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Herzogenaurach

Die letzten Tage des Volkssturms

Kriegsende (10) Höchstadt wurde am 14. April 1945 von den Amerikanern eingenommen. In Herzogenaurach dagegen herrschte zu diesem Zeitpunkt noch die Ruhe vor dem Sturm.
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Eine Armbinde vom sogenannten Volkssturm im Stadtmuseum Erlangen
Eine Armbinde vom sogenannten Volkssturm im Stadtmuseum Erlangen
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Am 14. April 1945 marschierten die Amerikaner in Höchstadt ein, nachdem sie die Stadt zuvor beschossen hatten. Betroffen waren die Nordseite des Kirchturms und die Turmhaube. Es gab Brände in der Steinweggasse und am Graben sowie in der Bamberger Straße. Die Stadt wurde durch den damaligen Landrat Karl Strecker und Gendarmerieoberleutnant Fleischmann übergeben.

Herzogenaurach bereitete sich erst noch auf die anrückenden Feindtruppen vor. Der Volkssturm hatte unter anderem die Aufgabe, Panzersperren in der Würzburger- und Bamberger Straße anzulegen. In Welkenbach im "Wäldla" links am Hang waren eine MG-Stellung sowie auf der Höhe Richtung Falkendorf Schützenlöcher ausgehoben worden. Das alles wurde aber nie genutzt.

Wie sich eine Herzogenauracherin erinnerte, war die Würzburger Straße von der Fabrik Weiler bis zum Anwesen Fröhlich, Hausnummer 34, mit einer Panzersperre bestückt. Im Hof der Fabrik an der Aurach befand sich außerdem ein Schützenloch mit zwei Soldaten, die mit Panzerfäusten ausgerüstet waren. Glücklicherweise wurden diese am Sonntagabend abgezogen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die einziehenden Amerikaner durch sie beschossen worden wären.

Die Armbinde genügte

Am Samstag, 14. April, wurden die Stellungsbefehle für den Volkssturm ausgetragen. Die Sammelstelle für den Volkssturm war im Volkshaus, Würzburger Straße 15. Eingeteilt waren auch einige Genesene aus dem Lazarett im Liebfrauenhaus. Vorhanden waren fünf Karabiner 98 k, die an die jungen Volkssturmleute gingen. Der Großteil der Truppe wurde zur Hälfte mit Bersaglieri-Stutzen, die andere Hälfte mit französischen langen Gewehren ausgerüstet. Außerdem hatte die Truppe noch drei oder vier Panzerfäuste dabei.

Die Jungen hatten als Bekleidung schwarze Hosen und eine blaue Fliegerjacke. Die meisten trugen allerdings nur eine Armbinde mit der Aufschrift "Deutscher Volkssturm Wehrmacht", um sie als Kombattanten kenntlich zu machen. Die Nacht auf Sonntag, 15. April, wurde im Volkshaus verbracht. Dabei ging z.B. ein französisches Gewehr von selbst los und gab einen Schuss in die Decke ab.

Am Sonntag war frühmorgens Antreten am Rathaus mit etwa 80 bis 90 Personen. Bataillonsführer des Volkssturms war Herbert Kuno. Eingeteilt war die Einheit in drei Kompanien, dazu kam noch eine vierte Kompanie mit Teilnehmern aus den umgebenden Dörfern. Die Marschkolonne sang am Liebfrauenhaus noch aus voller Brust: "Ich bin der Bua vom Aurachtal ..."

Nachdem sie Frauenaurach passiert hatte, zählte die Truppe bei Schallershof nur noch 50 bis 60 Kämpfer - vor allem Junge, denn die Älteren hatten die Gelegenheit genutzt, sich abzusetzen. Über Alterlangen erreichten sie gerade noch die Brücke über die Regnitz nach Bubenreuth, die sie passierten, bevor sie gesprengt wurde. Nachzügler der Herzogenauracher "Kämpfer" kamen nicht über die Regnitz und wollten über Haundorf heimwärts ziehen, wo sie von den Amerikanern abgefangen und an die Franzosen übergeben wurden.

Die Truppe schrumpft

In Bubenreuth geriet die Gruppe unter Beschuss. Kuno ließ die Truppe ausschwärmen und später wieder sammeln - die Zahl der Teilnehmer war erneut geschrumpft. Beim Weiterziehen gerieten sie in MG-Feuer, bei dieser Gelegenheit wurden auch die Fahrräder der Melder zu Schrott geschossen. Sie verzogen sich in den Wald Richtung Burgberg, da die US-Amerikaner entgegen aller bisherigen Annahmen aus Richtung Fränkische Schweiz auf Erlangen vorrückten.

Die Amerikaner hatten den Turm am Burgberg mit der Artillerie beschossen, da sie dort einen Beobachter vermutet hatten. Nach dem Aufstieg auf den Burgberg machten die Herzogenauracher am Turm auf den Schuttresten Brotzeit. Über den "Staffelberg" stiegen sie den Burgberg hinab. Dort trafen sie auf Amtsrichter Heiß mit noch rund 30 Leuten.

Da die Straße zwischen Burgberg und Kanal mit Panzersperren verrammelt war, fuhren die amerikanischen Panzer am 16. April ganz einfach durch den Eisenbahntunnel. Die Herzogenauracher Truppe zog weiter nach Uttenreuth und Spardorf. An den dortigen Bewohnern war die militärische Lage völlig vorbeigezogen, sie arbeiteten im Garten und fragten, was los sei.

Bei Tennenlohe versteckte man sich sicherheitshalber seitwärts in den Büschen und ließ deutsche Panzer in Richtung Nürnberg vorbeifahren. Danach lief die Truppe allerdings zwei Militärpolizisten in einer Beiwagenmaschine über den Weg, die sie zur Verteidigung von Nürnberg schicken wollten. Kuno gab aber seinen eigenen Marschbefehl in Richtung Heimat. Worauf die Militärpolizisten mit der Drohung "Wir kriegen euch!" abzogen.

Besuch im Weinkeller

An der Waldspitze von Eltersdorf warteten die Herzogenauracher in Deckung bis zur Dämmerung. Über die ebenfalls gesprengte Brücke hangelten sie sich an das andere Ufer. Beim Blick rückwärts konnten sie in Richtung Erlangen Feuerschein sehen. Der Rückweg führte sie wieder über Frauenaurach, wo sie den Ribbentrop-Weinkeller heimsuchten. Von den Herzogenaurachern wurden die Feldflaschen gefüllt und auch Wein getrunken. Da sie den ganzen Tag kaum etwas gegessen hatten, stellte sich schnell ein seliges Glücksgefühl ein - umso mehr, als sie von den Bewohnern auch etwas zu essen bekamen.

Währenddessen hatte Kuno Valentin Fröhlich telefonisch verständigt, dass die Herzogenauracher heimkämen. In Marschkolonne bewegten sie sich in der Dunkelheit heimwärts, immer auf der Hut vor Amerikanern oder der Militärpolizei.

Als sie von Neuses nach Niederndorf hineinliefen, überquerte das Sprengkommando vom Fliegerhorst von der jetzigen Peter-Fleischmann-Straße kommend mit drei Kübelwagen die Kreuzung in Richtung Vach. An der Niederndorfer Kirche kam ihnen Fröhlich mit Traktor und Anhänger entgegen, nahm sie auf und fuhr sie nach Herzogenaurach. Am Rathaus wurden alle abgeladen und begaben sich nach Hause.

Der geplante "Kriegseinsatz" war damit zu einem halbwegs guten Ende gekommen.