Lichtenfels

Das Cello mal übers Knie legen

Das Nürnberger Feuerbach-Quartett treibt es ganz schön bunt - mit Klassik-Rock oder Rockklassikern.
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Einmal ließ sich das Quartett (hier im Trio) auch auf dem Boden nieder, um von dort Anlauf zu furioser Musikalität zu nehmen.  Foto: Markus Häggberg
Einmal ließ sich das Quartett (hier im Trio) auch auf dem Boden nieder, um von dort Anlauf zu furioser Musikalität zu nehmen. Foto: Markus Häggberg

Christine Wittenbauer schien ratlos: "Ist das ein Klassik-Konzert?" Die bei der Publikumsbegrüßung in der ehemaligen Synagoge vorgebrachte Ratlosigkeit der gastgebenden Stadtarchivarin zu dem, was das Nürnberger Feuerbach-Quartett nun gleich treiben wird, war nett gespielt. Aber Klassik war es irgendwie doch, denn Rock-Klassiker gerieten ins Gewand eines klassischen Streichquartetts. Ein Freitagabend, der so schnell nicht vergessen werden dürfte.

Donovans "Hurdy Gurdy Man"

Lukas Kroczek war Preisträger bei "Jugend musiziert". Dann Jungstudent am Richard-Strauss-Konservatorium in München. Jetzt ist er Philharmoniker. Das hält ihn nicht davon ab, sein Cello übers Knie zu legen und als Gitarre zu benutzen. Dazu singt er solo Donovans "Hurdy Gurdy Man" von 1968. Wenig später treibt es Max Eisinger ähnlich bunt, als er mit einer Art Kinder-Keyboard das Erkennungsmerkmal des Welthits "Take on me" von Aha spielt. Mit den Gesten eines Rockstars und in kindlicher Freude steht der zweite Geiger da, auch er mehrfacher Preisträger und Philharmoniker, genau wie Geigerin Jamila Musayeva oder Bratschist Eugen Hubert.

Studierte Musiker, Ausnahmetalente allesamt, einander gefunden in der Frankenmetropole. Gemeinsam frönen sie der Liebe zum Rock, zu großen Melodien zwischen Beatles und Led Zeppelin. Das stieß auf Anklang und schon vor Konzertbeginn war beim Publikum eine Art gespannte Vorfreude spürbar.

Echte Spielfreude

Dann ging es los und schnell wurde klar, dass hier nicht irgendein Rondo-Veneziano-Kitsch-Verschnitt stattfindet, sondern echte Spielfreude und wirklich gute Musik. Denn wie sonst fängt man den Swing bei "Sultans of Swing" von den Dire Straits ein, verjazzt ihn über die Saiten und steuert dann orgiastisch auf das zu, worauf jeder Rock-Fan gespannt ist: das berühmte Frage-und-Antwort-Solo gegen Ende des Klassikers, für den Mark Knopfler stets gefeiert wird.

Doch abgesehen davon, dass sich an dem Quartett erwies, wie hochwertig viele Melodien der Populärmusik waren und sind, gab es auch viele unterhaltsam gesprochene Momente. Dann, wenn Eisinger dem Publikum von einem Vorfall erzählte, bei dem es ihn vor einem Auftritt stolpernd "auf die Fresse" gehauen hat und eine Schulklasse im Publikum nicht damit aufhören konnte, sich deswegen zu beömmeln. Momente wie dieser seien "Allmechd-Momente", von denen es drei Kategorien gebe, aus denen aber immer Inspiration und letztlich ein Lachen komme. Es ist nicht so, dass man anhand von Rockmusik nicht hören könne, wie gut Musiker technisch sind. Die Tonfärbungen, die sie Songs wie "Bittersweet Symphonie" beigaben, ließen manchmal Brahms vermuten, bewies Grifftechnik. Und romantisch wurde es auch, dann, wenn sich Eisinger und Musayeva bei "More than words" über die Saiten verspielt unschuldig anblickten, um später per Tempowechsel das Geschehen zu steigern. "Wenn's am schönsten wird, soll man aufhören und eines kann ich euch sagen: Schöner wird' s nimmer", erklärte zum Programmende launig Eisinger ans Publikum gerichtet. Doch das sollte auch noch den Rock-Song aller Rock-Songs zu hören bekommen: Led Zeppelins "Stairway to heaven". Wie das Quartett das Wesen dieses Klassikers aufgriff, die langsame Steigerung bis zum ekstatischen Ausbruch von - im Original - Jimmy Pages fantastischem Gitarrensolo ausgestaltete, war die Beweisführung des Bernstein-Wortes, wonach es keine U- und E-Musik gibt, sondern nur gute und schlechte.

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