Der Mensch ist dem Wolf ein Wolf

Dass im Bayerischen Wald Wölfe entlaufen sind, entfacht die Diskussion um die Rückkehr Isegrims in unsere Wälder neu. Die Tierpfleger im Wildpark von Schloss Tambach bemühen sich, ein realistisches Bild dieser Tierart zu vermitteln.
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Anne Hornung hat die Wölfe im Tierpark von Schloss Tambach gerufen und sie sind gekommen. Fotos: Rainer Lutz
Anne Hornung hat die Wölfe im Tierpark von Schloss Tambach gerufen und sie sind gekommen. Fotos: Rainer Lutz
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Wenn Anne Hornung ruft, kommen die Wölfe. Es dauerte Jahre, bis das Rudel im Gehege des Wildparks von Schloss Tambach so viel Vertrauen hatte. Jetzt kommen sie auch, wenn Besucher da sind, die extra wegen der faszinierenden Tiere in den Park gekommen sind. In diesen Tagen wird Anne Hornung dann oft gefragt, wie das denn nun ist, wenn Wölfe aus ihrem Gehege frei kommen. Anlass: Die Wölfe, die im Bayerischen Wald auf freiem Fuß sind, weil vermutlich jemand ihr Gehege geöffnet hat.
"Wölfe polarisieren", weiß die Tierpflegerin. "Entweder werden sie völlig verteufelt oder völlig verharmlost", sagt sie. Beides sei falsch. Die Diskussion um den Wolf wird teilweise emotional geführt, seit er sich wieder in Deutschland ausbreitet. Im vergangenen Jahr wurden 46 Rudel, 15 Paare und vier sesshafte Einzeltiere gelistet. Mehrere Hundert Tiere sind es, die vor allem in den neuen Bundesländern leben. Tendenz: steigend.
Managementpläne, Unterstützung für Landwirte, die ihre Weidetiere schützen müssen oder Verluste durch den Wolf erleben, - wie mit Wölfen umzugehen ist, wurde klar geregelt. Dazu gehört auch sein strenger Schutz. Jäger, die einen Wolf abschießen, riskieren mehrjährige Haftstrafen. Umgekehrt wird jeder Fall, in dem ein Wolf Schaden verursacht, als Argument genutzt, um eine strengere Gangart in Sachen Isegrim zu fordern.


Druck auf die Politik

Anfang Oktober richtete der Deutsche Bauernverband eine Veranstaltung zum Thema aus. Titel: "Kulturlandschaft und Wolf - Koexistenz braucht Bestandsregulierung" . "Wenn Minister und Ministerpräsidenten angesichts der rasanten Ausbreitung des Wolfes seine Regulierung fordern, müssen sie auch den Rechtsrahmen schaffen", sagte Präsidiumsmitglied im Deutschen Jagdverband Helmut Dammann-Tamke bei der Tagung. Natürlich sei es Sache der Jäger, die Regulierung zu übernehmen. Würden immer wieder Wölfe abgeschossen, blieben die Tiere scheu und würden den Menschen meiden, hofft er.
Laut Nachrichtenagentur dpa hat es vor kurzem eine Beratung zwischen Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD), dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) und dessen Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) gegeben. Dabei habe man sich darauf verständigt, dass künftig "Problemrudel" komplett abgeschossen werden könnten. Bei der jüngsten Agrarministerkonferenz sagte Baden Württembergs Landwirtschaftsminister Peter Hauk: "Auffällige Wölfe müssen getötet werden." Es scheint sich ein Ende der Willkommenskultur für den Rückkehrer abzuzeichnen.
Der Fall der freigekommenen Gehegewölfe stellt in diesem Zusammenhang eine ganz andere Situation dar, erklärt Anne Hornung. "Über eine Gefahr bei entlaufenen Wölfen lässt sich nicht so pauschal etwas sagen", stellt sie klar. Sie kennt ihre Wölfe. Es ist das größte Gehegerudel in Deutschland. "Eine gewisse Scheu ist noch immer da", stellt sie fest, auch wenn die Tiere inzwischen deutlich vertrauter sind als die ersten Jungtiere vor Jahren bei ihrer Ankunft. In anderen Gehegen kann das Verhältnis der Tiere zu Menschen ganz anders sein.
Doch ein gravierender Unterschied zum wilden Wolf gilt für alle Gehegewölfe. "Einerseits haben sie nicht gelernt zu jagen, sie haben zwar ihre Instinkte, aber wie man das dann in der Praxis anstellt, wissen sie nicht." Dass die Wölfe, die im Bayerischen Wald frei gekommen sind, sich in der Freiheit nicht so einfach zurecht finden, zeigte sich rasch. Ein Tier wurde schon in den ersten Tagen überfahren.


Keine Panik, aber Respekt

Was entlaufene Wölfe vor allem problematisch erscheinen lässt, hat einen anderen gewichtigen Grund. "Für Gehegewölfe bedeutet der Mensch Futter", gibt die Tierpflegerin zu bedenken. Daher kommen die Tiere Menschen und ihren Haustieren näher als ihre frei aufgewachsenen Artgenossen. "Da ist natürlich ein Gefährdungspotenzial vorhanden", sagt Anne Hornung. Aber wenn er nicht in die Enge getrieben wird, werde der Wolf dem Menschen wohl trotzdem nicht gefährlich: "Man muss keine Panik haben im Umgang mit dem Wolf - aber Respekt, wie bei jedem Tier."
Als Tierpflegerin, die ständig mit einem Gehegerudel zu tun hat, ist sie sicher, dass sich die Verantwortlichen im Nationalpark Bayerischer Wald die Entscheidung nicht leicht gemacht haben, ihre Tiere zum Abschuss frei zu geben. Darüber zu urteilen sei leicht, wenn man nicht selbst die Verantwortung übernehmen muss.


Zeit hilft den Wölfen

Zwei der Wölfe wurden inzwischen tatsächlich geschossen. Für die drei, die noch in Freiheit sind, arbeitet die Zeit. Wölfe können sehr rasch große Entfernungen zurücklegen. Sie sind intelligent und lernen schnell. Je länger sie frei sind, desto näher kommen sie einem Verhalten wilder Wölfe. Wenn sie dann irgendwann irgendwo auftauchen, kann niemand mehr sicher sagen, dass er eines der entlaufenen Tiere vor der Büchse hat. Sie stünden unter dem Schutz, der für wilde Wölfe gilt.
Für Anne Hornung und ihre Kollegen im Wildpark Tambach bedeutet die Diskussion, dass sie noch mehr als sonst auf Aufklärung setzen. "Wir wollen das Bild vom bösen Wolf ein bisschen gerade rücken und den Besuchern lieber den realistischen Wolf zeigen", sagt sie. Ein schönes Ziel.
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