Bamberg

Der Kinderbischof in Bamberg

"Ein frummer gottforchtiger knab (...) zum Bischoff erwelt": Weihnachtliches aus der Domstadt im 16. Jahrhundert.
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Kolorierte Zeichnung des Kinderbischofs (Index omnium Festorum ... Stephaniae ecclesiae Bambergae, um 1581/83, Staatsbibliothek Bamberg, HV.Msc. 476)
Kolorierte Zeichnung des Kinderbischofs (Index omnium Festorum ... Stephaniae ecclesiae Bambergae, um 1581/83, Staatsbibliothek Bamberg, HV.Msc. 476)

Eine Darstellung dreier Kinder in kirchlicher Kleidung in einer Handschrift des 16. Jahrhunderts der Staatsbibliothek Bamberg erweckte schon 1877 das Interesse des Kaplans Heinrich Weber (1834-1898), späteren Professors der Geschichte am Lyceum in Bamberg. Seit den 70er Jahren hatte er sich vorwiegend der kirchlichen und profanen Kunst- und Kulturgeschichte Bambergs gewidmet.

Im Zusammenhang mit dem Weihnachtsfest, aber noch mehr mit der kolorierten Zeichnung eines sogenannten Schülerbischofs mit zwei Ministranten nimmt die in dieser Art gezeigte Darstellung einen Mittelplatz im europäischen Vergleich ein. An mittelalterlichen Dom-, Stifts- und Klosterschulen herrschte der Brauch, an bestimmten Festtagen oder an deren Vorabend aus den Reihen der Chorknaben, jungen Kleriker und Kanoniker einen "Bischof" zu wählen. Ein möglicher Zusammenhang mit vor- und außerchristlichen Bräuchen in römischen und orientalischen Kulten (Kalendenfesten, Saturnalien, Narrenkönig) wurde in der Forschung lange und intensiv diskutiert.

Schon seit seiner ersten Erwähnung in St. Gallen im Jahr 911 anlässlich einer "processio infantum", während der Vesper am Tag der Unschuldigen Kinder (28. Dezember) in Anwesenheit des deutschen Königs Konrad I. (reg. 911-918), lief das Bischofsspiel im Wesentlichen - trotz unterschiedlicher Ausgestaltung - überall ähnlich ab. Mit dem 28. Dezember wurde der Kinder gedacht, die auf Befehl des Königs Herodes in Bethlehem an Jesu Geburt getötet worden sein sollen.

Versehen mit bischöflichen Pontifikalgewändern und Insignien (Krummstab, Mitra) zog der Gewählte in feierlicher Prozession, in Begleitung kindlicher "Diakone" oder "Kapläne" sowie der übrigen Schülerschaft, in die Kirche ein, wo er und sein Gefolge das hohe Chorgestühl einnahmen. Den Gottesdienst zelebrierte der Kinderbischof nicht. Jedoch war ihm erlaubt, vor allem zu den Vespern einen Teil der kultischen Aufgaben wahrzunehmen. So durfte er geistliche Reden verlesen, die Kollekte singen und den Segen spenden.

Zu diesen liturgischen Diensten traten zunehmend abendliche Umzüge und Umritte, Vermummung der Teilnehmer, Gastmähler sowie "Steuer"- und Tributforderungen als weltliche Höhepunkte des Festes. Ab dem Ende des 12. Jahrhunderts arteten die Umzüge und Bittgänge aus. Klagen über blasphemische Handlungen, aufdringliche Bettelei, nächtliches Singen in den Straßen und übermäßige Verschwendung mehrten sich in Frankreich, den Niederlanden, auch aus England und in Deutschland.

Rollentausch

Entsprechende Einschränkungen verlagerten das Brauchgeschehen deshalb im Laufe folgender Jahrhunderte wieder mehr in den Kirchenraum. Nach wie vor erlaubte die Wahl des Kinderbischofs entweder für wenige Tage um den 6. oder 28. Dezember beziehungsweise auch über die gesamte Zeitspanne einen Rollentausch, um die Geistlichkeit zu mahnen, sich der Vergänglichkeit irdischer Macht gegenwärtig zu sein und sich vor Amtsmissbrauch zu hüten. Für die brauchausübenden Kinder wiederum bedeutete es eine spielerische Vorbereitung auf künftige Amtsbefugnisse und -funktionen. Einige Textbeispiele aus der Bamberger Schrift (um 1581/83) lassen den Ablauf transparent werden.

