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Kronach

Die Kehrseite der Energiewende

Das Unternehmen Münch Energie plant in Gössersdorf großflächig Photovoltaik-Anlagen. Die Flächen dafür will es sich von den örtlichen Landwirten holen. Die bangen um ihre Existenz.
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Auf dem eigenen Grundstück der Familie Münch in Gössersdorf steht bereits eine Photovoltaik-Anlage. Im Hintergrund sind der neue Stall und die Biogas-Anlage von Dieter Hofmann und Ralf Sachs zu sehen.  Fotos: Sandra Hackenberg
Auf dem eigenen Grundstück der Familie Münch in Gössersdorf steht bereits eine Photovoltaik-Anlage. Im Hintergrund sind der neue Stall und die Biogas-Anlage von Dieter Hofmann und Ralf Sachs zu sehen. Fotos: Sandra Hackenberg
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Das einen Tag alte Kalb hat noch keinen Namen. Doch es springt bereits lebensfroh in seiner Box herum, während seine Mutter seelenruhig ein paar Meter entfernt steht. Für die dreijährige Milchkuh war es das erste Kalb. Was Mutter und Kalb nicht wissen: Ob sie in ihrem Stall in Gössersdorf eine Zukunft haben, ist ungewiss.

Die Besitzer der Rinder, Dieter Hofmann und Ralf Sachs, blicken mit Sorgenfalten in die Zukunft. Erst vor einem Jahr haben sie den neuen Stall gebaut, finanziert durch ein Darlehen. Um ihre 70 Tiere versorgen zu können, benötigen die Rinderwirte Ackerflächen. Doch um diese ist ein echter Kampf entstanden - und es wird mit harten Bandagen gekämpft: Der Inhaber des Rugendorfer Unternehmens Münch Energie, Mario Münch, plant einen 41 Hektar großen Gewerbepark zwischen den beiden Ortschaften, die er mit vor Ort erzeugtem Strom aus Photovoltaik-Anlagen (PV) beliefern will.

Pachtverträge aufgekündigt

Für seine Solarparks benötigt Münch freie Flächen - und die will er sich unter anderem von den Ackerflächen holen, die derzeit an die Landwirte verpachtet sind. Sachs und Hofmann bauen auf ihnen Weizen, Mais, Klee- und Wiesengras an, das sie als Futter und als Treibstoff für ihre Biogas-Anlage benötigen. "Wegen der anhaltend niedrigen Niederschläge haben wird es ohnehin schon schwer, ausreichend Ertrag zu produzieren. Mancher Eigentümer hat uns jetzt schon signalisiert, dass er die Fläche, wenn der Vertrag ausläuft, an Herrn Münch verpachten wird", schildert Hofmann den Ernst der Lage. Das Energieunternehmen biete das Zehnfache an Pacht. "Den Eigentümern kann man keinen Vorwurf machen. Bei solchen Preisen können wir nicht mithalten."

Was den Landwirten jedoch sauer aufstößt: Bestehende Pachtverträge seien vorzeitig aufgekündigt worden, weil die Familie Münch die Eigentümer aktiv abwerben würde. "Die Photovoltaik-Anlagen sind der Tod eines normal produzierenden Landwirts", sagt Schweinehalter Dittmar Alex. Mehrere Vollerwerbslandwirte würden daran kaputtgehen.

Münch hingegen verweist darauf, dass er im ersten Schritt des Ausbaus lediglich 15,6 Hektar Fläche benötigt, von denen zehn seine eigenen seien. "Die anderen fünf Hektar kommen von einem Landwirt, der bald in Rente geht." In den nächsten sechs Jahren kämen weitere 7,8 Hektar Fläche hinzu, die derzeit noch an Sachs und Hofmann verpachtet sind. Dafür seien den Biogas-Betreibern bereits Ausgleichsflächen angeboten worden. Die Landwirte befürchten jedoch, dass das erst der Anfang ist: "Wir rechnen mit mindestens 100 Hektar Flächen, die Münch benötigt. Das wären 143 Fußballfelder. Wo sollen diese Ausgleichsflächen herkommen?" Neben Münch hat auch das Energieunternehmen Naturstrom zusätzlich rund 50 Hektar der Gössersdorfer Flur für Solaranlagen gepachtet.

