Lichtenfels
Unter uns am Obermain (517)  Manche Themen sind unangenehm. Wie gut, wenn man dann offen darüber reden kann.

Der nächtliche Besucher

Es ist jetzt wenige Tage her, da klingelte es nach 22 Uhr unvermittelt an meiner Wohnungstür. Zwar sage ich den Menschen oft, dass sie, wenn sie an meiner Wohnung vorbeikommen, jederzeit gerne mal bei...
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Es ist jetzt wenige Tage her, da klingelte es nach 22 Uhr unvermittelt an meiner Wohnungstür. Zwar sage ich den Menschen oft, dass sie, wenn sie an meiner Wohnung vorbeikommen, jederzeit gerne mal bei mir klingeln könnten, aber man rechnet ja nicht wirklich damit, dass das einer ernst nimmt.

Mein alter Klassenkamerad aber war so naiv und klingelte wirklich. Jetzt hatte ich das Problem, dass ich erst mal schauen musste, in welchem Zimmer meiner Bude Licht brannte. Wenn es zur Straße hin bei mir dunkel wäre, könnte ich ja auf Nachfrage behaupten, ich sei an diesem Tag im Urlaub gewesen, auf Arbeit oder im Knast. Na wo man halt so ist. Gespannt betrat ich das entscheidende Zimmer - Mist! Ich hatte das Licht brennen lassen und somit musste ich dem Klingler wohl oder übel öffnen.

Gespannt darauf, wer jetzt wohl zu mir hochsteigen würde, setzte ich mich auf dem Treppenabsatz nieder und ein furchtbar abgespanntes Gesicht auf. Mir entgegen und die Treppen hoch schlurfte überraschenderweise ein alter Klassenkamerad, mit dem ich schon lange nicht mehr nachgesessen hatte. Wie ich sah, war er mittlerweile erwachsen geworden, wobei er natürlich viel älter aussieht als ich. Ihm war offensichtlich nach Geselligkeit und das formulierte er auch so. "Du hast ja gesagt, ich soll ruhig mal bei dir klingeln", schob er noch lächelnd nach. Dann ging er in meiner Bude umher und besah sich meine Lebensumstände.

Kurz danach bestand er darauf, dass ich ihn in eine Kneipe begleite. Wir hätten uns ja so viel zu erzählen. Kurz danach stellten wir fest, dass wir beide den gleichen zweiten Vornamen tragen. Er zu Recht, ich zu Unrecht. Nach vier, fünf Bieren wurde unser Gespräch tiefergehend und wir sprachen über Sex. Nicht über den eigenen, sondern mehr so darüber, wie man die Kinder aufgeklärt hatte und wie peinlich das doch war. Ich beispielsweise stieß bei ihnen auf vollkommen taube Ohren, als ich beim Thema Aufklärung die um das Jahr 1700 einsetzende Entwicklung erwähnte, wonach man durch rationales Denken sämtliche den Fortschritt behindernde Strukturen zu überwinden suchte. Ansonsten ließ ich meine Freundin die Kinder aufklären und entwickelte eine gewisse Kunstfertigkeit darin, bei Nachfrage vom eigentlichen Thema wegzuleiten.

In die Renaissance beispielsweise. Ich selbst wurde ja von meiner Oma aufgeklärt und sie betonte immer wieder, dass, wer da so rummacht, verheiratet sein sollte. Wegen der Rente. Noch heute kommt mir manchmal der Verdacht, sie könnte mir womöglich nicht die ganze Wahrheit darüber gesagt haben, woher die kleinen Babys denn nun genau kommen. Auch mein Klassenkamerad erzählte mir davon, wie unangenehm anzusprechen dieses Thema ihm selbst einst bei der eigenen Tochter war.

Darum sprach er nicht darüber, als sie elf, zwölf, 13 und 14 war. Als sie 15 war, standen Überstunden und der Hausbau an. Und die Zuchttierausstellung. Dann aber wurde sie 16, und bei der Gelegenheit wollte er doch mal ein väterliches Wort an sie richten. Es gibt ja so viele Jungs in dem Alter, die nix taugen und nur das Eine wollen.

Das, so fand mein Klassenkamerad, sollte seine Tochter unbedingt wissen und von ihm erfahren. Gerade jetzt, so kurz vor der Klassenfahrt. Also trug er seiner Tochter den Koffer nebst Rucksack zum Bus, sah ihr ernst in die Augen und nahm sie fest in den Arm. Als er ihr wieder in die Augen blickte und zu sprechen anhob, unterbrach ihn seine Tochter und sagte: "Du Papa, ich hab's eilig und noch was vergessen. Kannst du mir bitte noch kurz einen Gefallen tun und mir noch schnell die Pille bringen. Die Schachtel liegt auf den Nachtkästchen an meinem Bett. Danke, ganz lieb."

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