Nordhalben

Der glühende Faden

Die aus dem Saarland stammende Künstlerin Gertrud Riethmüller nutzt ihr Stipendiat im "Maxhaus" für eine Multimedia-Arbeit. Die Vernissage findet am Mittwoch statt.
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Vom Klöppelkissen direkt in die Performance - die Künstlerin Gertrud Riethmüller hat sich vom Nordhalbener Spitzenklöppeln zu ihren ungewöhnlichen Ausstellungswerken im Rahmen ihres Stipendiats im Künstlerhaus inspirieren lassen.  Foto: Norbert Neugebauer
Vom Klöppelkissen direkt in die Performance - die Künstlerin Gertrud Riethmüller hat sich vom Nordhalbener Spitzenklöppeln zu ihren ungewöhnlichen Ausstellungswerken im Rahmen ihres Stipendiats im Künstlerhaus inspirieren lassen. Foto: Norbert Neugebauer

Norbert Neugebauer Gertrud Riethmüller genießt das schöpferische Dasein im "Maxhaus", wie das Nordhalbener Kunsthaus gern genannt wird. Sie war die Erste, die einen dreiwöchigen Aufenthalt zur kreativen Arbeit im Rahmen des neugeschaffenen Stipendiums in Nordhalben gewonnen hat. Seit Anfang Mai wohnt und schafft die diplomierte Künstlerin nun hier, die für ihre Projekte zahlreiche Preise erhalten hat. Sie erweitert den Kreis derjenigen, die ihren Aufenthalt im "Maxhaus" zu ungewöhnlichen, oft von der Umgebung inspirierten Werken umsetzen.

Beim Besuch im "offenen Atelier" sieht der Besucher zunächst wenig. Der große Ausstellungsraum ist weitgehend leer, verschlungene Kabel verbinden eine Geflechtskulptur an der Wand mit verstaubten Lautsprechertrichtern, ein alter Trafo steht daneben. Das damit vertraute Auge erkennt schnell, dass es sich bei dem Teil um eine überdimensionale Klöppelspitze handelt, deren Enden in den Schallwandlern münden. Auf der anderen Seite werden moderne MP3-Player über einen Verstärker und ein Mischpult angeschlossen, die die Installation mit in Nordhalben aufgenommenen Geräuschen versorgen - spezielle Sounds aus dem Klöppelmuseum, das sich die Künstlerin als Inspiration für ihre schöpferische Multimedia-Arbeit ausgesucht hat.

Aus dem kleinen Vorratskeller-Gewölbe, das hinter dem Verkaufsraum des ehemaligen Lebensmittelgeschäftes liegt, hört man als Einheimischer ebenfalls bekannte Klänge. Hier läuft, eingepasst in diesen speziellen Raum, eine Videoproduktion. Auf dem Schirm klöppeln die Hände der Künstlerin an einer "unsichtbaren Spitze", so der Titel dieses Werks. Dazu das typische Klackern der Holzklöppel, aus der die Macherin sogar den Rhythmus des Drehen und Wendens erkennt.

Ja, die im saarländischen St. Wendel lebende Frau hat Ahnung von dem alten Kunsthandwerk, das seit über 100 Jahren in Nordhalben gepflegt wird! Sie lernte als junge Frau die Technik und besitzt sogar ein eigenes Klöppelkissen, das von ihrer Großmutter stammt. Mit diesem Hintergrund fand sie im Vorfeld des Aufenthalts im Internet ihren Anknüpfungspunkt zum hiesigen Klöppelmuseum.

Das, was sie dort vorfindet, begeistert und beflügelt sie ganz offensichtlich: "Es ist faszinierend, dass es das und in dieser Kombination hier gibt. Dass über das kunsthandwerkliche Schaffen eine Begegnung der Generationen stattfindet; dass die Kinder so die Feinmotorik ihrer Hände und eine automatisierte Augen-Finger-Kombination trainieren, statt sich nur mit den iPhone zu beschäftigen. Es ist wichtig, dass Nordhalben sein kulturelles Erbe erhält und weitervermittelt!" Ob ihr Ausstellungstitel "Der glühende Faden" ebenfalls ein Statement für das aus Kostengründen zur Disposition gestellte Museum ist?

Gedanken einer Klöpplerin

Ein besonderer Aspekt hat es Riethmüller angetan. Im Museum erfuhr sie, unter welchen mühseligen Umständen die Klöpplerinnen früher ihrer Arbeit nachgehen mussten. Die feinsten Leinenfäden wurden brüchig, wenn sie austrockneten, daher wurde in feuchten, oft nur schwach beleuchteten Kellerräumen geklöppelt. Die hochpräzisen Techniken über immer denselben Vorlagen waren den Klöpplerinnen so geläufig, dass sie nahezu blind perfekt klöppeln konnten. Das mussten sie auch, um die hohen Vorgaben der Verleger zu schaffen, für deren geringen Lohn sie sich die Gesundheit ruinierten.

"Gedanken einer Klöpplerin" hat sie in kurzen Texten nachempfunden, die zusammen mit fast unsichtbaren Bänderspitzen (reinweiß auf rohweißem Papier) an den Wänden hängen. Es lohnt sich, genau hinzuschauen und den Texten nachzuspüren. Genauer zuhören wird man bei den Aufnahmen aus dem Klöppelmuseum müssen. Auf sechs Spuren hat die Kunstschaffende die unterschiedlichsten Sounds, darunter auch Interviews mit den Klöpplerinnen und Klöppelkindern, aufgenommen, die sie vermischt wiedergibt. An dem Teil der Projektion arbeitet sie derzeit noch und auf diese Performance darf der Besucher besonders gespannt sein.

Vielleicht wird es für die Nordhalbener und Gäste ja zu einem Aha-Erlebnis, wenn sie ihr altbekanntes Kunsthandwerk so in einem neuen Kontext erleben. Den "glühenden Faden" zum "Sound der Spitze" soll es ebenfalls geben, jedenfalls so lange, wie die alten Geräte mitmachen, verspricht Riethmüller.

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