Kulmbach

Der SS-Mann und das Pin-up-Girl

Der Gebrauchsgrafiker Erich Meerwald, einer der erfolgreichsten Briefmarkenkünstler des Deutschen Reiches, sucht bei Kriegsende Zuflucht in Kulmbach. Nach 1945 kommt er sofort wieder ins Geschäft.
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Erich Meerwald: Bis Ende 1953 wohnte er in Kulmbach, zunächst Am Rehberg, später im Oberhacken und am Marktplatz. Foto: Stadtarchiv Darmstadt
Erich Meerwald: Bis Ende 1953 wohnte er in Kulmbach, zunächst Am Rehberg, später im Oberhacken und am Marktplatz. Foto: Stadtarchiv Darmstadt
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WOLFGANG SCHOBERTH Im Februar 1944 kommt Erich Meerwald mit seiner Frau Alice auf die Plassenburg. An ihrer Seite sind Dutzende von Historikern, Schriftstellern, Grafikern, Radio- und Zeitungsjournalisten. Sie gehören zur Abteilung C 1/II des SS-Hauptamtes. Innerhalb des riesigen Apparats der SS ist sie zuständig für den Bereich "Wissenschaft und Weltanschauung". Erich Meerwald ist SS-Scharführer. Ein kleines Licht in der Allgemeinen SS, im Dienstgrad eines Unteroffiziers. Er ist kein Ideologe, sondern der Typ eines unpolitischen Künstlers, der jeden Auftrag annimmt und auch vor Propaganda nicht zurückschreckt. Als Sohn Berliner Eltern wird er 1895 in Lothringen geboren. Im Ersten Weltkrieg ist er mit Begeisterung Soldat und schlägt die Offizierslaufbahn ein.

Nach der Niederlage 1918 erfolgt ein radikaler Kehrtschwenk: Meerwald beschließt, Schauspieler zu werden und schreibt sich am Berliner Staatstheater ein. Doch die Ausbildung bricht er nach kurzer Zeit ab, da sich bei ihm ein ganz anderes Talent offenbart: wirkungsvolle Plakate und Bühnenbilder zu entwerfen. Er reicht bei einer Modefirma, die Reklame-Ideen sucht, Vorschläge ein. Sie schlagen ein. Meerwald trifft den Geschmack der Zeit und der Masse. Dem Autodidakten gelingt es, sich in dem reizüberfluteten Berlin der 1920er Jahre einen Namen zu machen. Filmgesellschaften wie Ufa, Tobis, Terra und Bavaria klopfen bei ihm an und lassen sich Kinoplakate entwerfen.

Volkssturm und SS-Kämpfer

1939 erfolgt ein weiterer Sprung nach oben: die Deutsche Reichspost beauftragt ihn erstmals mit Entwürfen für Briefmarken. Mit 32 Postwertzeichen ist er der meistbeschäftigte Briefmarken-Designer des Deutschen Reiches. Anfänglich sind es unpolitische Motive wie etwa der VW Käfer zur Automobilausstellung 1939, später ist es offene Nazi-Propaganda: die Waffengattungen der Wehrmacht zum "Heldengedenktag" oder BDM-Maiden zum "Tag der Verpflichtung der Jugend" (1943).

Nach seinem Umzug nach Kulmbach reißt die Kette nicht ab. Im Februar 1945 wird die von ihm entworfene Marke "Ein Volk steht auf" ausgegeben. Sie zeigt eine Dreiergruppe des "Volkssturms", einen erfahrenen Landser, einen 60-Jährigen und einen Hitlerjungen. Auch die letzte Marke des "Großdeutschen Reiches" stammt von ihm. Sie zeigt einen Infanteristen der Waffen-SS mit geschultertem MG 42. Als die Marke am 20. April 1945 erscheint, stehen die Amerikaner schon eine Woche in Kulmbach.

Porträts der Hagen-Söhne

Nach dem Ende des Krieges fällt es Meerwald nicht schwer, bald wieder Aufträge zu bekommen. Oberbürgermeister Georg Hagen lässt von ihm seine drei blutjung gefallenen Söhne nach vorhandenen Fotos in der von Filmplakaten vertrauten Gouachetechnik malen: Theo und Siegfried schon 1945, Fritz dann 1947. Für einen Außenstehenden ist es schwer zu verstehen, wieso der SPD-Mann Hagen, Exponent einer verfolgten Partei, die gegen Hitler und Krieg angekämpft hat, ausgerechnet Meerwald damit betraut.

1946 lithographiert er zwei Ansichten der Kulmbacher Altstadt: den Roten Turm und den Main bei der Fischergasse. Gedruckt werden die Steinzeichnungen in dem kleinen Verlag Vetterlein in der Kulmbacher Beethovenstraße 1.

Durch die Bekanntschaft mit Hagen wird Meerwald mit der Illustration des Goldenen Buches der Stadt Kulmbach beauftragt. Seine fein ziselierten Kalligraphien zur Würdigung der Deutschen Radballmeister Willi und Rudi Pensel oder des zum Ehrenbürger ernannten Kunstmalers Michel Weiß sind ein Augenschmaus.

Als die ersten Nachkriegsfilme produziert werden, ist Meerwald wieder dabei: "Sündige Grenze", "Die Spur führt nach Berlin", "Anatomie eines Mordes" - er gestaltet dazu die Plakate. Beim Bayreuther Helios Verlag, der auf Western-Serien spezialisiert ist, ist Meerwald "Chef-Illustrator" der Covers.

Im November 1953 zieht Meerwald mit seiner Frau nach Darmstadt, um den meist in Frankfurt angesiedelten Verlagen und Filmgesellschaften näher zu sein. Doch die Kontakte nach Kulmbach bleiben. Für die Brauereien entwirft er weiterhin pfiffige Plakate, das frechste ist die Werbung für "Kulminator", das stärkste Bier der Welt, das die EKU 1958 auf den Markt bringt. Meerwald lässt eine nur hauchdünn bekleidete junge Frau auf einer 28er-Flasche durch die Lüfte schweben.

Sexy Girl erregt die Kulmbacher

Die Idee ist nicht ganz neu: Pinup-Girls in lasziver Pose auf Motorrädern, Sportwagen, Flugzeugen sind in dieser Zeit in Herrenmagazinen wie dem "Playboy" üblich. In Kulmbach schreien die Kirchen und Teile der Öffentlichkeit so auf, dass die Brauerei das Plakat aus dem Verkehr zieht.

Als Gebrauchsgrafiker bleibt Meerwald auch in Darmstadt erfolgreich. 1958 gelingt es ihm, eine Serie von Wohlfahrtsausgaben bei der Deutschen Bundespost unterzubringen. Ein Jahr später erfährt er internationale Anerkennung für sein Plakat zu "Ben Hur", der größten Hollywood-Produktion der Nachkriegsjahre.

Mit seiner Frau engagiert er sich für die deutsch-französische Versöhnung und wirkt maßgeblich am Zustandekommen der Städtepartnerschaft zwischen Darmstadt und dem französischen Troyes mit. Vielleicht ein später Reflex auf manche Irrwege seines Lebens. Erich Meerwald stirbt 1973 im Alter von 78 Jahren in Darmstadt.

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