Haßfurt

Der lange Weg zur Erwachsenenbildung

Die Volkshochschule blickt auf ihr 100-jähriges Bestehen. Auf dem Gebiet des heutigen Landkreises Haßberge ging es erst 1949 richtig los.
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Die "Alte Mainmühle" am Flussufer in Haßfurt ließ 1999 die Stadt Haßfurt für ihre Volkshochschule umbauen.  Fotos: Ludwig Leisentritt
Die "Alte Mainmühle" am Flussufer in Haßfurt ließ 1999 die Stadt Haßfurt für ihre Volkshochschule umbauen. Fotos: Ludwig Leisentritt
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Die Volkshochschule feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Dazu finden an mehreren Orten im Landkreis Veranstaltungen statt, zum Beispiel in Ebern. Die zentrale Feier ist am heutigen Freitag im Umweltbildungszentrum Oberschleichach. Heute ist die VHS eine große funktionierende Einrichtung der Erwachsenenbildung. Bis es so weit war, war es indes ein langer Weg im Gebiet des heutigen Kreises Haßberge.

In den Nachkriegsjahren nach 1918 und 1945 kam nach Monarchie und Diktatur der Erwachsenenbildung eine zentrale Bedeutung zu. Die Volksbildungswerke (VBW) und Volkshochschulen (VHS) entwickelten sich zu wichtigen Eckpfeilern einer offenen, toleranten und demokratischen Gesellschaft. Sie galten Anfang der 1960er Jahre als integraler Teil und vierte Säule des Bildungssystems. Die Anfänge der Volkshochschulen sowie Volksbildungswerke im heutigen Kreis Haßberge reichen bis 1949 zurück.

Anliegen der Obrigkeit

Die Volksbildung war jedoch schon viel früher ein Anliegen der Obrigkeit. 1860 ordneten die damaligen Bezirksämter an, landwirtschaftliche Lesevereine zu bilden, nicht zuletzt auch deshalb, weil es noch viele Leute gab, die nicht lesen konnten.

Auf Initiative des späteren Zeiler Bürgermeisters, Reichstags- und Landtagsabgeordneten Franz Burger wurde 1865 ein Leseverein gegründet. Die Schriften und Bücher zum Thema Landwirtschaft gingen reihum und sollten den schon etwas fortschrittlichen Zeiler Bauern neues Wissen vermitteln. Ähnliche Vereine entstanden in Ditterswind, Westheim, Humprechtshausen und Mechenried.

1909 kam es in Ebern zur Gründung einer Volksbibliothek. Die 450 Bände stellte der Bartholomäusverein zur Verfügung. In Haßfurt beschloss der Stadtrat 1917, ein ähnliches Institut einzurichten. Eine Ergänzung des Buchbestandes folgte 1921. Sieben Jahre später fand im "Bayerischen Hof" eine Vorbesprechung über die Gründung eines Volksbildungsvereins für Haßfurt und Umgebung statt. Ohne die einzelnen Vereine in ihrer Tätigkeit hinsichtlich musikalischer und theatralischer Veranstaltungen irgendwie zu beeinträchtigen, wurde der Versuch gestartet, gute künstlerische Darbietungen, "vom Einfachen ausgehend, unter die breiteste Öffentlichkeit zu bringen und daher volkserzieherisch zu wirken".

Gute Bücher

1932 diskutierte der Haßfurter Stadtrat über die Errichtung einer Volksbücherei durch den "Volksbildungsverein für Haßfurt und Umgebung". Dem Publikum sollte die Möglichkeit gegeben werden, sich durch die Lektüre guter Bücher zu bilden.

In Zeil etablierte sich 1922 unter dem Dach des Caritasvereins ein Volksbildungsausschuss, der auch Volksbildungsabende abhielt. Zwei Jahre später fand ein vielbeachtetes Konzert im Göllersaal statt. Der später als deutscher Paganini apostrophierte Geigenvirtuose Jules Siber erntete Ovationen.

Während des Zweiten Weltkrieges bestand in Zeil unter dem Dach der NS-Gemeinschaft "Kraft durch Freude" im Rahmen des deutschen Volksbildungswerkes auch eine Volksbildungsgruppe. Ein eigens gegründeter "Hörerring" warb für die Veranstaltungen, die von den "Ortsvolksbildungswarten" Josef Gaßner und Josef Eyrich organisiert wurden. 1942 sind in Zeil Aufführungen der "Mainfränkischen Gaubühne" aktenkundig. Der Haushaltsplan für 1941/42 weist sechs Theateraufführungen, zwei Konzerte, eine Varieté-Veranstaltung und drei Vorträge aus. Noch bis November 1944 lassen sich Veranstaltungen der Zeiler Kunstgemeinde belegen. Freilich dienten sie immer mehr dazu, den Durchhaltewillen der Menschen zu stärken.