So wird berichtet, dass nach "alter gewohnheit" schon acht Tage vor dem Nikolausfest ein durch seine Gläubigkeit hervortretender Knabe in St. Stephan durch den dortigen Schulmeister und die anderen Schüler auserwählt wurde. Am Nikolausabend, wenn zum Vespergottesdienst geläutet wurde, durfte dieser als "Bischoff, von der schul herab" sich mit zwei Begleitern ("Asseclis") und Ministranten in den Chorraum begeben. Angetan mit einem "korrock" (Chorrock), darüber einen roten Umhang ("ein schones rotes korkeplein"), eine Mitra ("Inful") auf dem Haupt und den Bischofsstab in der Hand ("baculum pastorale") betrat er würdig den Kirchenraum. Eingerahmt von den zwei Begleitern mit gleichfalls Chorröcken und gesprengelten Umhängen, folgten der Schulmeister im Chorrock "sampt allen andern seinen schulern ... in Chorrocken", wie es sonst "durch das gantze jar, an sontag, festen vnnd feiertagen" auch üblich war. Schulbischof und Begleiter gingen dann "under dem zusammenleuten" in den Chor und der Kinderbischof erteilte "bey dem hohen altar" die Benediktion, "mit dem stab, mit welchem er (fol. 297r) ... ein kreutz macht gegen dem chor".

Der von Schulmeister und Schülern gemeinsam gewählte "frumme gottforchtige knab" ahmte nun im Weiteren mit seinen Begleitern den kirchlichen Ritus nach, ohne in possenhafte Übertreibung zu verfallen. Gleich den Domherren, ihrem Niedersetzen und Aufstehen, mussten sich der Schulbischof und seine Begleiter verhalten.

Sobald das Magnifikat einsetzte, nahm der Ministrant zur rechten den Stab, der zur linken Seite die Mitra vom Haupt des Knabenbischofs, "und haltens bede so lang, bis das Magnificat mit dem gloria patri gesungen. Als dan setzen sie dem Bischof die inful wiederumb auf, vnnd geben ime den stab widerumb in die handt".

Nach dreimaliger Beweihräucherung des Knabenbischofs und seiner Begleiter durch einen Helfer des Priesters, der die Messe am Altar zelebrierte, ging "der Bischof mit den seinen, sampt auch dem schulmeister vnnd schulern in gleicher ordnung wie zuvor im eingang aus dem Chor" (fol. 297v) und segnete nochmals sich umwendend "mit einem kreutz des stabs" die versammelten Laien sowie den Klerus.

Lohn für den Brauchträger

Damit endete die Vesper und "ausserhalb des Chors, fangt der schulmeister widerumb das gewohnlich gesang an, Nicolai etc. vff trey stim vnnd singt mit dem knabe bis zu der schul". Dort angekommen, wurden die Gewänder bis auf die Chorröcke abgelegt und der kirchliche Ritus in der Johanneskapelle fortgesetzt ("gehen vorther hinauf in Sanct Johannis Capeln, vnnd singen die prosa salve regina als in andern sontagen, festen vnnd feiertagen, in der ersten vnnd andern vesper durch das gantze jar der brauch ist"). Diese "vorgeschribene ordnung" galt jeweils "an sontagen vnnd feiertagen, in der ersten vnnd andern vesper" während der gesamten Adventszeit und endete erst "in der heiligen Christ nacht, oder abent in der vesper".

Selbstredend wurde den Brauchträgern im Anschluss eine unentgeltliche Mahlzeit, auch Geld zugewendet, entweder am "tag vnnd fest Nicolai, oder zwischen disem fest, vnnd weihenachten".

Die kirchliche Reformation und die Aufklärung setzten dem Kinderbischofsspiel im 18. Jahrhundert nicht nur in Bamberg ein Ende. Gleichwohl hinderte dies nicht eine Neubelebung ab den 1990er Jahren zunächst an der Hamburger Hauptkirche St. Nikolai, wo Kinderbischöfe, darunter inzwischen natürlich auch Mädchen, zum Sprachrohr für Lebenswelten und Probleme der Kinder werden. Vielleicht gibt es auch hier in Bamberg eine Renaissance angesichts des 1000. Weihejubiläums von St. Stephan im kommenden Jahr.

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