der Erzbischof. Er fordert dazu auf, andere, die schlecht reden, in die Schranken zu verweisen im Hinblick darauf, was daraus folgen kann. Christliche Gewissenserforschung nach Auschwitz betreffe die zentrale Frage nach einer Mitverantwortung der Christen - damals wie auch heute.

Konsequenzen

"Die Stimme von Auschwitz sagt mir zunächst: Das darf nie wieder vorkommen! Aber dabei darf es nicht bleiben, das muss dann auch Konsequenzen haben", sagt Erzbischof Schick. Nämlich den Einsatz für eine Gleichberechtigung aller Menschen. "Jeder Mensch hat die gleiche Würde, unabhängig von Ethnie, Rasse, von Sprache und Religion." Das sei ein Bildungsauftrag, der zu einer Einstellung, zu einer Haltung für die Gestaltung der Zukunft führen müsse, so Schick.

Wer mit offenen Augen durch die Stadt Oswiecim geht, bleibt unwillkürlich an einer Straßenecke stehen. Das Graffiti an der Hauswand ist unübersehbar. Ein Porträt von Papst Johannes Paul II. und sein mahnendes Wort prägen sich ein: "Antisemitismus ist eine Sünde gegen Gott und die Menschheit."

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