Kronach

Der blutige Hutstreit von 1750

Das Abgrasen öffentlicher Flächen wie sogar Straßengräben und Flussufer durch das Vieh war einst streng reglementiert. Bei Vergehen gab es kein Pardon. Im Jahr 1750 kam es deshalb in Kronach zu einer Eskalation.
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Schafherde zwischen Kronach und Dörfles im Dezember 1985. Nur von Michaeli (29. September) bis Walburgi (1. Mai) waren die Flächen für die Hut freigegeben.  Foto: Archiv Roland Graf
Schafherde zwischen Kronach und Dörfles im Dezember 1985. Nur von Michaeli (29. September) bis Walburgi (1. Mai) waren die Flächen für die Hut freigegeben. Foto: Archiv Roland Graf

Es ist noch gar nicht lange her, dass die Straßengräben und die Flussufer zur Grasnutzung in Parzellen eingeteilt waren und öffentlich und meistbietend versteigert wurden. Bei der Grasernte kamen Sicheln und Sensen zum Einsatz. Eine weitere Möglichkeit der Grasernte bestand darin, seinen gepachteten Grabenabschnitt durch Ziegen oder Schafe abgrasen zu lassen, was zur damaligen Zeit der geringe Straßenverkehr noch zuließ.

Bewerber für diese Kleinflächen war in der Regel die ärmere Bevölkerungsschicht. Besonders gefragt waren jene Flächen, die in Sichtnähe der Häuser lagen, um von zu Hause aus einen eventuellen Grasdiebstahl unterbinden zu können. Der Versteigerungserlös floss bei Ortsstraßen in die jeweilige Gemeindekasse, bei Bezirksstraßen in die Bezirkskasse.

Viehfutter war rar, besonders im Winter. Vor allem die Kronacher Bürger bekamen dies zu spüren. Schuld daran war die hohe Anzahl an Schafen, die sie sich hielten. Um die Schafhaltung zu regeln, erließ die Stadt im Jahre 1642 diesbezüglich ein "Decret". In dem wurde bemängelt, dass "ein so großer Mißbrauch mit den überflüßigen Schaff halden alhier in der Statt Eingerißen", dass viele arme Leute sich über erlittene Schäden beim Rat beklagen. Man beschloss: ..."dass hinfüro kein Bürger noch Rathßfreund, Er seye wehr der wolle, über Wintterß mehr nicht dan 25. Stückh mitsambt Einem Stehr (Hammel) haltenn solle. Und Welcher darüber Handeln und betretten wirdt, Der soll die höchste Buß verfallen haben".

Wie grob man selbst mit Kindern bei Hütvergehen umging, davon berichtet das Ratsprotokoll der Stadt Kronach aus dem Jahre 1750. Was war passiert? Die Tochter des Kronacher Georg Schubert hütete, vermutlich unbeabsichtigt, in das Grundstück des Andreas Wich, der sie bei diesem Hutfrevel überraschte. Wegen dieses Vergehens schlug er das Mädchen derart, dass es stark blutete. Darauf hin trat der Vater des Mädchens, Hans Georg Schubert, vor den Rat der Stadt und beklagte den Andreas Wich, dass er seine Tochter vergangene Woche bei ihrem Feld wegen zu viel abgegrastem Gras mit Schlägen dergestalt traktierte, dass diese "vieles Bluth ausgeworfen".

Bei der Befragung gab der Angeklagte Andreas Wich zwar zu, dass er ihr zwei Maulschellen gegeben, aber nicht gesehen habe, dass sie Blut gespuckt hätte. Daraufhin benannte der Kläger Schubert zwei Zeugen, den Heinrich Zehentner und die Dorothea Kestlin, die für ihre Aussage vorgeladen wurden.

Zehentner sagte aus, er hätte gesehen, dass der beklagte Wich die Schubert'sche Tochter "zum Rainstein geführet und ihr allda 2 bis 3 Maulschellen gegeben" habe. Allerdings habe er nicht gesehen, dass das Mädchen geblutet hätte. Gleiches gab auch die Dorothea Kestel zu Protokoll.

Wegen der widersprüchlichen Aussagen von Kläger und Beklagten befragte das Gremium den Doktor Stöhr, der zu dem Kind nach dessen erhaltenen Schlägen gerufen worden war. Er sagte aus, dass er bei seiner Ankunft in der Schubert'schen Wohnung das Kind im Bett liegend vorgefunden habe. Sein Zustand sei sehr schwach gewesen, "er hätte aber in dem Puls keine alteration (=Abweichung/Veränderung) gefunden". Dennoch habe ihm Schubert ein Tuch mit Blut vorgezeigt, mit der Bemerkung, dass dieses Blut sein Kind ausgeworfen hätte. Der Arzt bestätigte nochmals, dass in seiner Gegenwart das Kind nicht geblutet hätte. Auch der befragte Bader gab zu Protokoll, dass er das Mädchen nicht blutend vorgefunden habe. Auch ihm habe der Vater das Tuch voller Blut gezeigt. Er könne jedoch nicht sagen, was für Blut es gewesen sei.

Nach dieser Untersuchung des Vorfalles einigte man sich, den Fall ruhen zu lassen, bis die Tochter des Schuberts wieder gesund sei.

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