Ein großes Bedürfnis

Nach dem Zweiten Weltkrieg war in vielen Gemeinden ein Bedürfnis nach kulturellem Leben zu spüren. 1949 entstand in Haßfurt aus der Kulturgemeinde das Volksbildungswerk. Sehr stark war das Programm auf die berufliche Fort- und Weiterbildung der Beschäftigten und der Arbeitslosen ausgelegt.

In Königsberg stieß Peter Franz Stubmann 1948/49 die Gründung einer Kulturgemeinde an. Im Rathaus fand er allerdings wenig Gegenliebe. Das änderte sich erst, als Stubmann auf das Beispiel Hofheim verwies, wo der Hauptlehrer Richard Werner die ins Leben gerufene Volkshochschule leitete. Stubmann war 1936 aus Hamburg zugezogen, wo er als Senator gewirkt hatte. Weil er auch noch als Schriftsteller tätig war, brachte er sich selbst tatkräftig in der Erwachsenenbildung ein.

Anfang 1950 kam es in Zeil auf Initiative von Bürgermeister Rudolf Winkler zur Gründung einer Kulturgemeinde. Als man sich im Handarbeitssaal der Volksschule über Sinn und Zweck der Kulturarbeit unterhielt, standen die "Ergründung und Vertiefung der Werte" im Vordergrund. Mit der Forderung, allen Bürgern kostenlosen Zugang zu den Vorträgen zu ermöglichen, wurden bereits die Grundlagen für das spätere Volksbildungs- und Volkshochschulwesen gelegt. Jeder, der etwas vermitteln konnte, war als Dozent zum Mittun aufgefordert und willkommen.

Die Kulturgemeinde

Die Gründung der Kulturgemeinde Ebelsbach-Eltmann erfolgte Ende 1950 im Anschluss an eine Johann-Sebastian-Bach-Feier in der Kirche in Gleisenau. Die Kulturgemeinde veranstaltete in den 50er Jahren eine bunte Reihe von Konzerten, Liederabenden und Vorträgen. Lichtbilder führten die Teilnehmer in die weite Welt. Theaterbesuche, auswärtige Konzerte und Veranstaltungen des Volksbildungswerkes Haßfurt ergänzten die Veranstaltungen in Ebelsbach und Eltmann.

Schließlich übernahm die Kulturgemeinde das Protektorat der Kunstfilmtage in Eltmann. Aus der Reihe der Veranstaltungen ragten zahlreiche Kammerkonzerte der Bamberger Symphoniker hervor. Sie machten den "Blauen Saal" des Schlosses in Ebelsbach zu einer Kulturstätte ersten Ranges. Zehn Jahre nach der Gründung umriss Vorsitzender Zinner den Sinn und Zweck der Kulturgemeinde, die unablässig bemüht sei, die Werte des Geistes zu betonen. "Erst der Geist ist es, der die Würde des Menschen als eines freien denkenden Wesens begründet. Der Geist aber schafft das, was wir Kultur nennen."

Im Schloss des Freiherrn von Rotenhan in Rentweinsdorf bildete sich Ende 1950 die Kulturgemeinde und im gleichen Jahr die Volkshochschule in Ebern. Die war stolz darauf, mit ihrer Arbeit ein echtes Bedürfnis nach Weiterbildung, geistiger Anregung und in sämtlichen Bevölkerungsschichten einer wertvollen Feierabendgestaltung befriedigen zu können.

Die Bevölkerung im damaligen Kreis Ebern war geradezu ausgehungert nach einem gepflegten Theaterspiel. Bamberg konnte zu diesem Zeitpunkt noch keinen regelmäßigen Theaterbesuch bieten und der Besuch des Landestheaters in Coburg war wegen ungünstiger Verkehrsverbindungen und der damit verbundenen Reisekosten nur einem kleinen Personenkreis möglich. Es war das "Fränkische Theater" in Maßbach, das dann zunehmend mit allen Schichten der Bevölkerung einen Kontakt aufnahm. Durch das Entgegenkommen des Kugelfischer-Werkes konnten Theatervorstellungen in dem sowohl technisch als auch repräsentativ geeigneten Kantinensaal stattfinden. Unter dem Motto "Ernst ist das Leben, heiter die Kunst" fanden auch Volksliederabende mit den vereinigten Chören der Firma Kugelfischer, dem Gesangverein Ebern und dem Flüchtlingschor statt.

Der Fremdenverkehrsverein Steigerwald regte im Jahr 1951 die Gründung einer Volkshochschule in Sand an, die man in der geplanten Kreisjugendherberge in Zell unterzubringen hoffte. Auf diese Weise wollte man zusammen mit einer Volksbücherei und einem Heimatmuseum im Steigerwald ein Kulturzentrum schaffen. Umgekehrt initiierte das Haßfurter Volksbildungswerk den Heimat- und Fremdenverkehrsverein Haßfurt und unterstützte 1953 sogar eine Werbekampagne.

