LKR Haßberge

Die 68er - eine Zeit haariger Einschnitte

Die Jugendbewegung war eine Kulturrevolution, die dem Friseurberuf schwer zusetzte. Männer aus dem Landkreis Haßberge berichten.
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Eckehard Kiesewetter Kreis Haßberge — Thomas Wagner, Jahrgang 1955, erinnert sich, schon als Zwölfjähriger in Bamberg demonstriert zu haben. Auf seinem Plakat stand: "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment" - der Slogan der Kommune 1. Wofür er sich da schon als Knilch auf die Straße traute, hat er später erst kapiert.

Als Schüler im Dientzenhofer Gymnasium bekam er mit, dass an der damaligen Pädagogischen Hochschule "ganz schön die Post abging". Da konnte es schon passieren, dass Möbel zum Fenster rausflogen. Er selbst organisierte mit Mitschülern Zeugnisverbrennungen oder Demonstrationen im "Kampf dem Sportfaschismus".

Wagner, früherer Stadtrat und Betreiber eines Caféhauses in Ebern, gehört jener Altersgruppe an, die in den Protest hineinwuchs: "Anfangs hatten wir keine Ahnung, worum es ging", gesteht er, "aber wir haben halt mitgemacht."

Aufs Land geschwappt ist das Aufbegehren gegen Tradition und Konservatismus erst mit Verzögerung. Dort lebte sich die 68er-Bewegung - und was danach kam - nicht auf der Straße aus, nicht mit Radau und Protest. Eher im Stillen, in Kneipen, Wohngemeinschaften, bei Feten ... und ganz speziell im äußeren Erscheinen. Jeans, Jesuslatschen und Batikhemd waren angesagt und ungezähmte Mähnen.

"Die langen Haare waren unheimlich wichtig", sagt Thomas Wagner, "erst recht als Student dann, da gingen sie bei mir runter bis zum Arsch. Ich bin damals rumgelaufen wie ein Terrorist - rein optisch".

Tiefe Einschnitte

Von der Kulturrevolution, die sich in langer Haarpracht auswuchs, kann auch Hubert Brückner erzählen. In jungen Jahren hatte er als Friseur im Bundeshaus in Bonn die politische Prominenz bedient, Willy Brand, Theodor Heuß, Franz-Josef Strauß und einmal sogar Konrad Adenauer, den Kanzler persönlich. Das waren noch Haarschnitte!

Und jetzt das? Das Fernbleiben der Kundschaft bedrohte die gesamte Branche. "Das war ein echter Einschnitt", erinnert sich der 85-Jährige, der seinen Salon in Ebern 1959 eröffnet hatte. Als die Woodstock-Stars Joe Cocker, Carlos Santana oder Jimmy Hendrix den Ton auf den Plattentellern angaben, war der Wildwuchs nicht zu bremsen.

"Klar, das Friseurgeschäft ging so nicht mehr", sagt Thomas Wagner. Seine Mutter und seine Tante waren zuverlässig alle 14 Tage zur Dauerwelle "beim Kuno" im benachbarten Friseursalon angetreten. Zweimal die Woche ging es zum Kämmen. Doch nun blieb eine ganze Generation potenzieller Kunden einfach aus.

"Das Aufbegehren der Jugend hat man im Salon gar nicht mitgekriegt", weiß Wolfgang Zirbik zu berichten, heute Senior-Chef eines Friseur- und Kosmetiksalons in der Eberner Innenstadt: "Die Woodstock-Generation ist überhaupt nicht mehr zum Haareschneiden gegangen. Das Wort Friseur hat für die 68er doch gar nicht existiert."

Zirbik, Jahrgang 1952, hat diese Zäsur im elterlichen Salon intensiv mitbekommen, ehe es ihn selbst zur Ausbildung ins Ausland zog: "Das war eine grandios durchgefallene Geschäftszeit damals". "Richtig existenzbedrohend war das", bestätigt Hubert Brückner, "eine echte Krise für unser Handwerk". Er erwog seinerzeit, zum Masseur umzusatteln. Ist aber heute froh, seinem Traumberuf treu geblieben zu sein.

