Bayreuth

Der Gral im Exil

Mit dem "Parsifal" in der Inszenierung Uwe Eric Laufenbergs und unter dem Dirigat Seyon Bychkovs wurde der Premierenreigen fortgesetzt - musikalisch restlos überzeugend
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Auf der Bayreuther Bühne (v. l.): Parsifal (Andreas Schlager), Kundry (Elena Pankratova) und Gurnemanz (Günther Groissböck)  Foto: Enrico Nawrath
Auf der Bayreuther Bühne (v. l.): Parsifal (Andreas Schlager), Kundry (Elena Pankratova) und Gurnemanz (Günther Groissböck) Foto: Enrico Nawrath

Wie schnell es doch gehen kann, dass Hör- und Sehgewohnheiten sich ändern. Wer noch vor wenigen Tagen den Sturm auf die Sinne erlebt hat, den Tobias Kratzer in seiner fulminanten Bayreuther Neuinszenierung von Richard Wagners "Tannhäuser" entfachte, sieht sich nun im "Parsifal" in längst vergangene Zeiten zurückversetzt, zumindest bezüglich des Regiestils.

Und das, obwohl Uwe Eric Laufenbergs erst vor drei Jahren vorgestellte Inszenierung des Bühnenweihfestspiels doch an ihrer brennenden Aktualität nichts eingebüßt hat, denn sie ist nach wie vor im Nahen Osten verortet, irgendwo inmitten des IS-Gebiets. Per Google-Earth wird das Publikum dorthin gezappt und muss zu Voyeuren avancieren, die das Geschehen wie Kriegsreporter an vorderster Front verfolgen dürfen.

Prekäre Verhältnisse

In diesem Mesopotamien der Gegenwart kann ein christliches Kloster nur noch in ruinösem Zustand vorkommen. Dessen Mönche haben sich angesichts der prekären Verhältnisse längst an ein Leben im Untergrund gewöhnt, was unter anderem dazu führt, dass man sicherheitshalber christliche Utensilien wie Kreuze oder Kruzifixe zeitweise entfernt.

Um so größer wird der Kontrast, wenn es um die Darstellung des Amfortas-Schicksals geht. Nachdem Gurnemanz, der große Erzähler unter den Gralsrittern, geendet hat, erscheint Amfortas und steht für eine Christenheit, die an diesem bedrohten Ort noch mehr Leidensbereitschaft aufwenden muss als andernorts.

Dem sowieso Stigmatisierten wird die Jesus-Wunde abermals geöffnet, es fließt viel Theaterblut, und man hätte sich nicht gewundert, wenn Amfortas zuvor erst noch gekreuzigt worden wäre. Im zweiten Akt bleibt es bei der Charakterisierung Klingsors als taktisch agierendem Finsterling, der mit religiösen Symbolen anpassungsfähig hantiert: Mal flagelliert er sich wie ein Schiit, mal mimt er einen Imam (der dann allerdings seinen Gebetsteppich verächtlich wegwirft), mal poliert er seine imposante Kreuzessammlung im Oberstübchen.

Hingebungsvolle Kundry

Kundry ist in Laufenbergs Sicht durchwegs die Mütterliche, die Hingebungsvolle, und das im doppelten Wortsinne, denn sie betüttelt nicht nur Parsifal fortwährend und betreibt im dritten Akt sogar Altenpflege für Gurnemanz, sondern sie ist auch in sexueller Hinsicht hingebungsvoll. Jegliches Dämonische geht der Zwischenweltlerin in dieser Sichtweise ab, und zu Klingsors willenloser Erfüllungsgehilfin taugt sie schon gar nicht.

Der humane und bauliche Verfallsprozess ist zu Aktende weit fortgeschritten: Die Klosterruine ist überwuchert, Gurnemanz sitzt im Rollstuhl. Das Zurück zum Naturidyll wirkt im Karfreitagszauber seltsam deplatziert: eine arkadische Gartenparty in der Wüste!

Die zweite Video-Projektion, unter anderem mit Wagners Totenmaske, ruft im Schlussakt zur Gralsenthüllung. Laufenbergs multireligiöses Panoptikum wird fortgesponnen, unter die Nikab-Verschleierten und Gralsritter mischen sich auch Kippa-Träger. Dass die schon im Eingangsbild präsentierten Asylsuchenden sich ihrer religiösen Symbole ausgerechnet in Titurels Sarg entledigen, ist eine vielsagende Entsorgungsaktion.

Kommen wir zum Eingangsgedanken und damit zum Regiestil zurück: Während der langen Erzählung des Gurnemanz ertappt man sich als Kratzer-"Geschädigter" bei allerlei denkbaren Video-Assoziationen. Wie schön hätte man das doch visuell kommentieren können, ebenso wie Kundrys spätere Erzählung bezüglich Parsifals Kindheit und Herzeleides Tod!

Orchestraler Dampf

Aber so ist das nun einmal: die Bilderflut ist eine Versuchung, der man auch widerstehen können muss. Und man kann ihr leicht widerstehen, wenn so musiziert wird wie an diesem Premierenabend in Bayreuth!

Hat man schon an Hartmut Haenchens Dirigat gute Erinnerungen, so knüpft Semyon Bychkov nahtlos an dieses Niveau an. Er erlaubt weniger orchestralen Dampf, aber sucht nach Nuancen in den Übergängen, hält alles sehr flüssig und macht es den Sängern leicht, kurz: Er findet das "juste milieu". Der Chor ist wie stets superb, die Solisten sind - abgesehen von Ryan McKinnys Amfortas - geradezu überragend. Elena Pankratova ist als Kundry eine Wucht: welche Kraft in der Höhe, welche Wärme im unteren Register!

Wer Andreas Schager als Parsifal hört, braucht selbst einem Klaus Florian Vogt nicht hinterher zu weinen, allerdings hätte die Personenregie seinem scheindramatischem Herumgetapse abhelfen müssen. Günther Groissböcks Gurnemanz ist die sängerdarstellerische Krönung - verdiente Ovationen! Am Ende wieder gleißendes Licht im Festspielhaus und die Frage, ob die Religionen auf Dauer dem aufklärerischen Strahlen widerstreiten können.

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