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Adelsdorf
Nachgedacht  von Johanna Blum

Der Abstand wird zwar größer, doch auch die Nähe wächst

Nun sitze ich die meiste Zeit zu Hause, wo ich doch gewohnt bin, fast jeden Tag ins Dorf zu gehen, meinen Cappuccino im Café in Adelsdorfs Zentrum zu genießen, mit Freunden zu plaudern- einfach, nette...
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Johanna Blum beim Walken
Johanna Blum beim Walken

Nun sitze ich die meiste Zeit zu Hause, wo ich doch gewohnt bin, fast jeden Tag ins Dorf zu gehen, meinen Cappuccino im Café in Adelsdorfs Zentrum zu genießen, mit Freunden zu plaudern- einfach, nette Menschen zu treffen.

Und nun? Café zu, fast alle Geschäfte zu, mit Freunden, die ich kaum noch treffe, in einem Sicherheitsabstand von 1,5 Metern ein paar Worte austauschen.

Der Frühling ist da. Er kümmert sich nicht um das Corona-Virus. Überall spitzen die ersten Frühlingsboten aus der Erde. Die gelben Forsythien leuchten verlockend. Es könnte so schön sein!

Mein einziger Spaß ist es - im Moment noch - bei diesem herrlichen Wetter über die Aischwiesen zu walken. Sollte mir jemand, was selten ist, entgegenkommen, bemühe ich mich den vorgeschriebenen Abstand einzuhalten, grüße aber jeden freundlich.

Zuhause wartet dann viel Zeit auf mich. Eigentlich könnte ich jetzt mit dem Frühjahrsputz anfangen. Die Gelegenheit ist gut.

Außerdem weist mich die Sonne, die neugierig durch die Fenster scheint, eindringlich darauf hin, dass sie fast blind sind. Sie rufen förmlich danach, geputzt zu werden.

Ich müsste auch wieder einmal ausmisten. Viele Dinge haben sich auf meinem Schreibtisch angesammelt, die zum großen Teil entsorgt werden müssten. Im Regal stapelt sich auch Unnützes und Unwichtiges, was schon lange weg kann. Auch mein Kleiderschrank ruft nach Ordnung.

Ich gehöre meinem Alter nach zur Risikogruppe, fühle mich aber putzmunter. Trotzdem heißt es, die Regeln zu befolgen. Den Abstand zum Nächsten halte ich beim Einkaufen peinlich ein.

Muss ich niesen, tu ich das in die Armbeuge. Meine Hände wasche ich sehr oft.

Desinfektionsmittel hatte ich noch einen Rest zu Hause. Als ich neulich im Drogeriemarkt danach fragte, lachte mich die Verkäuferin richtiggehend aus. In der Apotheke bekam ich ein von den Angestellten gemixtes Desinfektionsmittel, das aber auch limitiert ist. Zufällig habe ich in Erlangen noch ein Fieberthermometer ergattert.

Ich fühle mich zwar fieberfrei, aber man weiß ja nie. Toilettenpapier habe ich nicht auf Vorrat gekauft - die Regale waren ja sowieso leergefegt.

Ich gehöre zwar zur Risikogruppe, aber bin ich selbst ein Risiko für andere? Das geht mir durch den Kopf.

Hab ich Halsschmerzen? Nein. Kopfschmerzen und Schnupfen hab ich auch nicht. Aber ich könnte diesen unsichtbaren Feind trotzdem mit mir rumschleppen und merke es gar nicht.

Er lässt mich vielleicht in Ruhe, aber mein Gegenüber nicht. Die Warnungen muss ich ernst nehmen. Unsere Vorräte hab ich etwas aufgestockt.

Bestimmt könnten mein Mann und ich nun mehr als einen Monat leicht überleben. Getreide hab ich mir bei der Abokiste bestellt. Die Getreidemühle freut sich, wenn ich sie wieder benutze, denn Brot backen kann ich noch - falls ich wieder Hefe bekomme.

Unseren Urlaub nach Irland haben wir storniert. Das setzt mir gewaltig zu. Aber es geht nicht anders. Am letzten Wochenende waren wir nicht wie geplant in Italien. Meinen Geburtstag feiere ich allein mit meinem Mann.

Nun habe ich Zeit, ein oder viele gute Bücher zu lesen (die hatte ich mir eigentlich für den Urlaub gekauft) und gute Musik zu hören. Vielleicht stricke ich meinem Mann eine lila Mütze. Das Fernsehprogramm reizt mich nicht sehr. Ich brauche nicht jeden Abend einen Mord. Ach ja, jetzt kommen die vielen DVDs, die ich von meiner Tochter geerbt habe, zum Einsatz.

Nun haben wir fast eine Ausgangssperre. Ich war und bin bereit! Mit meinem PC, dem Radio und dem Fernseher und dem Handy bin ich mit der Außenwelt verbunden. Die Zeitung lese ich digital (wichtig, weil sie dann nicht von anderen angefasst wurde).

Meine Welt ist erst mal ein bisschen kleiner geworden, und das bin ich echt nicht gewohnt. Aber ein Schwätzchen von Balkon zu Balkon mit meiner älteren Freundin nebenan ist auch nicht schlecht.

Etwas hat mich jedoch sehr positiv gestimmt: Meine junge Nachbarin gab mir per WhatsApp Bescheid, dass sie für mich einkaufen kann. Auch mein Sohn schickte mir dieses Angebot. Eine liebe Freundin nähte mir und meinem Mann einen Mundschutz. Trotz des vorgeschriebenen Abstandes rücken wir alle enger zusammen. Viele Hilfsaktionen laufen an. Das macht Hoffnung und Mut!

Aber sollte mich dieser unsichtbare Feind hoffentlich verschonen, und wenn dann irgendwann alles überstanden ist, werde ich die Freiheit viel bewusster genießen.

Ich setze mich wieder vor meinem Lieblingscafé in die Sonne und halte bei einem leckeren Cappuccino ein Schwätzchen mit meinen Freunden.

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