Bamberg

Die Grenzen der Hörgewohnheit

Die meisten Gäste beim FK:K-Festival im Kesselhaus wussten nicht wirklich, was auf sie zukommt: ein radikaler Abend mit fünf Saxophonen und einem Druckluftgenerator. Und das Festival geht noch weiter.
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Maschinist zwischen Saxophonen: der Künstler Pedro Sousa Foto: Andreas Thamm
Maschinist zwischen Saxophonen: der Künstler Pedro Sousa Foto: Andreas Thamm

Der Künstler ist anwesend. Er isst gerade noch zu Abend auf der kleinen bestuhlten Fläche vorm Kesselhaus. Ob er so langsam anfangen wolle, fragt Felix Forsbach, Mitorganisator des FK:K-Festivals. Gleich, sagt Pedro Sousa, fünf bis zehn Minuten, eine Zigarette wolle er noch rauchen und sich umziehen.

Die meisten Gäste, die am Dienstagabend zum Kesselhaus gekommen sind, wissen nicht wirklich, was auf sie zukommt. Manche haben sich gar nicht erst und ganz bewusst nicht informiert, weil das ja auch Teil dieses Festivalerlebnisses ist: sich überraschen zu lassen von Klängen, denen man bislang noch nie begegnet ist. Andere haben den Promotext gelesen und sind auch nicht schlauer.

Am Eingang zum Konzertsaal mit dem charakteristischen Loch, dem Schacht in den Keller, steht Jeremie Gnaedig und händigt Ohrstöpsel aus. Man solle sich unbedingt was in die Ohren stecken. Das ist einerseits schade, weil die Stöpsel diverse Frequenzen abtöten, andererseits wirklich notwendig. Pedro Sousa, Soundinstallateur und Freejazzer aus Lissabon, hat fünf Saxophone im Raum verteilt: drei um den Schacht, zwei unten in Keller.

Eine Kathedrale aus Sound

Sousa kann freilich nicht fünf Saxophone spielen. Aber der Druckluftgenerator kann. Alle Instrumente sind durch am Boden liegende Schläuche mit dem enormen Gerät verbunden. Die Luftzufuhr kann Sousa an Rädern jeweils drosseln, die entstehenden Töne durch Abkleben der Tasten regulieren. So gruppiert sich zum sonoren Brummen aus dem Keller bald ein brachiales Pfeifen und drittens ein Saxophonton wie man ihn landläufig kennt. Sousa schichtet Schwingungen übereinander und baut in die ohnehin schon schroffe Kesselhausarchitektur eine Kathedrale aus Sound. Mitveranstalter Gnaedig hatte die Deutschlandpremiere der Performance in Hamburg gesehen und verstanden, dass das eine Art von Aufführung ist, die ideal zum Kesselhaus passt. Es gibt nicht die Band, deren Tun man aus dem fürs Publikum vorgesehenen Raum verfolgt. Es gibt fünf autonom arbeitende Maschinen, zwischen denen sich der Zuschauer bewegt, an deren fast materiellem Klang er entlanggeht, wodurch sich das, was im Ohr ankommt, ständig verändert.

Premiere in New York

Die Performance, inspiriert vom Saxophonisten Jerry True, der nach einer Kehlkopfkrebs-Erkrankung die Druckluft sein Instrument blasen ließ, feierte Premiere in New York und konnte seither nur viermal aufgeführt werden. Der Künstler kann nicht mit einem Schraubenkompressor reisen, so dass der von den jeweiligen Veranstaltern gestellt werden muss. Der Franz Kafka Verein, der das Festival im Kesselhaus auf die Beine stellt, arbeitete hierfür mit der Druckluftzentrale Bamberg zusammen.

Es ist vielleicht die radikalste Aufführung in einem Programm, das ohnehin schon an jedem Abend die Grenzen der Hörgewohnheiten austestet. Sousa, der wie ein Maschinist und ganz so als wäre er allein, zwischen den Saxophonen hin und her geht, dort was dreht, hier was verrückt oder abklebt, nachjustiert, nachhört und zufrieden nickt. Man kann nur vermuten, dass er eine Vorstellung davon hat, welche Kombination an hörgangzerfetzenden Brummtönen er herstellen möchte. Es gibt keine Melodien, keine Pausen, keinen Rhythmus, nur Klang, nur das Elementarste.

Der Zuschauer, dem es gelingt, sich darauf einzulassen, wird auf sich selbst zurückgeworfen. Weil das etwas mit ihm oder ihr macht. Weil die Schwingungen ihn geradezu körperlich angehen und man um die Reflexion des Ganzen nicht herumkommt: Was macht das jetzt mit mir? Wie geht es mir nach 20 Minuten kakophoner Soundwand? Das hier ist kein Konzert, es ist eine Simulation, ein Raum, in den man sich hineinbegeben kann, weil es ihn gibt und weil ein Künstler ihn zur Erfahrung macht. Als Sousa das erste Saxophon nach etwa 20 Minuten von der Druckluft nimmt, ist es als würde der Brustkorb ein Stück leichter werden. Als Stille einkehrt, lässt das Publikum sie noch einen Moment lang stehen, bevor es applaudiert. Viele bleiben, fasziniert von der Installation, auch für das zweite Set noch da. Vor der Tür sitzt Felix Forsbach und hat, an der Kasse, den undankbarsten Platz erwischt: "Von hier hört es sich an, als wäre ein LKW-Fahrer mit dem Kopf auf der Hupe eingeschlafen."

Das FK:K Festival im Kesselhaus läuft noch bis zum 16. Juli.

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