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Literatur

Die erste Liebe und ihre erschütternden Abgründe

Ort und Zeit: Spielen sie für Beziehungen überhaupt noch eine Rolle? Wer wirklich liebt, wird diese Frage als töricht zurückweisen. Wie Paul, der sich im Alter von 19 in eine 48-jährige verheiratete F...
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Julian Barnes
Julian Barnes

Ort und Zeit: Spielen sie für Beziehungen überhaupt noch eine Rolle? Wer wirklich liebt, wird diese Frage als töricht zurückweisen. Wie Paul, der sich im Alter von 19 in eine 48-jährige verheiratete Frau verliebt. Und der sich dabei natürlich prompt "der alten, anhaltenden, unausrottbaren Illusion" hingibt, "dass Liebende irgendwie außerhalb der Zeit stehen." Davon erzählt der englische Autor Julian Barnes in seinem neuem Roman "Die einzige Geschichte".

Erst im Rückblick, etwa fünf Jahrzehnte später, wird Paul erkennen, wie sehr auch in seinem Fall die gesellschaftlichen Umstände mitbestimmend waren. Bei denen handelt es sich um ein für Barnes-Leser wohlvertrautes Gefilde. Es ist das verklemmt-neurotische England der frühen Sechziger.

Ein Mittelschichts-Ort nahe London, wo unter der Woche allmorgendlich die Anzugträger mit den Pendlerbussen in die City gondeln. Und sich ihre Gattinnen dann irgendwie die Zeit vertreiben müssen, zum Beispiel auf dem Tennisplatz. Dort, im Tennisclub, hätte Paul nach dem Willen seiner Mutter eine nette, heiratsfähige Christine oder Virginia kennenlernen sollen. Dass es dann mit Susan Macleod eine Mutter von zwei fast erwachsenen Töchtern wird, bereitet dem jungen Mann erhebliche Genugtuung.

Schließlich ist er wild entschlossen, einem anderen Lebensmodell zu folgen als seine Eltern, die für ihn das Musterbeispiel für "Muldenhocker" sind. So nennt Paul all jene Erwachsenen, die sich in ihrem Leben eine weiche Mulde gesucht haben, "Ehe" genannt, aus der es kein Entkommen mehr gibt. "Was auch geschehen mochte, ich wollte kein Muldenhocker werden."

Was der junge Mann stattdessen wird, ist Susans "Tennispartner" und "Fahrer". Natürlich durchschaut ihre Umwelt die Fassade der beiden schnell. Vom Tennisclub werden sie bald schon ausgeschlossen; Pauls Eltern flüchten sich dagegen in ein "englisches Schweigen". Und Susans Ehemann Gordon? "Mister Elefantenbuxe", wie seine Frau ihn verspottet, bleibt nichts anderes übrig, als den neuen Hausfreund seiner Frau zähneknirschend zu tolerieren, sich in Alkohol zu flüchten und wie besessen Kreuzworträtsel zu lösen.

Eine Tätigkeit, in der Barnes’ Protagonist nur den hilflosen Versuch eines weiteren Muldenhockers erkennt, das Chaos der Welt auf ein kleines verständliches Raster von Schwarz-Weiß-Quadraten zu reduzieren.

Obsessive Beschäftigung

Pauls verächtliche Reflexionen über die Philosophie des Kreuzworträtsels sind ein großartiges Beispiel für die Barnes-typische Mischung aus erhellendem Detail und literarischem Essayismus, amalgamiert in einer wie stets leichtfüßig-geschliffenen Prosa.

Der nunmehr 13. Roman des britischen Erfolgsautors versammelt wieder all die Themen, um die Barnes’ Werke seit fast 40 Jahren kreisen: Liebe und Tod, Jugend und Alter, das Misstrauen gegenüber endgültigen Festlegungen, die obsessive Beschäftigung mit der Vergangenheit und die Fragwürdigkeit aller Erinnerung. Und wie in seinem Booker-Preis-prämierten Meisterwerk "Vom Ende einer Geschichte" (2011) erinnert auch hier ein unzuverlässiger Erzähler seine im Unglück endende Lebensgeschichte voller Lebenslügen. Barnes’ neuer Roman ist in drei Teile gegliedert, und während der erste vom Liebesrausch des Anfangs erzählt, so der zweite vom Scheitern der Beziehung, der dritte vom Leben danach, wobei die Erzählstimme überzeugend vom Ich über das Du zum Er wechselt.

Schließlich geschieht die erste Liebe "immer in der überwältigenden ersten Person, ... im überwältigenden Präsens", dagegen betrachtet der desillusionierte Erzähler, versehrt mit einem "verödeten" Herzen, im Alter "sein Leben in der dritten Person".

Das Ende dieses großen Romans ist so bestürzend wie erschütternd.

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