Ein weiterer Adeliger stellte sich nach dem Krieg in den Dienst der Erwachsenenbildung: Freiherr Jobst von Zanthier vom Schloss Schmachtenberg war in Würzburg bei der Gründung des Kulturverbandes Unterfranken dabei. Er war zuletzt dessen Präsident bis zur Auflösung. In Haßfurt fungierte er bis zu seinem Tod 1965 im Volksbildungswerk als stellvertretender Vorsitzender. In den 1930er Jahren hatte der gebürtige Ostpreuße als Direktionsmitglied und Besetzungschef der legendären Universum Film Aktiengesellschaft (Ufa) in Berlin-Babelsberg gewirkt und zahlreichen Schauspielern zu Ruhm verholfen. Hier in der Provinz betreute er eine Filmclub­Abteilung, die eine Zeitlang im Haßfurter CC-Theater besondere Filme vorstellte. Daneben hielt der Schöngeist Vorträge über Kunst und deutsche Literatur.

Im Landesverband

Bereits 1952 war das Haßfurter Volksbildungswerk dem Landesverband der freien Volkshochschulen in Bayern beigetreten. Der Kreis Haßfurt und die Stadt Haßfurt begannen, in ihren Haushalten finanzielle Mittel für die Erwachsenenbildung auszuweisen. 1954 veranstaltete das VBW Englischkurse für Personen, welche nach Amerika auswandern wollten. Als dann in den 60er Jahren Gastarbeiter aus dem Ausland nach Deutschland kamen, bot man Deutschkurse für die im Raum Haßfurt beschäftigten Ausländer an. Über 40 Italiener, Türken und Griechen hatten sich zu diesem Kurs gemeldet, der in zwei Klassen von Lehrer Edmund Marquardt und Zeitungsredakteur Hans Leicht abgehalten wurde. Neben der Sprache vermittelten sie den Gastarbeitern auch Grundbegriffe und wesentliche Umgangsformen. Auch wurden durch Veranstaltungen immer wieder Brücken zur Völkerverständigung geschlagen.

Reinhold Messner als Gast

1978 etablierte sich im neu gebildeten Haßbergekreis eine neue Organisationsform der Erwachsenenbildung. Die neue Vorstandschaft mit Josef Fächer und Werner Holzinger erweiterte das Angebot an Einzelveranstaltungen und die Vielfalt an Kursen. Ein Highlight war zu dieser Zeit ein multimedialer Vortrag von Bergsteiger Reinhold Messner, zu dem fast 1000 Teilnehmer in die Dreifachturnhalle kamen.

Die zwei Volksbildungswerke Haßfurt und Königsberg sowie die Volkshochschulen Ebern und Hofheim gründeten mit der Unterstützung des Landkreises eine fünfte Volkshochschule: den damaligen "Verband der Volkshochschulen im Landkreis Haßberge", dem zahlreiche Städte und Gemeinden beitraten. Ziel dieser neuen Institution war es, mit der Gründung und Betreuung weiterer Außenstellen in den Gemeinden eine flächendeckende Erwachsenenbildung zu erreichen und neue Angebote zu etablieren. Erstmals gab es mit Josef Mikus einen hauptamtlichen pädagogischen Leiter.

Mehr als 40 Jahre später stellt sich 2019 die Situation im Landkreis Haßberge in einer neuen Struktur dar. Als Beispiel sind digitale Bildungsangebote zu nennen, aber auch Sprach- und Integrationskurse sowie Veranstaltungen rund um das immer wichtiger werdende Thema "Demokratiebildung".

Im Jahre 2015 wurde die VHS Ebern mit ihren Nebenstellen der Volkshochschule Landkreis Haßberge eingegliedert. 2017 folgte die VHS Hofheim. Für beide Volkshochschulen sind dadurch unter dem stabilen Dach der Landkreis-VHS angesichts der genannten veränderten Rahmenbedingungen der Fortbestand und die Möglichkeit zu programmatischer und struktureller Weiterentwicklung gewährleistet.

Vielversprechende Zahlen

Die Volkshochschule Landkreis Haßberge ist mittlerweile die viertgrößte in Unterfranken und beschäftigt derzeit 24 hauptamtliche Mitarbeiter sowie rund 400 freiberufliche Kursleiter. Auch die wesentlichen Kennzahlen können sich sehen lassen. Mit jährlich ungefähr 2000 Veranstaltungen, etwa 10 000 Doppelstunden und um die 50 000 Teilnehmer besucht nicht nur weit über die Hälfte der Landkreisbevölkerung regelmäßig die Kurse und Veranstaltungen der Volkshochschule. Die VHS ist somit der größte und wichtigste Bildungsdienstleister in der Region.

Die beiden verbliebenen kleinen Volkshochschulen, nämlich die VHS der Stadt Haßfurt und das VBW Königsberg, haben sich mittlerweile zu einem Verbund zusammengeschlossen.

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