Kulmbach

Das Geheimnis der Farbe

Für den Neubau des Caspar-Vischer-Gymnasiums haben die Künstler Hans Lewerenz und Caspar Walter Rauh ein Mosaik von funkelnder Schönheit geschaffen. Alle lieben es, keiner kennt seine Bedeutung.
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Der CVG-Innenhof bei der Einweihung am 24. Mai 1969: Das Foto zeigt die damalige Bepflanzung des Atriums, dahinter der Mosaikfries und die Sternwarte.  Foto: Jahresbericht CVG 1968/1969
Der CVG-Innenhof bei der Einweihung am 24. Mai 1969: Das Foto zeigt die damalige Bepflanzung des Atriums, dahinter der Mosaikfries und die Sternwarte. Foto: Jahresbericht CVG 1968/1969
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WOLFGANG SCHOBERTH

Die Temperamente könnten unterschiedlicher kaum sein: Der eine wortkarg, in sich gekehrt, vergrübelt, der in seinen Zeichnungen in eine grotesk versponnene Welt eintauchte. Der andere ein Tatmensch, ein lautstarker und lärmender Erzähler, ein Farbenkenner und plakativer Gestalter, ein Visionär, der in großen Dimensionen dachte, für den der Maßstab eines Schulhofes eine Kleinigkeit war.
1968 begeben sich Caspar Walter Rauh und Hans Lewerenz in dessen Atelier auf der Plassenburg in Klausur. Monatelang ertüfteln sie Farbkompositionen, fügen winzige Farbglas-Partikel zu kubischen, polygonalen, spitz zulaufenden Formen. Was entsteht, ist eines der raffiniertesten und aufwendigsten Kunst-am-Bau-Projekte in Kulmbach: Ein 74 Meter langer Mosaikfries für den Innenhof des damals im Bau befindlichen Caspar-Vischer-Gymnasiums.
Angeregt hat das Projekt Oberstadtbaurat Fritz Kerling (1910-1985), ein kreativer, eigenwilliger Kopf, der mit den Vorstellungen des Stadtrats nicht selten in Konflikt gerät. Kerling ist mit Lewerenz befreundet. Zusammen haben sie in Berlin bei Professor Heinrich Tessenow, dem Kult-Architekten der Frühmoderne, studiert und sich intensiv mit dem Dessauer Bauhaus beschäftigt. Kerlings Entwurf des CVG-Hauptgebäudes und des sozialwissenschaftlichen Trakts ist erkennbar davon beeinflusst. Die Flügel des zweigeschossigen Baus sind um ein zentrales Atrium gruppiert, dessen filigrane Fensterfront das Tageslicht breit einfallen lässt.
Ein weiterer Aspekt stammt vom Bauhaus: die Idee, Architektur und Kunst zu einem Ganzheitlichen zu verschmelzen. Im Unterschied zu den meisten Kunst-am-Bau-Projekten der 1950er und 1960er Jahre, bei denen die Arbeiten nur Dekor eines fertigen Bauwerks sind, werden die Künstler früh in die Planung einbezogen.
Im Innenhof lässt sich Kerlings Gedanke eines für junge Menschen bestimmten Raums beobachten. Der Blick geht nach oben zu der Sternwarte, die über die astronomische Nutzung hinaus die Sehnsucht aller forschenden Menschen versinnbildlicht. In den 1960er Jahren haben die konkurrierenden Raumfahrtunternehmungen in Ost und West das Interesse am gestirnten Himmel besonders angeregt. Doch Jugendliche haben noch stärkere Sehnsüchte: die nach Leben, Glück, Liebe. Sie werden auf den Mosaikfeldern in Farbe verwandelt.
Der Schlüssel ist Johann Wolfgang Goethes Farbenlehre. 40 Jahre lang suchte der Dichter und Naturforscher das Phänomen der Farben zu ergründen. Ein wichtiger Schritt war die Untersuchung des Felsens im Fichtelgebirge. Er hielt ihn für steingewordenes Licht. Er verfasste dazu die Schrift "Über den Granit" (1784).
Für das Künstler-Duo ist Goethes ganzheitliche Naturbetrachtung Grundlage ihrer Arbeit: Farben entstehen, wenn das Licht des Sonnenglanzes etwas Trübes durchwandert, wie die dunstige Atmosphäre beim Sonnenuntergang. Dann ändert sich Weiß über Gelb nach Rot. Rot, die Farbe des Lebens, geht bei weiterer Verdunklung ins Schwarze über. Andererseits kann sich die Finsternis des Weltalls, die wir am Nachthimmel erblicken, durch den Dunst der Morgendämmerung über Violett zum Blau verändern und durch das Weiß der Wolken weiter aufgehellt werden. Diese Beobachtungen sind es, die Lewerenz und Rauh zu ihren fantastischen Farb-Kreationen inspirieren.
In dem Bildungsroman "Wilhelm Meisters Lehrjahre", früher ein Muss im Lektüreplan, hat Goethe seine Farbenlehre in Poesie verwandelt. Erzählt wird, wie der junge Wilhelm nach einem langen Irrweg durch die Gesellschaft sich selbst findet. Eine wichtige Begegnung ist die mit Mignon, einem geheimnisvollen Zigeunermädchen. Sie verliebt sich in ihn, doch Wilhelm verlässt sie. Ihre Sehnsüchte, ihren Liebesschmerz, der in den Tod führt, kleidet sie in die Sprache der Farben: "Kennst du das Land, wo die Zitronen (gelb) blühn (weiß), im dunklen Laub (schwarz) die Goldorangen (orange) glühn (rot). Ein sanfter Wind (Dunst) vom blauen (blau) Himmel (schwarz) weht. Die Myrte (grün) still und hoch der Lorbeer steht, Kennst du es wohl? Dahin! Dahin möcht' ich mit dir, o mein. Geliebter, ziehn". Das "Lied der Mignon" begegnet uns auf vielen Feldern des Mosaiks. Man muss es nur entdecken.
Ausführliche Beiträge von Wolfgang und Margret Schoberth zur Kunst am CV-Gymnasium erscheinen in der Festschrift zur 125-Jahrfeier der Schule.
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