Wonfurt

Die "letzte Visitenkarte" der Leute

Die Wonfurterin Rosalinde Vogt sammelt Sterbebilder, die sie am Sonntag zeigt. Die Exponate verraten viel über die Menschen.
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Rosalinde Vogt sammelt Sterbebilder. Rund 1000 zeigt die Wonfurterin in einer Ausstellung.  Fotos: Ulrike Langer
Rosalinde Vogt sammelt Sterbebilder. Rund 1000 zeigt die Wonfurterin in einer Ausstellung. Fotos: Ulrike Langer
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Ulrike Langer Es ist die "letzte Visitenkarte" eines Menschen: das Sterbebildchen, das bei einer Beerdigung an die Trauergäste ausgegeben wird. Es soll die Erinnerung an einen lieben Verstorbenen wachhalten und dazu anregen, an ihn zu denken und für ihn zu beten. 1000 solcher Sterbebilder von 1893 bis heute hat Rosalinde Vogt aus Wonfurt gesammelt. Sie werden am Sonntag, 17. November, von 13 bis 18 Uhr in der Ausstellung "Die letzte Visitenkarte" im Pfarrzentrum Wonfurt gezeigt.

Es war vor 15 Jahren, als Rosalinde Vogt mit ihrem Mann Raimund Vogt an einer Seniorenfreizeit der Erwachsenenbildungsstätte Klaus von Flüe teilnahm und dabei auch mehrere Kirchen am Fränkischen Marienweg besuchte. In der Loretokapelle in Effeldorf fiel ihr damals ein Buch mit Sterbebildern ins Auge. "Da dachte ich mir, dass auch ich ein solches Buch zusammenstellen könnte", berichtet sie. Denn schon immer hatte sie Sterbebilder von Menschen gesammelt, die in Wonfurt geboren und gestorben sind, aber auch weggezogen und in ihrer neuen Heimat begraben wurden oder nach Wonfurt zogen und dort ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Für sie geben diese Bildchen kleine Einblicke in das Leben von Bürgern, die sie gekannt hat oder deren Familien sie kennt. Schließlich ist sie von jeher ebenso wie ihr Mann an der Heimatgeschichte interessiert. "Ich kann daran auch die Verwandtschaftsverhältnisse studieren und sehen, ob in einer Familie alle sehr jung oder erst im hohen Alter verstorben sind", sagt sie.

Sie hat anfangs sehr viele Bewohner von Wonfurt besucht und nach Sterbebildern ihrer Angehörigen gefragt. "Sie waren alle sehr zuvorkommend und gaben mir Bilder oder erlaubten mir, eine Kopie zu machen."

Seit bekanntgeworden ist, dass sie die letzten Andenken an die Verstorbenen sammelt, bringen ihr immer wieder Menschen Sterbebilder von Angehörigen. Weiterhin besuchen Rosalinde Vogt und ihr Mann alle Beerdigungen in Wonfurt und nehmen die ausgelegten Sterbebilder mit in die Sammlung auf. "Ich verfolge auch in der Zeitung, ob Bürger aus Wonfurt eventuell in einem anderen Ort beerdigt werden", schildert Rosalinde Vogt. Froh ist sie, dass sie auch bei auswärtigen Beerdigungen Sterbebilder gebracht bekommt.

Als sie vor Jahren eine Ausstellung von Sterbebildern in Aidhausen besucht hatte, kam ihr die Idee, ihre gesammelten Werke ebenfalls in Wonfurt auszustellen. So konnte die Bevölkerung vor genau zehn Jahren schon einmal die Bilder ansehen. Zudem liegt der Ordner mit den Bildern, sortiert nach der Jahreszahl, in der Seitenkapelle der Kirche in Wonfurt aus und wird alljährlich an Allerheiligen neben dem Taufbecken aufgelegt.

Geordnet

Für die Sonderausstellung am morgigen Sonntag hat Rosalinde Vogt die Bilder neu nach Straßen, Hausnummern, Grabmälern und Familienzugehörigkeit geordnet. Dafür hat ihr Mann die Grabsteine fotografiert, und sie hat die Bilder der Personen, die in dem betreffenden Grab liegen, dazugestellt. Außerdem hat sie aufgeführt, wer heute in dem jeweiligen Haus wohnt. "Es sind insgesamt 300 DIN-A4-Blätter, die auf den Tischen im Pfarrzentrum zu sehen sein werden", erklärt die 83-jährige Sammlerin.

Aus dem Jahr 1893

Das älteste Sterbebild stammt von Bernhard Firsching, der 1819 in Obertheres geboren wurde und 1893 in Wonfurt starb. Bei der Betrachtung der Sammlung fällt auf, dass die ältesten Bilder nur geringfügig kleiner waren, als es die heutigen Sterbebilder sind. Sie wurden aber oftmals nur zweiseitig bedruckt, während heute gefaltete und aufklappbare Bilder die Regel sind.

Auch wird seit über 20 Jahren kaum noch ein Sterbebild mit dem einst üblichen schwarzen Trauerrand versehen. Früher verwendete man für die Vorderseite meist Darstellungen vom Haupt des Gekreuzigten, Kreuzigungsszenen, Schmerzensmadonnen oder Schutzengel. Heute hingegen sind es oft Landschaftsbilder, Blumen, Wälder oder Wege. Bemerkenswert ist weiter, dass bis etwa 1970 Gebete auf der Rückseite abgedruckt waren, durch die den Verstorbenen ein Ablass gewährt wurde. Für die gebeteten Worte "Süßes Herz Jesu, seh meine Liebe" erwarb man 100 Tage Ablass und mit dem Gebet "O gütigster Herr Jesu, verleihe ihr/ihm die ewige Ruhe" sogar sieben Jahre Ablass.

Die ältesten Sterbebilder weisen alte Gebetstexte, Bibel- oder Kirchenväterzitate auf und geben über den Beruf, die Verdienste oder den Familienstand des Verstorbenen Aufschluss. Man erfährt, dass ein Tünchnermeister und Musiker, ein Bürgermeister, eine Müllersgattin oder eine Jungfrau verstorben sind oder ein junger Mann den "Heldentod" gestorben ist. Die ersten Fotos hielten mit dem ersten Weltkrieg Einzug, als die Gefallenen in ihrer Uniform dargestellt wurden.

Ab 1970 finden sich immer häufiger Bildnisse der Verstorbenen auf den Sterbebildern, die seit 1999 auch farbig wiedergegeben werden. Der Wunsch, der Verstorbene möge die ewige Ruhe erlangen, und die an die Hinterbliebenen gerichtete Bitte um ein Gebet für den Verstorbenen sind auch heute noch ein Bestandteil der Sterbebilder.

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