Coburg

Der OB war äußerst sauer

Als der Coburger Convent 1993 sein 125-jähriges Bestehen feierte, gab es Kopfschütteln und Proteste gegen einige der Reden, mehrere Demos - eine sogar in einer Stadtratssitzung.
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Heute wären die Fotos in Farbe - die Motive in der Mitte und rechts gibt es während des Pfingstkongresses alle Jahre. Das 125-jährige Bestehen wurde 1993 gefeiert, vor 25 Jahren.
Heute wären die Fotos in Farbe - die Motive in der Mitte und rechts gibt es während des Pfingstkongresses alle Jahre. Das 125-jährige Bestehen wurde 1993 gefeiert, vor 25 Jahren.
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"Das war nicht rechts, das war teilweise schon rechtsaußen", wurde der damalige Oberbürgermeister Norbert Kastner (SPD) nach dem Festakt zu 125 Jahren Coburger Convent (CC) im Landestheater zitiert. Kastner, damals drei Jahre im Amt und gerade mal 33 Jahre alt, bezog sich auf die Festrede von Joachim Grimm. Der hatte die 68er-Bewegung als die Wurzel allen Übels ausgemacht und sprach von "der Ödnis der 70er Jahre mit ihrem ideologischen Mummenschanz, ihrem Terrorismus und dem in Universitäten und Schulen wabernden neomarxistischen Geschwätz".
Heute würde man solche Sätze Rednern der AfD zuordnen. Schon damals gab es aber CC-Vertreter, die den beiden meistkritisierten Reden des Pfingstkongresses die Schärfe nehmen wollten. So mahnte der Vorsitzende der Altherrenvereinigung (AHCC), Günter Kießling, man müsse "in der Zeit leben".
Da waren aber der Festakt und das Totengedenken am Pfingstmontag schon gelaufen. Dabei bezeichnete der Professor Dieter Wiebecke die Einweihung eines Ehrenmals für Deserteure als "Höhepunkt einer abstrusen Geistesverwirrung" und lobte Hingabe und Opferbereitschaft deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg, die, als es nichts mehr zu gewinnen gab, versucht hätten, wenigstens Frauen und Kindern die Flucht vor den Russen zu ermöglichen. Idealismus setzte er gleich mit "Ehre, Freiheit, Freundschaft und Vaterland".
Auch darauf reagierte der damalige OB: "Wir sind tief bedrückt vom Zungenschlag dieser Rede."


"Internationale" gepfiffen

Dass das Totengedenken am Ehrenmal mehrfach von einer Frau gestört wurde, die am Ende sogar die "Internationale" pfiff, berichtete das Tageblatt ebenfalls. Einer der Teilnehmer - dem Foto nach vermutlich ein Ordner - packte die Frau, die sich heftig wehrte, und überstellte sie der Polizei.
Die CC-Gegner waren in ihrer Sprachwahl aber nicht unbedingt besser. Der CC sei ein "wichtiges Bindeglied in unserem Scheißsystem" und habe keine Existenzberechtigung, sagte ein Redner bei der Gegendemonstration. Rund 300 Menschen beteiligten sich daran, darunter viele von auswärts.


Schweigekreis wegen Solingen

Und doch gab es auch eine gemeinsame Demo: Die Pfingstfeiertage 1993 waren überschattet von dem ausländerfeindlichen Brandanschlag in Solingen. Dabei waren zwei Frauen und drei Mädchen ums Leben gekommen. Die Bürgerinitiative Courage organisierte auf dem Marktplatz einen Schweigekreis zum Gedenken an die Opfer, dem sich auch eine offizielle Delegation des CC-Präsidiums anschloss. Nur einige Antifa-Anhänger störten das Schweigen - sie hatten "offenbar den Sinn des Kreises nicht verstanden oder verstehen wollen", wie Tageblatt-Reporter Oliver Schmidt damals notierte.


Verunglückte Rede

Geschwiegen hätte wohl besser auch ein Student, der beim Marktfest am Dienstag ans Mikrofon trat - "volltrunken seine Solidarität mit dem Mörder von Solingen bekundend", wie FDP-Stadtratsmitglied Hans-Heinrich Eidt in einem Leserbrief ans Tageblatt schrieb. Die Polizei ermittelte bereits. Der junge Mann habe sich versprochen, erklärte CC-Sprecher Ludwig Gehrke einige Wochen später - er habe eigentlich seine Solidarität mit den Opfern bekunden wollen.


Gegner im Stadtrat

Die Vorfälle hatten mehrere Nachspiele, zwei sogar im Stadtrat: CC-Gegner hatten sich in der Sitzung am 24. Juni unters Publikum gemischt und entrollten plötzlich ein Transparent: "Die Ewiggestrigen bestimmen die Gegenwart und verändern die Zukunft - ihre Handlanger sitzen im Stadtrat". Als die vier Demonstranten sich weigerten, die Sitzung zu verlassen, rief OB Kastner die Polizei. Es kam zu einem Gerangel, bei dem Stadt-Pressesprecher Frank Rebhan (heute Oberbürgermeister in Neustadt) so gegen eine Tür gedrückt wurde, dass eine Scheibe zu Bruch ging.
Die Grünen-Fraktion hatte in der Sitzung Anfragen in Sachen CC gestellt. Unter anderem wollten sie wissen, wozu die Stadt verpflichtet sei. Antwort: Die Durchführung von Einzug, Totengedenken am Schlossplatz und im Hofgarten, Fackelzug und Marktplatz sei schriftlich garantiert, noch durch Alt-OB Karl-Heinz Höhn.
Außerdem wollten die Grünen wissen, was der CC der Stadt bringt. Antwort: Die Gäste lassen 2,5 Millionen Mark da, ausgegeben in Hotels, Gastwirtschaften und beim Einzelhandel.


"Nachdenklich gestimmt"

Bei dieser Gelegenheit kündigte OB Kastner an, nicht zur Übergabe des CC-Präsidiums nach Hamburg fahren zu wollen. Beim CC führt jedes Jahr ein anderer Mitgliedsbund das Präsidium, der Wechsel erfolgt zum 1. Juli. Er habe die Einladung nicht angenommen, sagte Kastner, wegen der beiden Reden beim Festakt und dem Totengedenken. Die offiziellen Reaktionen seitens des CC auf die Diskussionen und die Vorwürfe seien nicht ausreichend gewesen. "Das hat mich schon nachdenklich gestimmt. Nach dem, was dies Jahr beim CC vorgefallen ist, kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen."
Offenbar distanzierten sich aber etliche Bünde von den Reden, und das nicht nur beim Oberbürgermeister.
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