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Forchheim
Unser Thema der Woche // Geborgenheit

"Den Menschen nahe sein"

Kann die Kirche Geborgenheit schenken? Ein Gespräch mit dem Forchheimer Salesianerpater Josef Brandl.
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Der Begriff Geborgenheit ist schwer zu beschreiben.  Foto: privat
Der Begriff Geborgenheit ist schwer zu beschreiben. Foto: privat
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Josef Hofbauer In der Bibelkonkordanz, dem alphabetisch sortierten Themenregister mit mehreren Hundert Stichwörtern und dazu passenden Bibelstellen, kommt das Wort Geborgenheit überhaupt nicht vor. Davon hat sich Pater Josef Brandl, der mehr als zwei Jahrzehnte die Pfarrei Don Bosco in Forchheim leitete, überzeugt. Gleichwohl, so der Salesianer, sei die Kirche gut beraten, ein Klima zu schaffen, in dem sich die Gläubigen wohl fühlen, Geborgenheit erleben könnten.

Kirche sei heutzutage ein Stück weit beliebig geworden, kritisiert Brandl. "Jeder bastelt sich seinen eigenen Glauben zusammen. Wir Seelsorger müssen uns eingestehen, die Kirche ist nicht mehr der zentrale Punkt im Leben der Menschen", zeigt sich der Ordensmann selbstkritisch. So folgert Pater Brandl: "Das Wichtigste ist, als Seelsorger möglichst nahe an den Menschen zu sein." Nur so könnten Geistliche ihren "Schäflein" das Gefühl vermitteln, angenommen zu sein.

Kirche ist nur der Weg

"Ein Pfarrer muss in seiner Gemeinde Vordenker sein, er muss die Menschen mitnehmen, begeistern, er muss Vorbild sein", fordert Brandl, ein Mann, der das über Jahrzehnte so vorgelebt hat. "Mein Ziel war nie die Kirche. Sie ist nur der Weg, der Weg zu Gott." Auf diesem Weg müsse der Pfarrer Motivator sein. Aber auf keinen Fall Einzelkämpfer. Die immer größer werdenden Seelsorgebezirke machten diese Aufgabe nicht einfacher.

Der Quell der Geborgenheit

Die Familienseelsorge müsse ein Schwerpunkt kirchlichen Handelns sein. "Wer sich für Familien engagiert, handelt zukunftsorientiert. Die Familie ist der erste Ort der Glaubensbegegnung", stellt der Salesianerpater fest. Kirche baue auf dieses Fundament des angenommen Seins, der Liebe und des Vertrauens, kurz der Geborgenheit, auf.

Deshalb sei es auch wichtig, dass die Kirche die Trägerschaft für Kindergärten übernehme. "Eine Möglichkeit mit jungen Eltern in Kontakt zu kommen und Seelsorge zu leben", findet Brandl. Frei nach dem Bibelwort "Lasset die Kinder zu mir kommen" hat Pater Brandl in seiner aktiven Zeit engagierte Eltern ermuntert, Kindergottesdienste zu gestalten. So sei ein Miteinander im Glauben entstanden. Möglicherweise auch ein Stück Geborgenheit.

Perspektiven entwickeln

So komme es nicht von ungefähr, dass sich Kinder aus der Pfarrei Don Bosco bereit erklärten, an Sonntagen als Ministranten den Dienst am Altar zu übernehmen. Mehr als ein Dutzend Messdiener begleiten hier die Eucharistiefeier.

Und: "Kirche muss Perspektiven entwickeln, darf nicht stehen bleiben", ist der Jünger Don Boscos überzeugt. Gerade mit dem neuen geistlichen Liedgut gelang es Pater Brandl, den Nerv junger Menschen zu treffen. Sie fühlten sich mit ihrer Art der Musik akzeptiert und bekämen dafür Anerkennung von der Kirchengemeinde.Hier stehe der Pfarrer nicht mehr im Mittelpunkt, sondern sei Teil der Gemeinde, Teil des Volkes Gottes.

Sich sorgen statt versorgen

Wolle die Kirche Geborgenheit bieten, eine Heimat für alle werden, müsse sie den Schritt wagen von der "versorgten Gemeinde" zur "sich sorgenden Gemeinde". Je mehr Leute sich für diese Sache engagierten, desto farbenprächtiger und einladender werde "Kirche", so der Austragspfarrer.

Aus der Vergangenheit leben, aber die Zukunft gestalten, zitiert Pater Brandl sinngemäß den dänischen Schriftsteller, Theologen und Philosophen Søren Kierkegaard. Will heißen: Die Kirche muss Vordenker bleiben. Und Mut beweisen. Nicht so verzagt sein wie die Jünger Jesu bei dem Sturm auf dem See Genezareth.

Mut beweisen

Mutig sein bedeute für die Kirche heute mehr denn je, Präsenz zu zeigen. "Wer in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wird, existiert nicht", ist Pater Brandl überzeugt. Zeichen setzen könne die Kirche auch, wenn sie Frauen für Wortgottesdienste zulasse oder sie zu Priesterinnen weihe. Warum nicht? Die Rolle der Frau sei bislang in der katholischen Kirche zu sehr vernachlässigt worden. Dabei seien Frauen total wichtig.

"Sie denken und fühlen ganz anders als Männer und sie bringen Mütterlichkeit und Geborgenheit mit". "Leben ist Begegnung", sagt Pfarrer Brandl, der betont, dass diese Begegnung nicht nur zuhause oder im Beruf stattfindet, sondern auch im kirchlichen Leben. Wer seine Sorgen, sein Leben jemandem anvertraue und dabei auf Verständnis und Einfühlungsvermögen stoße, fühle sich in dieser Gemeinschaft gut aufgehoben, geborgen.

Denkanstöße dank Frauen

Auch verheiratete Männer, sogenannte "viri probati" kann sich Pater Brandl in der katholischen Seelsorge gut vorstellen. Sie hätten gegenüber zölibatären Priestern den Vorteil, dass sie die Herausforderungen des Alltages mit ihrer Frau besprechen könnten. So erhielten die Seelsorger neue Denkanstöße. "Ein Gedankenaustausch, der sich positiv auf die Arbeit auswirkt", ist Brandl überzeugt.

Ebenso wichtig für die Kirche von morgen findet der Ruhestandsgeistliche: "Das Pfarrhaus muss ein Ort sein, wo die Leute gerne hingehen. Offen und einladend." Und wo jemand gern hingeht, fühlt er sich auch mehr oder weniger geborgen.