Bamberg

Der alte Adam hat es nicht leicht

Der Bamberger Poetikprofessor John von Düffel hat aus Esther Vilars Sachbuchbestseller "Der dressierte Mann" ein Theaterstück geformt. Das Theater im Gärtnerviertel führt es im Brauereisaal beim Keesmann auf.
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Martin Habermeyer spielt den dressierten Mann.  Foto: Guido Apel
Martin Habermeyer spielt den dressierten Mann. Foto: Guido Apel

Man muss schon mehr als einige Jährchen auf dem Buckel haben, um sich noch an ein legendäres Fernsehduell erinnern zu können: Im Jahre 1975 war's, als Alice Schwarzer und Esther Vilar um die Deutungshoheit in puncto Frauenunterdrückung - rhetorisch - fochten. Die Schwarzer kennt heute jeder, doch die mittlerweile 84-jährige Vilar ist aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden. Dabei publiziert sie fleißig, schreibt Bücher und Theaterstücke, die auch noch gespielt werden.

Bekannt geworden ist sie jedoch 1971 durch eine steile These. In ihrem Bestseller "Der dressierte Mann" behauptete sie, eine ungeheure Provokation für die gerade erstarkende Frauenbewegung, nicht die Frau werde vom Mann unterdrückt, sondern umgekehrt der Mann von einer drohnenartig faulenzenden Damenwelt ausgebeutet. Was sich wie ein schlechter Witz anhört, enthält für damalige Verhältnisse und mit dem Blick auf eine spezifisch US-amerikanische gehobene Mittel- und Oberschicht einen Funken Wahrheit. Schließlich haben Theoretiker wie August Bebel ("Die Frau und der Sozialismus"), Marx und Engels oder große Autoren wie Gustave Flaubert und Theodor Fontane die bürgerliche Ehe ihrer Zeit als Zwangskorsett analysiert.

Freilich bleibt im Jahre 2019 wenig von Vilars Provokationen übrig. Ihr Buch, nach dessen Strickmuster seither unzählige fabriziert worden sind - steile These, fantasievoll und für den Alltagsverstand plausibel ausgeschmückt, den Rest schaffen Lektorat und Werbeabteilung -, ist angesichts der Frauen-Erwerbstätigkeit auf breiter Front gnadenlos veraltet. Wie nun geht John von Düffel, in Bamberg als Poetikprofessor bekannt, mit dem Stoff um? Er hat aus dem Sachbuch ein Theaterstück geformt, und das "Theater im Gärtnerviertel" (TiG) spielt es im wunderbar bodenständigen Großen Saal der Brauerei Keesmann

Tiefschürfende Komödie

Es ist "eine Boulevardkomödie, der wir Tiefen abfordern" erklärt Regisseurin Heidi Lehnert. Beziehungstango geht eigentlich immer, reflektiert der Tanz der Geschlechter doch Erfahrungen der meisten Zuschauer. Und wenn sich die Reflexion mit Komik paart - umso besser. Düffel siedelt sein mit "schrägem, schwarzem Humor" (Lehnert) unterfüttertes Drama in der Gegenwart an. Da harmonieren Bastian (Martin Habermeyer) und Helen (Laura Mann) hervorragend als eingespieltes Beziehungs-Team; er möchte mittels Ehering die Seine noch enger an sich ketten. Doch da kommt die Ökonomie dazwischen: Sie ergattert einen hoch dotierten Job, den er gerne gehabt hätte. Er ist beleidigt und räumt zunächst einmal das Feld. Der alte Adam ist halt doch noch nicht besiegt ...

Spiel mit Geschlechterrollen

Auf treten zwei Schwiegermütter. Die eine (Marsha Cox), eine typische von den Idealen der 68er inspirierte Alternativmutti, hätte aus ihrem Bastian gerne einen Nonkonformisten geformt. Aber ach, der Junge strebt nach Sicherheit und bürgerlichen Werten. Die andere (Ursula Gumbsch) sieht ihr Mädchen eher in der traditionellen Frauenrolle. Allein, diese Helen ist an Versorgung nicht gelegen und interessiert sich eher für Zahlen als Mode. Und wie bringt man da die potenziellen Kinderchen unter? - Ein Spiel mit Geschlechterrollen. Wie wird es ausgehen? Die Thesen aus Vilars Bestseller sind bei Düffel überzogen und überspitzt, teilweise umgekehrt, verspricht das TiG-Team. Gute Unterhaltung ist zu erwarten in dem schönen alten Brauereisaal.

Gespielt wird auf einer kleinen Bühne, auf der ein Klavier steht, das durchaus einbezogen wird (Bühnenbild Benjamin Bochmann, Kostüme Nikola Voit). Für die Musik sorgt Franz Tröger.

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