Sollten nun weitere Solarparks hinzukommen, bleiben den Landwirten aus ihrer Sicht nur zwei Optionen: "Entweder wir nehmen weite Strecken in Kauf, um an Flächen zu kommen, oder wir müssen das Futter extrem teuer zukaufen. Das können wir uns nicht leisten." Der Unternehmer verweist hingegen darauf, dass durch die höhere Bestäubungsleistung auf Flächen mit PV-Anlagen nachweislich auch die Erträge der umliegenden Felder um bis zu 20 Prozent steigen. "Da auf den PV-Flächen kein Pflanzenschutzmittel und auch keinerlei Dünger aufgebracht wird, reichert sich das Erdreich wieder intensiv mit allen wichtigen Nährstoffen an." - Sachs entgegnet: "Unsere Böden sind nicht ausgelaugt." Das sei schon aufgrund der Düngeverordnung gar nicht möglich.

Andere Ortschaften betroffen

Die Landwirte warnen davor, dass die Situation in Gössersdorf nur die Spitze des Eisbergs sei. Fischbach, Wötzelsdorf, Seibelsdorf, Rugendorf, Esbach und Grafendobrach im Landkreis Kulmbach seien in Zukunft genauso betroffen. Dort, im Nachbarlandkreis, wollte Münch ebenso PV-Anlagen bauen - der Stadtrat hat das abgelehnt. Weiter hat der Energieproduzent im Dezember vergangenen Jahres die Idee seines "grünen Gewerbeparks" mit vor Ort erzeugtem Strom auch in Marktrodach vorgestellt. Münch erklärt, dass er gerne an beiden Standorten Gewerbeparks bauen würde. "Dann könnte man Synergien bündeln und eventuell die Anlagen für beide Standorte nutzen. Beginnen werden wir aber erst einmal am Standort Gössersdorf, da wir hier schon im Gespräch mit besonders energieintensiven Unternehmen sind."

Die Solarparks sind nicht unumstritten, da sie einen großen Eingriff in die natürlichen Landschaften darstellen. So können sich laut den Landwirten Insekten und Vögel unter den Anlagen nicht ansiedeln: "Das geht so lange gut, bis der Mähroboter kommt, weil das Gras in regelmäßigen Abständen gestutzt werden muss." Weiter seien die Flächen nicht mehr bejagbar, weil sie nicht zusammenhängen und ein Kugelfang unmöglich wäre. Münch entgegnet: "Ein Hektar PV ersetzt circa 60 Hektar schwer bejagbare Mais-Monokultur für die Energieproduktion. Die Jagd würde auf den damit frei werdenden Flächen sogar einfacher."

Unterschriften gegen Solarparks

In Gössersdorf haben die Landwirte eine Liste mit 72 Unterschriften von Bürgern gesammelt, die gegen die Solarparks sind. Diese konnten sie jedoch nicht mehr an den ehemaligen Bürgermeister von Weißenbrunn und offenkundigen Befürworter von Münchs Projekts, Egon Hermann, übergeben. "Er hat das Thema in der vorletzten Gemeinderatssitzung kurzerhand von der Tagesordnung genommen", sagt Sachs.

Persönliche Gespräche zwischen den Landwirten und Münch haben bislang zu keinem Ergebnis geführt. "In der Öffentlichkeit wird das Projekt immer so dargestellt, dass es für die Bürger gut aussieht", sagt Sachs. Was das aber für die Landwirte bedeutet, werde entweder verschwiegen oder lapidar abgetan. "Wir wollen einfach nur die Flächen behalten, die wir haben - und dass uns unsere Existenzgrundlage nicht entzogen wird."

Weißenbrunns neuer Bürgermeister Jörg Neubauer will sich nach der konstituierenden Gemeinderatssitzung mit dem Thema befassen: "Derzeit fehlt mir noch das Detailwissen. Aber ich werde die Belange beider Parteien betrachten und hinterfragen - und natürlich auch schauen, was die Bürger wollen. Ich werde niemanden im Regen stehenlassen."