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Himmelkron

Der Flügel-Heiler aus Lanzendorf

Wie der Lanzendorfer Restaurator Reinhold Pöhlmann den "Engel von Mogadischu" glücklich machte.
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Klavierbaumeister Reinhold Pöhlman, Pfarrerin Ruth Scheil (Mitte) und Künstlerin Gabriele von Lutzau sind überglücklich über die gelungene Restaurierung des Flügels.
Klavierbaumeister Reinhold Pöhlman, Pfarrerin Ruth Scheil (Mitte) und Künstlerin Gabriele von Lutzau sind überglücklich über die gelungene Restaurierung des Flügels.
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Das Leben der Künstlerin Gabriele von Lutzau hat verschiedene Facetten. Bekannt wurde sie unter ihrem Mädchennamen Dillmann, als sie 1977 Stewardess an Bord der von einem palästinensischen Terrorkommando entführten Lufthansa-Maschine "Landshut" war. Sie war während des Geiseldramas für die Passagiere eine wichtige Stütze und wurde von der Boulevard-Presse danach als "Engel von Mogadischu" gefeiert.
Nach der Befreiung durch die GSG 9 wurde sie am 20. Oktober 1977 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt. Später heiratete sie ihren Lebensgefährten Rüdeger von Lutzau, einen Lufthansa-Piloten.
Und dann gibt es natürlich noch das Leben der Künstlerin, die jetzt in Michelstadt im Odenwald zu Hause ist und seit geraumer Zeit eine ganz starke Verbindung zur Bayreuther Stadtkirche, zu deren Pfarrerin Ruth Scheil und nach Lanzendorf hat.
Die Bildhauerin studierte an der Universität und an der Kunsthochschule Straßburg und hat ihre Arbeiten im In- und Ausland präsentiert. Im Zentrum ihres künstlerischen Schaffens stehen vor allem hölzerne Wächterfiguren und Flügel. Bei einer Exposition in der Stadtkirche Bayreuth lernte Gabriele von Lutzau Pfarrerin Ruth Scheil kennen, heute sind die beiden enge Freundinnen. "Es war Liebe auf den ersten Blick", so die Künstlerin heute.


Der Zufall wollte es ...

Irgendwann bekam Ruth Scheil mit, dass Gabriele von Lutzau im Besitz eines mannshohen Vogel-Flügels aus Lärchen-Holz ist, den sie in der Stadtkirche aufhängen wollte. Unter größeren Schwierigkeiten wurde das gute Stück aus Poppenhausen in die Wagnerstadt transportier. Allerdings war er in einem fürchterlichen Zustand. "Es bestand die Gefahr, dass der Flügel ausbricht und noch jemanden erschlägt, der darunter steht", so Pfarrerin Scheil. Als sie unter dem Flügel gepredigt habe, seien irgendwelche Tierchen auf sie herabgerieselt.
Der Zufall wollte es, dass der Inhaber der Piano-Galerie Pöhlmann aus Lanzendorf, Klavierbaumeister Reinhold Pöhlmann, mit seiner Ehefrau an seinem Hochzeitstag die Kunstausstellung in der Stadtkirche besuchte und irgendwie mitbekam, dass man einen Restaurator zur Rettung des Kunstwerks suchte. "Ich dachte, so etwas gibt es gar nicht, aber dann sagte Frau Pöhlmann, neben ihr stehe jemand, der genau das seit 35 Jahren tue. Ich habe gedacht, das das kann nicht sein, es war einfach so abstrus, aber dann war mir klar, diese Familie hat mir Gott geschickt."
Vögel bedeuten für Gabriele von Lutzau auch Freiheit: "In meinem Kopf flattern irgendwie immer Vögel, der Wiedererkennungswert meiner Skulpturen liegt in den Flügelanteilen in manchen Strukturen."


Spezielles Gießharz

Klavierbaumeister Reinhold Pöhlmann hatte den Flügel zunächst nur im Altarraum der Stadtkirche gesehen. Nach einer genaueren Beurteilung sei er sicher gewesen, "dass ich mit einer besonderen Technik den Flügel erhalten kann". Er verwendete Epoxid-Gießharz, das auch zur Reparatur von Sportgeräten verwendet wird. "Dieses Harz hat die besondere Eigenschaft, dass es beim Aushärteprozess so dünn wie Wasser wird, ganz tief in die Fasern eintritt und die Holzteile wieder miteinander verbinde", sagte Pöhlmann. Der Nachteil sei die sehr schwierige Verarbeitung. "Deshalb habe ich ein Holzkorsett gebaut, damit ich den Flügel immer wieder so positionieren konnte, wie ich ihn von der Neigung her benötigte."
Er habe die Arbeit gerne gemacht, so der Lanzendorfer. Gabriele von Lutzau ist voll des Lobes: "Dafür braucht man schon Idealismus, die Liebe zur Kunst und zur handwerklichen Fertigkeit sowie Leidenschaft." Pfarrerin Ruth Scheil spricht von einem absoluten Glücksfall: "Der Flügel wird jetzt als Dauerleihgabe in der Stadtkirche an verschiedenen Plätzen in einem filigranen Gestell positioniert und nur an herausragenden Tagen, wie beispielsweise an Christi Himmelfahrt, vorübergehend über dem Altar angebracht."
Am 27. Juli soll die Rückführung der Flügels in die Stadtkirche im Rahmen eines Konzertes gebührend gefeiert werden.