Lichtenfels
Unter uns am Obermain (541)  Egal was passiert: Bandproben müssen sein. Das dürfen wir nie vergessen!

Die Bandprobe

Neulich war ich wieder, soweit ich mich erinnere, mit den Jungs zusammen. Unten im Keller. Es war traumhaft. Diese ausgelassene Stimmung, diese lausbubenhaften Frotzeleien und erst der Alkohol. Der Ro...
Artikel drucken Artikel einbetten

Neulich war ich wieder, soweit ich mich erinnere, mit den Jungs zusammen. Unten im Keller. Es war traumhaft. Diese ausgelassene Stimmung, diese lausbubenhaften Frotzeleien und erst der Alkohol.

Der Rock 'n' Roll ist halt ein Zirkus, wie die Rolling Stones schon so treffend anmerkten, und vor Zeiten bin ich da eben in so eine Combo geraten. Jetzt kommt es mir selber komisch vor, weil ich ja gar kein Instrument spiele. Ich sollte mal eines zu spielen erlernen, aber welches, das wurde von meiner Oma bestimmt und nicht von mir.

Ich wollte ja Gitarre lernen, aber sie wollte nur für Schifferklavier bezahlen. Die Absicht dahinter war perfide, denn ich sollte den dicken Tanten der Verwandtschaft Lieder aus schlesischen Heimaten oder gar den Schneewalzer vorspielen. Noch heute komme ich in die Nähe eines Schlaganfalls, wenn ich nur daran denke. Also jedenfalls war Bandprobe anberaumt, und da bestand für mich auch Anwesenheitspflicht.

Diesmal aber fand die Bandprobe im kleinen Rahmen statt, und ich erinnere mich daran, wie die Rede darauf kam, dass ja die ganze Kulisse samt Bühnentechnik derzeit noch verstaut in einem Anhänger läge. So saßen wir da, in einem kahlen Probenraum und bei ziemlich reduzierter Instrumentierung.

Unser Schlagzeuger, nennen wir ihn Ginger, trommelte nur auf einer Trommel statt auf seiner gesamten Schießbude. Schießbude ist Musikersprache und heißt Schlagzeug. Ach, es ist herrlich, so in die Welt der Musiker einzutauchen. Jeder von ihnen hat ja so seine Vorbilder, Idole und Verspieltheiten.

Nehmen wir beispielsweise mal unseren Gitarristen. Nennen wir ihn Eric und setzen uns mal kurz neben ihn. Er spielt der Form nach eine Gibson Les Paul und koppelte sie an einen Verstärker an. Weil der große ja noch verstaut ist, hatte er so ein Mini-Teil dabei, ein Verstärkerchen quasi. Aber bei Gott, es war eine Marshall-Box. Jedenfalls stand das auf ihr drauf und ich wette, genau das war Eric beim Kauf dieser Kiste, die kleiner als ein Fußball, aber größer als ein Bleistiftspitzer ist, das Allerwichtigste.

Unser Bassist ist auch nicht ohne. Ich nenne ihn hier jetzt mal Jack, frei nach Jack Bruce. Ob ihm das schmeichelt, das weiß ich nicht. Der gute Jack Bruce jedenfalls wird gegen eine Verbindung mit unserem Bassisten wohl nichts einzuwenden haben - er ist tot. Ich sehe uns heute noch während einer Konzertpause gemeinsam beim Schnaps sitzen und einen wehmütigen Moment erwischen.

"Wenn wir a richtig gscheite Band wären, tät mer jetzt a paar Fernseher ausm Fenster hauen", raunte er mir zu und dabei lag so ein verschwörerischer Glanz in seinen Augen. Dann musste sich der Glanz wohl auch irgendwie auf meine Augen übertragen haben, und so packten wir gemeinsam an. Leider war das Fenster zu schmal für die Fernseher, ganz egal, wie wir die Dinger auch drehten.

Während der Bandprobe waren wir kurz versucht, wieder Fernseher aus dem Fenster zu schubsen, aber da wir ja im Keller probten, kamen wir nicht weit. Ansonsten aber ist Jack ein ganz umgänglicher Kerl, er flucht längst nicht täglich und ist bei weitem nicht derjenige, der die meisten Zoten reißt.

An dieser Stelle wäre Keyboarder Rick zu erwähnen. Man erkennt ihn am Schal um den Hals und daran, dass er zwar ständig Lieder um Liebe und Selbstfindung und so singt, aber nie über Wanne-Eickel, Apollo 13 oder das Logbuch der Enterprise. Fester Kern der Band sind auch die beiden Technikexperten, die gleichen Vornamens sind. Nennen wir sie Fix und Foxi, schließlich sind sie ja ganz schöne Füchse. Der eine ist zuständig für den Sound, der andere für die Beleuchtung, und gemeinsam haben sie ein Auge auf jeglichen Gesamtablauf.

So saßen wir zusammen und teilten Zeit miteinander. Zeit ist ja interessanterweise die einzige Ressource, bei der es keine Verteilungskämpfe gibt. Aber das ist jetzt wirklich nur so ganz nebenbei. Wirklich von Belang war während der Probe ein Heino-Witz. Freilich distanzierten sich die Jungs schwer aufgebracht von diesem politisch nicht korrekten Witz, aber dieser gelangte auch nur darum in den "Inner Circle" zwischen Drummer und Keyboarder, weil er vom in Rockerkreisen völlig unverdächtigen Heino stammt.

Und darum spielte man sich während der letzten Probe immer wieder gegenseitig auf dem Handy dieses Youtube-Video vor, in dem Heino von einem Moderator gefragt wurde, ob es denn stimme, dass es in seiner Garderobe immer Nutten, Koks und frische Erdbeeren gegeben hatte, worauf Heino antwortete: "Ja, aber Erdbeeren waren nicht immer zu kriegen."

Selbstverständlich distanzierten sich die Jungs nach jedem Abspielen empört von Heino, sahen ihn aber doch mit ganz anderen Augen.

Dann kamen wir auf die Idee, vielleicht doch mal eine lukrative Tour durch Altenheime zu starten. Wir nannten sie in der Runde die "Große Faltenrock-Tour 2020". Es war wirklich ein Traum von einer Bandprobe. Dummerweise war an diesem Abend aber der Flaschenöffner nicht an seinem eigens auf einer Tischplatte vorgezeichneten Platz, und dafür zeichnete ich verantwortlich, weil ich irgendwie an der Tischkante hängen blieb und noch hörte, wie etwas vom Tisch fiel. Das war schlimm und einer der Füchse machte glatt Theater, denn auch wenn mal ein Klavier, eine Schießbude oder ein Saxophon verbummelt würde, so habe ein Bierflaschenöffner doch immer unbedingt am selben Platz zu sein.

Um das zu kapieren, muss man ja schließlich nicht unbedingt studiert haben. Ich kann mich noch erinnern, wie ich den Jungs zur Wiedergutmachung vorschlug, bei der nächsten Konzertaufführung eine gewagte Tanzeinlage mit Publikumsbeschimpfung hinzulegen.

Ich weiß noch, wie die Jungs sich vor mir wie eine Wand aufbauten, mich ruhig und doch irgendwie fordernd musterten. Es war wirklich merkwürdig, schon beinahe wie in einem Alptraum. Und dann stimmten die Jungs darüber ab, was ich als Wiedergutmachung zu leisten hätte. "Spiel auf der nächsten CD Schifferklavier, vielleicht was von Led Zeppelin", sagte einer von ihnen. Dann bin ich schweißgebadet aufgewacht.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren