Bad Kissingen

Das Ende der heiteren Spiele

Zeitzeugen erinnern sich, wie sie 1972 als Besucher oder im Dienst die Zeit vor oder nach dem Attentat bei Olympia erlebt haben. Die Erinnerungen sind bis heute sehr präsent.
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Der Münnerstädter Polizist Karl Kolb vor einem VW-Käfer Dienstfahrzeug. Kolb war 1972 zu den olympischen Spielen an eine Münchner Inspektion beordert. Foto: Archiv Karl Kolb
Der Münnerstädter Polizist Karl Kolb vor einem VW-Käfer Dienstfahrzeug. Kolb war 1972 zu den olympischen Spielen an eine Münchner Inspektion beordert. Foto: Archiv Karl Kolb
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Heike Beudert

Unvergessen sind die olympischen Spiele in München 1972, leider aus zweifacher Hinsicht. Am Anfang waren es die unbeschwerten, heiteren Spiele. Nach dem Anschlag auf das israelische Team legte sich ein Tuch der Trauer über München und Olympia. Vier Männer aus dem Landkreis haben diesen tragischen und dramatischen Wandel ganz persönlich erlebt. Denn sie waren zu diesem Zeitpunkt in München, die einen als Einsatzkräfte von Polizei und Bundesgrenzschutz, die anderen als Besucher bei Olympia.
Roland Kneuer war in der Ausbildung beim Bundesgrenzschutz. Weil er selbst ein recht erfolgreicher Zehnkämpfer beim TSV Bad Kissingen war, wurde er zum Dienst in München eingeteilt. Bis heute gehören diese Tage zu den nachhaltigsten seines Lebens. Für Roland Kneuer waren es am Anfang tatsächlich die heiteren Spiele. Als Polizist des Grenzschutzes hatte er freien Eintritt zu den Wettkämpfen und Veranstaltungen, was er auch nutzte, soweit es sein Dienst erlaubte.


Fassungslos bis heute

Alles war super, bis zum 5. September 1972, dem Tag des Attentats auf die israelischen Sportler. Zwar sei die Möglichkeit eines Anschlags bei der psychologischen Schulung im Vorfeld der Spiele kurz angesprochen worden, "wir hätten nie gedacht, dass so etwas passieren könnte", sagt Roland Kneuer heute. Das zeigte sich damals auch an der Ausrüstung der im Einsatz befindlichen Beamten. Die eigens für ihren Dienst im Olympia-Park eingekleideten Beamten wirkten eher wie Freizeitsportler denn wie Polizisten, erinnert sich Hartmut Hessel, der damals als Besucher in München war.
Roland Kneuer erzählt, dass er seinen Ordnungsdienst komplett ohne Dienstwaffe absolvierte. Hartmut Hessel kann sich erinnern, dass bei den Spielen keine Art des Militarismus erkennbar sein sollte. Selbst Marschmusik fehlte beim Einzug der Olympioniken. Dafür wurden die Sportler "eingeswingt".
Der Anschlag im olympischen Dorf war ein einziger Schock. Roland Kneuer spricht von Fassungslosigkeit in diesen Tagen. Einige Tage nach dem Massaker ist er am Unglücksort vorbeigekommen. Auf einem kleinen Foto ist er mit einem Kollegen zu sehen, wie er vor dem mit Blumen geschmückten Eingang des Tatortes steht. Die Bilder haben sich bei ihm für immer ins Gedächtnis eingeprägt. "Es war gespenstisch", sagt er.
Karl Kolb war für die Dauer der Spiele von der Polizeiinspektion Bad Kissingen an die Inspektion 12 in München abbestellt worden. Auch er sagt zum Olympia-Attentat: "Man hat sich das nicht vorstellen können." Er hat das Entsetzen und die Trauer, die nach dem Geschehen sowohl unter den Kollegen, als auch bei den Bürgern herrschten, nie mehr vergessen. Und er sagt: "Wir waren im Nachhinein froh, dass wir heil aus der Sache herausgekommen sind."
Hartmut Hessel hat vom Attentat im Radio erfahren. Er weiß noch, dass er danach heimlich Polizeifunk gehört habe, um sich zu informieren. In München selbst sei lediglich die größere Polizeipräsenz aufgefallen. Anton Then verbrachte seine Semesterferien bei den olympischen Spielen in München. Die Nachricht vom Attentat war auch für ihn ein Schock. Er erinnert sich an die Warnungen in den Radio-Nachrichten, Anhalter mitzunehmen. Da habe man schon Angst verspürt, erklärt er.
Politik und Polizei hätten die Lehre aus dem Massaker gezogen, weiß der pensionierte Polizeibeamte Karl Kolb. Nach dem Attentat sei die Polizeipräsenz verstärkt worden. In der Folgezeit sei es zur Gründung der Fachdienststellen und zu einer besseren Ausstattung der Polizei gekommen. Das sei wichtig gewesen, findet Kolb.


Sonderkontrollen auch im Kreis

Das Olympia-Attentat und die RAF-Gewalt in den folgenden Jahren hatten auch Auswirkungen auf die Arbeit bei der hiesigen Landpolizei. Karl Kolb erinnert sich, dass es in der Folgezeit immer wieder Sonderkontrollen und -fahndungen gab. Auch das flache Land war keine Insel. So ist heute ja bekannt, dass RAF-Mitglieder 1970 für kurze Zeit Unterschlupf in Bad Kissingen gefunden hatten. In Erinnerung ist Karl Kolb eine Sonderkontrolle an einem Faschingssamstag. Während die Bürger im Landkreis zu den Tanzveranstaltungen fuhren, mussten die Polizeibeamten Kontrollen zur Terrorabwehr durchführen - ein mehr als frostiger Einsatz bei minus 26 Grad.
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