Bamberg

Demut, Gerechtigkeit, Feindesliebe

Wie sich eine uralte Schrift auf das Leben von heute auswirken kann, diskutierten Erzbischof Ludwig Schick, verschiedene Politiker und Redner in einem Seminar.
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Erzbischof Ludwig Schick spricht über die Bergpredigt und wie sie sich auf politisches Handeln auswirken kann.  Foto: Tobias Hohner
Erzbischof Ludwig Schick spricht über die Bergpredigt und wie sie sich auf politisches Handeln auswirken kann. Foto: Tobias Hohner

Während Erzbischof Ludwig Schick in dem gefüllten Seminarraum spricht, hält er seine Hände so vor den Bauch, dass sich seine Finger berühren. Zufällig oder ganz bewusst, vielleicht hat er diese Haltung bei Bundeskanzlerin Angela Merkel abgeschaut, nach der diese Pose benannt ist: Das sogenannte Merkel-Dach soll Stabilität ausdrücken, gefestigt und gefasst wirken.

Politik und Kirche sind normalerweise voneinander getrennt. Doch an diesem Vor- und Nachmittag verschwimmen im Bamberger Bistumshaus die Grenzen. Es geht um ein Thema, welches stets ein "Stachel im Kreis der Christen", gewesen sei, verrät die Ankündigung des Seminars. Eines Seminars, das sich rund um die Bergpredigt dreht und wie sie sich auf gesellschaftliches Leben auswirkt.

Wem die Bergpredigt auf Anhieb nichts sagt oder sie noch nicht im Matthäusevangelium nachgelesen hat, dem helfen vielleicht folgende Sätze auf die Sprünge: "Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, halte ihm auch die linke hin", verkündete Jesus den Gläubigen, die ihm einst auf einen Berg gefolgt sind, um seine Lehre zu hören. Im Zentrum der Bergpredigt stehen Tugenden wie Demut, Hilfsbereitschaft, Gerechtigkeits-, aber auch Feindesliebe. Eigenschaften, die ein Mensch haben muss, um ein guter Christ zu sein.

"Zu nobel"

Daran ist zunächst nichts verwerflich. Wie kommt es dann, dass die Bergpredigt seither so ein unbequemes Thema im Kreis der Christen darstellt? "Die Tugenden sind zu nobel", verrät Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der Katholiken (ZdK), in seiner Rede zu Beginn der Veranstaltung. "Christen sind auch nur Menschen, sie machen Fehler. Die Forderungen der Bergpredigt umzusetzen, ist nahezu unmöglich - gerade in der heutigen Zeit", so Sternberg.

Einer Zeit, in der Glaube und Religion nicht mehr den Stellenwert hat wie früher, in der die meisten Christen die vollständige Bergpredigt wohl nicht einmal kennen. Erzbischof Ludwig Schick betet die Seligpreisungen, also den Anfang der Bergpredigt, jeden Morgen. Neben der erwähnten Feindesliebe beinhaltet sie insgesamt neun Richtlinien - "Eine Verfassung oder ein Notenschlüssel für richtiges Handeln nach christlichem Glauben", fasst der Erzbischof zusammen. Und da liegt für Schick der springende Punkt: Es sind Richtlinien, Leitpunkte. Das bedeutet aber nicht, dass Christen nicht auch Fehler machen und abseits der Bergpredigt handeln dürften. Aber: "Für mich ist es wichtig, dass ich mir die Bergpredigt so gut es geht vor Augen halte", sagt Schick. Und er wünsche sich, dass das jeder Christ genauso macht, vor allem Kirchenmänner. Daraufhin zeigt sich der Erzbischoff selbstkritisch gegenüber der eigenen Kirche: "Wenn sich jeder die Bergpredigt ins Bewusstsein rufen würde, würde so etwas wie Kindesmissbrauch nicht passieren".

Wie sich eine Tausende von Jahren alte Schrift trotz Säkularisierung auf die Politik von heute auswirken kann, diskutieren einige Politiker, die für das Seminar eingeladen wurden. Hier prallen unterschiedliche Meinungen aufeinander: "Man kann sich nicht hinstellen und sagen, dass mit der Bergpredigt ein Land regiert wird", stellt Sebastian Körber, oberfränkischer Spitzenkanidat der FDP, klar. Ein paar Stühle weiter sitzt Kathi Petersen von der SPD, die fentgegnet: "Wenn ich in der Kirche die Bergpredigt gut finde, kann ich sie daraufhin nicht im Landtag schlecht finden."

Richtschnur für Politik

Die Bergpredigt sei eine Richtschnur für menschliches Handeln und dazu gehöre auch die Politik. Trotzdem sei die Bergpredigt nicht dafür geeignet, ein Land zu regieren. Darin ist sich das sechsköpfige Podium einig. Geschweige denn sei sie dafür gemacht, politische Anträge zu stellen.

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