Lichtenfels

Die bunte Warenwelt des Westens

Durch die Öffnung der innerdeutschen Grenze 1989 kam es zu wirtschaftlichen Veränderungen, die in der Region am Obermain bis heute deutliche Spuren hinterließen. Was hat sich durch den Mauerfall dauerhaft verändert?
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Die Mode der 80er, wie sie in den Baur-Katalogen abgebildet war.
Die Mode der 80er, wie sie in den Baur-Katalogen abgebildet war.
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Der Fall der Mauer kam überraschend. Kaum jemand hat wohl Ende der 80er vorhersehen können, mit welcher Dynamik sich der Wandel vollziehen würde. Entsprechend schnell mussten politisch die Weichen gestellt werden. Es galt beispielsweise, die Verkehrsinfrastruktur völlig neu zu konzipieren. Auf wirtschaftlichem Sektor reagierten die Unternehmen am Obermain auf die neuen Absatzmärkte vor ihrer Haustür. Sie stellten sich darauf ein, dass viele Kunden aus Thüringen und Sachsen kamen - und sie konnten Arbeitskräfte einstellen, die aus den neuen Bundesländern zuzogen.

"Es war in der Tat so, dass man die Grenzöffnung nutzte und in die Akquise gegangen ist", sagt Prokurist Dieter Uschold, der seit 1994 bei Baur in Burgkunstadt in leitender Funktion tätig ist. Ende der 80er und Anfang der 90er gab es kein Internet, das Geschäft beim Baur-Versand lief hauptsächlich über Bestellkarten, das Telefon hatte noch eine untergeordnete Bedeutung, erinnert er sich. Kunden aus den neuen Bundesländern strömten herbei, denn sie wollten im Westen all die Waren kaufen, die sie zuvor nicht bekommen hatten.

Die 1976 eröffnete Baur-Kaufwelt war besonders beliebt. Die Menschen aus der DDR kamen mit Reisebussen. Dieter Uschold: "Wir hatten einen Bereich Außendienst, der von Burgkunstadt aus betreut wurde. Nach der Grenzöffnung dehnten wir ihn auf den Osten aus. Dieser Außendienst organisierte die Busfahrten nach Altenkunstadt zur Kaufwelt." Damals hatte die Kaufwelt nur Katalogware. Das hatte den Vorteil, dass die anreisenden Kunden die Ware schon vorab anschauen konnten. Der Baur-Slogan zu jener Zeit lautete: "Der Katalog zum Anfassen".

Sammelbesteller orderten die Waren

Heute bestellen die Kunden ihre Waren online übers Internet; dies revolutionierte die Branche. Vorher hatte Baur zahlreiche Sammelbesteller. Diese Leute betrieben selbst Akquise und bestellten Waren für die Menschen aus dem Bekanntenkreis und der Nachbarschaft. Einige arbeiteten so professionell, dass sie davon leben konnten. "Das war in den 80er Jahren noch sehr stark verbreitet", sagt Dieter Usc hold. Innerhalb dieser Sammelbesteller gab es die Gruppe der Familienbesteller, die Waren für ihre Angehörigen orderten. Dieses Sammel- und Einzelbestellersystem änderte sich in den vergangenen Jahren völlig: "Heute haben wir fast nur noch Einzelbesteller."

Facharbeiter für den Bau eingestellt

1989 kamen sehr viele Leute aus der DDR in den Westen. Darunter seien zahlreiche Facharbeiter gewesen, sagt Wolfgang Schubert-Raab aus Ebensfeld. Der Diplom-Ingenieur und Bauunternehmer kann sich gut an die Zeit der Wende erinnern. In der Staffelsteiner Adam-Riese-Halle war eine Notunterkunft eingerichtet, in der die DDR-Bürger aufgenommen wurden. Zusammen mit seinem Schwiegervater sei er zur Halle gefahren: "Ich bot den geeigneten Leuten an, in unseren Betrieb zu kommen." Die Raab-Baugesellschaft habe in der Folge des Mauerfalls zunächst davon profitiert, dass Menschen aus der DDR und später aus den neuen Bundesländern im Westen Arbeit suchten. Bis zu 35 Mitarbeiter aus Ostdeutschland habe die Firma Anfang der 1990er Jahre beschäftigt - vom Maurer über den Betonbauer bis zum Kranfahrer. "Noch heute sind Mitarbeiter bei uns beschäftigt, die damals gekommen sind." Die ersten Asphaltierungsaufträge aus der DDR erhielt das Ebensfelder Unternehmen bereits 1989. Abgerechnet wurde in DDR-Mark.

