Ebermannstadt

Das Überleben im Weltkrieg

Die Ebermannstadter Seniorenvertretung "55 plus" macht Aktionen mit Schülern der Mittelschule. Ilse Foegelle aus Heiligenstadt berichtet über ihre Erfahrungen als junger Mensch in schrecklichen Zeiten.
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Claudia Engemann, Wolfgang Mehrer und Ilse Foegelle im Klassenzimmer der Mittelschule Foto: Carmen Schwind
Claudia Engemann, Wolfgang Mehrer und Ilse Foegelle im Klassenzimmer der Mittelschule Foto: Carmen Schwind

"Die Luftangriffe waren so schlimm. Wir hatten schreckliche Angst und haben uns nachts unter der Autobahnbrücke versteckt", erzählt die 83-jährige Ilse Foegelle aus Heiligenstadt. Die Seniorin ist im Vorstand der Ebermannstadter Seniorenvertretung "55 plus", die gemeinsam mit Schülern der Mittelschule Ebermannstadt einige Aktionen durchführt.

Diesmal fragte Lehrerin Claudia Engemann den Vorsitzenden der Seniorenvertretung, Wolfgang Mehrer, ob nicht ein Zeitzeuge etwas aus der Zeit um den Zweiten Weltkrieg erzählen könnte, da dies Thema im Geschichtsunterricht war. Ilse Foegelle erklärte sich dazu bereit und erzählte den aufmerksam zuhörenden jungen Menschen aus ihrem Leben.

Die Seniorin wurde vor dem Zweiten Weltkrieg geboren und wohnte mit ihren Eltern in einem Vorort von Leipzig, in Engelsdorf. 1942 kam sie in die Schule. "Wir haben immer die Angriffe auf Leipzig mitbekommen. Unser Dorf wurde nicht angegriffen, denn hier stand ein großes Lazarett mit einem großen roten Kreuz auf dem Dach", erinnert sich Ilse Foegelle.

Um dem Krieg zu entgehen, zog die Familie für ein Jahr nach Oberschlesien zu Verwandten. Doch 1944 wurden dort mit Hilfe von russischen Gefangenen tiefe Schützengräben angelegt, so dass die Familie wieder zurück nach Leipzig zog.

"Wir hatten Angst und schliefen nachts in voller Montur. Wenn die Sirenen dann losgingen sind wir schnell in den Keller. Da waren Stockbetten mit Strohmatratzen", erzählt die Seniorin. Im April 1945 waren die Angriffe dann so schlimm, dass sich die Familie nachts unter einer Autobahnbrücke versteckte. Sichtlich gerührt erinnert sie sich: "Der Himmel war blutrot. Es war sehr, sehr schlimm."

Berichte von der Front

Anders als heute hatte die Familie damals nur ein Radio. Und das hatte auch nur zwei Sender, auf denen über den Krieg berichtet wurde. "Die Frauen saßen dann vor den Radioempfängern und hörten sich die Berichte über die Verluste an und ob ihre Männer und Söhne dabei waren. Sie haben auch immer auf Post gewartet, um zu wissen, dass die Männer noch leben", erinnert sich die Seniorin. Ihre Mutter hatte eine kleine Tasche mit den wichtigsten Dokumenten immer griffbereit, wenn sie mit den beiden Kindern schnell Schutz suchen musste.

"1945 ist mein Vater verwundet aus dem Krieg zurückgekommen. Sein Arm war durchschossen worden. Meine Mutter fiel bei der Begrüßung über die Hecke, weil sie sich so freute", berichtet Ilse Foegelle. Als dann die russische Armee nach Leipzig kam, war ihr Vater einigen Repressalien ausgesetzt.

"Er hat immer versucht, etwas Essbares für uns zu organisieren. Das war teilweise sehr gefährlich und wir hatten immer Angst", erklärt die Seniorin den jungen Zuhörern.

Nach dem Krieg besuchte Ilse Foegelle bis 1950 eine andere Schule. "Das war ja dann DDR und ich wollte Modezeichnerin werden. Doch das ging nicht so einfach. Am Arbeitsamt wollte man mir eine Ausbildung zur Schlosserin oder Maurerin anbieten", berichtet die Seniorin. Sie hatte Glück und fand eine Lehrstelle bei der Stadtbibliothek Leipzig. "Da war alles so fein. Doch ich selbst hatte nur zwei Kleider", blickt sie zurück.

Politikstunde in der DDR

Dann kam dort ein neuer Chef, der Anhänger des Kommunismus war. So gab es montags Politikstunde und man durfte seine Meinung nicht mehr äußern. Ilse Foegelle musste Russisch lernen und kommunistische Bücher lesen.

"Im Urlaub sind mein Bruder und ich mit meinen Eltern nach Schwabach gefahren. Meine Eltern haben beschlossen, dass wir hier bleiben sollten", erzählt die Seniorin. Die Eltern fuhren zurück nach Leipzig, wo der Vater von der Polizei festgenommen wurde. Später kamen die Eltern dann ebenfalls nach Schwabach. Ilse Foegelle arbeitete zu dieser Zeit in einer Fabrik und musste mit ihrem Gehalt die Familie ernähren. Später machte sie Karriere in einem internationalen Unternehmen.

Aufgrund der Erfahrungen in der Kindheit weiß sie ihr heutiges Leben zu schätzen. Nach ihrer Erzählung wollen die Schüler noch wissen, ob sie auch einmal keine Angst gehabt hatte, ob es Süßigkeiten oder Spielzeug gegeben habe und wie sie den Mauerfall erlebt hat. "Süßigkeiten und Spielzeug gab es nicht. Und der Mauerfall war toll", antwortet Ilse Foegelle und bekommt von den Schülern einen Blumenstrauß überreicht.

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