Generationenkonflikte

Streitigkeiten um die Haarlänge der Kinder haben Friseure zu dieser Zeit zuhauf erlebt, oft gab es Tränen. Manche Eltern zwangen ihre Kinder gewaltsam auf den Friseurstuhl. "Das war immer blöd", sagt Ruheständler Brückner, "als Friseur sitzt du da immer zwischen zwei Stühlen". Die Eltern zahlen, die Kinder aber tragen die Frisur auf dem Kopf."

Ratzfatz war das Problem im Fall des Heinz Dietz 1971 gelöst. Als älterer Spross aus einem Eberner Autohaus damals schon schnittig, wollte er, kaum den Führerschein in der Tasche, mit dem Commodore GSE zur Freundin nach Schottenstein fahren. Den Vater jedoch störten die Zotteln des Sohnes. Er drückte ihm fünf Mark in die Hand und so ging es zunächst zum Friseur und erst dann mit bis über den Kragen gekürztem Haar und 160 PS in den Itzgrund. "Die Haare hab ich geopfert, die mussten weg", sagt Dietz. Ein Foto des heutigen Chefs im Opel-Autohaus mit langer Haarpracht gab es nur im Führerschein. Doch der wurde geklaut.

Aus Wut erschlagen

So einvernehmlich ging der Generationenkonflikt längst nicht immer ab: Hubert Brückner erzählt die tragische Geschichte eines hohen Offiziers der Eberner Garnison, der seinen Sohn mit Strenge zwang, die Haare schneiden zu lassen. Die Streitigkeiten eskalierten kurz nachdem der Kommandeur nach Hildesheim versetzt worden war. Eines Tages ergriff der Sohn einen schweren Gegenstand und erschlug den Vater.

Die Familien Wagner und Zirbik waren liberal eingestellt. Die Eltern tolerierten die Fransen und Flausen der Söhne. Nur einen Aufkleber auf Thomas Wagners bunt bemaltem VW Bully wollte dessen Mutter nicht hinnehmen. "Wir sind die Leute, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben", stand darauf zu lesen. Die Mutter insistierte, dass das nicht stimme, denn sie sei stolz auf ihren Sohn. Der Aufkleber verschwand, alle anderen - gegen Kernkraft, für den Friedensdienst oder gegen Atomwaffen - blieben kleben. Dafür steht Wagner bis heute.

Gegen das Establishment

Wolfgang Zirbik ließ seine Wuschelmähne mit Stolz wachsen, erst recht als Wehrpflichtiger, "um mich gegen das Establishment zu wehren". Noch 1967 hatte ein "Haarerlass" dem Heer "das Tragen einer schulterlangen oder sonst feminin wirkenden Haartracht" untersagt. Erst 1971 ermöglichte es ein "Haarnetzerlass" von Verteidigungsminister Helmut Schmidt Soldaten, lange Haare zu tragen. Zirbik nutzte das, "schon aus Prinzip". Da machte es auch nichts aus, wenn beim Übungseinsatz mit Gas die Augen tränten, weil die Maske nicht dicht abschloss. "Das war einfach Aufbegehren", sagt der heute 66-Jährige: "Am Tag der Entlassung bin ich ins Geschäft und hab die Haare abschneiden lassen."

Er, Dietz und Wagner sind längst etabliert und haben sich doch ihren kritischen Geist bewahrt, einen, "der nicht alles frisst, was uns die Politik und die Presse da so alles erzählen", wie es Wolfgang Zirbik sagt: "Lieber selbst das Hirn einschalten."

Und wie sieht der Figaro Hubert Brückner die 68er in der Rückschau? "Ich war damals 35, also nicht mehr in dem Alter, wo man da mitmacht", stellt er klar. Heute verbindet er mit der Bewegung zunächst Widerstand gegen den Staat und die Gesellschaft und den Terror der Roten Armee Fraktion (RAF). Zöpfe, die unbedingt abgeschnitten werden mussten! Grundsätzlich kann es der Friseur nicht leiden, wenn sich die Menschen in die Haare kriegen.

Heute trägt Brückner volles Haar wie eh und je, die Herren Dietz, Zirbik und Wagner eher hohe Stirn zur Schau. Lange Mähnen sind für sie längst passé. "Halbglatze und Zöpfchen find ich einfach albern", sagt Thomas Wagner. Nur wenn er Altersgenossen mit voller weißer Haarpracht und Pferdeschwanz sieht, wird er manchmal noch ein klein wenig neidisch.

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