Ernüchterung kam nach wenigen Jahren

Die Ernüchterung trat einige Jahre später ein, sagt Schubert-Raab, der zudem Präsident des Landesverbands der Bayerischen Bauinnungen ist. "Die ersten zwei, drei Jahre waren wir viel im Thüringer Raum tätig." Bis etwa 1995 habe die Ebensfelder Firma dort Straßen und Brücken in kommunalem und staatlichem Auftrag gebaut. Danach sei es für Westfirmen schwierig geworden, in Thüringen und Sachsen Aufträge zu bekommen, weil sie mit den Preisen der dort ansässigen Firmen nicht mithalten konnten: "Bis heute machen uns thüringische und sächsische Kollegen gehörige Konkurrenz, weil sie 30 Prozent weniger Tariflohn zahlen."

Bevölkerungszuwachs in den 80ern

Wilhelm Wasikowski, der Vizepräsident der IHK für Oberfranken-Bayreuth und Vorsitzende des IHK-Gremiums Lichtenfels, erinnert sich an diese Zeit sehr gut: "In den 1980er Jahren war Oberfranken zweigeteilt, der Westen Oberfrankens - mit Lichtenfels - entwickelte sich spürbar besser als der Osten. Unter den 20 Kommunen mit dem höchsten Bevölkerungszuwachs zwischen den Volkszählungen 1970 und 1987 in Oberfranken waren mit Lichtenfels, Michelau, Weismain, Altenkunstadt und Staffelstein auch fünf Kommunen aus dem Landkreis Lichtenfels."

Trotzdem begannen die 1980er Jahre verhalten für die Lichtenfelser Wirtschaft, fährt er fort. Erst ab 1984 sei es bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bergauf gegangen. Ab 1987 sei jedes Jahr sogar ein neuer Rekord bei den Beschäftigtenzahlen aufgestellt worden, erst 1992 kehrte sich diese Entwicklung um. "Die Beschäftigtenzahl von damals, 29 369, wurde seitdem nicht mehr übertroffen, erst 2018 wurde dieser Wert fast wieder erreicht", sagt Wasikowski.

"Unmittelbar nach der Wiedervereinigung profitierte unser Wirtschaftsraum vom Nachfrageschub aus den neuen Bundesländern", blickt er zurück. "Ab Anfang der 1990er Jahre gerieten allerdings zusehends lohnintensive Industriebranchen unter Druck. Vor allem Polstermöbel oder Porzellan ließen sich aufgrund der deutlich niedrigeren Lohnkosten in Osteuropa spürbar preiswerter produzieren." Bei der Porzellanindustrie sei zudem ein gesellschaftlicher Wandel dazugekommen, denn "das gute Service" hatte in vielen Haushalten ausgedient.

Ende der 1980er und Anfang der 1990er fielen ferner die Entscheidungen, wichtige Verkehrsachsen auszubauen: etwa die B 505, die heutige A 70, die ab 1972 zwischen der Ausfahrt Bayreuth/Kulmbach und Bamberg so breit war, dass sie auch bei Gegenverkehr für Überholvorgänge geeignet war. "Für manch einen war das Horror pur, viele schwere Unfälle in dieser Zeit sprechen eine deutliche Sprache", sagt Wilhelm Wasikowski. 1988 wurde dann mit dem Ausbau der A 70 begonnen.

Landkreis erhielt neue Verkehrsadern

An eine Autobahn Richtung Coburg und Südthüringen dachte in den 1980ern noch niemand, schließlich hörte die Welt bis 1989 hinter Rodach und Neustadt bei Coburg quasi auf zu existieren. Von den "Verkehrsprojekten Deutsche Einheit" profitierte auch der Raum Lichtenfels. Mit der ICE-Strecke München-Berlin und der A 73 Lichtenfels-Erfurt fanden zwei Projekte Eingang in die Planungen, die den Landkreis direkt tangieren.

Hält man sich vor Augen, dass aus der Stadt und dem Landkreis Coburg rund 2800 Menschen zum Arbeiten in den Landkreis Lichtenfels pendeln und weitere 600 aus dem Landkreis Sonneberg, umgekehrt 2900 in die Stadt und den Landkreis Coburg, so zeige sich, dass Wiedervereinigung und Autobahnausbau die Verflechtungen erheblich verändert haben. Wasikowski: "In den 1980er Jahren lag der Landkreis in einer Grenzlage, heute liegt er wieder in der Mitte Europas. Und so soll es auch sein."

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