Forchheim

Desorientierung entgegenwirken

Die Bamberger Architektin Birgit Dietz hat das Buch "Demenzsensible Architektur" verfasst. Sie zeigt am Beispiel ihrer Schwiegermutter in Forchheim auf, worauf wegen der Einschränkungen von Betroffenen zu achten ist.
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Birgit Dietz bei einem Vortrag vor Medizinstudenten  Fotos: Carmen Schwind
Birgit Dietz bei einem Vortrag vor Medizinstudenten Fotos: Carmen Schwind
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"Da liegt ein fremder Mann in meinem Bett!" Diesen Satz hören Birgit Dietz und ihre Studenten immer wieder, wenn sie in Krankenhäusern oder Pflegeheimen unterwegs sind. Immer wieder fanden sie ältere oder an Demenz erkrankte Patienten vor, die ihr Zimmer nicht fanden und desorientiert in den Gängen der Einrichtungen umherirrten.

Birgit Dietz ist eine Bamberger Architektin, die an der Technischen Universität München an der Fakultät Architektur das Fach "Krankenhausbau und Bauten des Gesundheitswesens" lehrt und das Bayerische Institut für alters- und demenzsensible Architektur aufgebaut hat. Eigene Erfahrungen mit dem Thema Demenz hat sie durch ihre Schwiegermutter, die in einem Heim in Forchheim lebt und die sie regelmäßig besucht.

Dietz hat das Buch "Demenzsensible Architektur" verfasst. Damit bezeichnet sie ein Design, das die körperlichen und geistigen Einschränkungen von Menschen berücksichtigt und durch geeignete Maßnahmen so weit wie möglich wie eine Art Prothese kompensiert und hilfreich und unterstützend wirkt.

Gedächtnis wird schlechter

Bei Demenzkranken werden nach und nach Teile des Gehirns von der Krankheit betroffen. Erst wird das Gedächtnis schlechter, dann die Orientierung in Raum und Zeit, dann körperliche Prozesse. Schließlich werden vertraute Personen nicht mehr erkannt.

"Leider ist dies mittlerweile bei meiner Schwiegermama der Fall - doch reagiert sie sehr sensibel auf die Umgebung. Sie erschrickt bei ungewohnten Geräuschen, mag es, wenn es im Raum viel Tageslicht gibt und liebt es, draußen auf der Terrasse zu sein", erzählt die Architektin.

Gute Tagesstruktur

Sie empfiehlt, die zeitliche Orientierung durch eine gute Tagesstruktur zu unterstützen. "Helle Räume mit viel natürlichem Licht, der Blick nach draußen, sichtbar angebrachte Uhren und Kalender können helfen", meint Birgit Dietz und zählt weiter auf: Die selbstständige Nutzung von Toilette und Bad kann durch einige einfache Änderungen verbessert werden.

Rotes Klebeband kann helfen

Um diese Räume finden zu können, kann auch daheim eine Ausschilderung helfen. Ein Lichtschalter wird besser erkannt, wenn man ihn sieht. Einen weißen Drücker auf weißer Wand kann man mit Buntstift oder rotem Klebeband markieren. Das gilt auch für Haltegriffe, Toilette und Waschbecken. "Nur das, was ich sehe und verstehe, kann ich benutzen", erklärt Birgit Dietz. Stühle und Sitzgelegenheiten sollten so gestaltet sein, dass man problemlos aufstehen und sich wieder hinsetzen kann.

"Auch der Kontrast der Sitzgelegenheit zum Boden sollte möglichst deutlich sein, damit es keine Stolper- oder Hinsetzunfälle gibt", erklärt die Architektin. Wenn man wissen möchte, wie der Kontrast im eigenen Zuhause ist, sollte man ein einfaches Schwarz-Weiß-Foto mit dem Handy machen. "Ungefähr so nimmt ein älterer Mensch ja auch die Kontraste wahr."

Eigener Bereich ist wichtig

Muss der Demenzkranke in ein Pflegeheim, ist es enorm wichtig, dass er einen eigenen Bereich hat. "Hier sollte der persönliche Geschmack sichtbar werden dürfen. Lieblingsfarben, Möbelstücke, Bilder oder Erinnerungsstücke schaffen eine vertraute Umgebung, und dafür sollte Platz sein", sagt Birgit Dietz. Sie erläutert, dass in den späteren Krankheitsstadien der Demenz die Bedeutung des privaten Raums mit seinen persönlichen Gegenständen eher abnehme, in den frühen Phasen sei aber das Gegenteil der Fall.

"Möbelstücke müssen klar erkennbar, vertraut und stabil sein. Das Bett sollte variabel aufgestellt werden können, also auch mit einer Seite an der Wand", erklärt die Architektin. Wand- und Bodenflächen sollten möglichst ohne verwirrende Muster gestaltet werden, damit die ungeteilte Aufmerksamkeit auf das, was dort wichtig ist, gerichtet und Verkennungen vermieden werden. Schränke, die für Bewohner zugänglich sind, sollen gut bedienbare Griffe haben.

Sanitärräume

Und bei mehreren Personen in einem Raum sollten die persönlichen Bereiche im Zimmer und in den Sanitärräumen als eigene "Territorien" erkennbar sein. Im Pflegeheim oder im Krankenhaus sei die Auffindbarkeit und Gestaltung des Sanitärraums besonders wichtig. "Ich möchte noch einmal betonen, dass es oft einfache Maßnahmen sind, die eine große Wirkung haben - und zwar für die Betroffenen wie auch für die Pflegekräfte, die durch die Selbstständigkeit des Bewohners stark entlastet werden können", erklärt Birgit Dietz.

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