LKR Haßberge
Unser Thema der Woche // Verantwortung

"Da braucht es viel Feingefühl"

Fast 150 Kinder werden in der Caritas-Kindertagesstätte St. Michael in Zeil betreut, insgesamt 26 pädagogische Mitarbeiterinnen kümmern sich darum. Die Erzieherinnen Susanne Bös-Naumann und Melanie Mantel im Gespräch.
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Die Erzieherinnen Susanne Bös-Naumann (hinten) und Melanie Mantel mit den Kindern Valerie, Mia, Milla und Obse (von links) in der Kita St. Michael in Zeil. Foto: Andreas Lösch
Die Erzieherinnen Susanne Bös-Naumann (hinten) und Melanie Mantel mit den Kindern Valerie, Mia, Milla und Obse (von links) in der Kita St. Michael in Zeil. Foto: Andreas Lösch

Verantwortung haben wir alle für irgendetwas. In erster Linie für unser eigenes Tun und Handeln, aber oft auch in Zusammenhang mit unserem Beruf, der Gesellschaft und unseren Mitmenschen. Eine besondere Verantwortung wird jenen zu Teil, die in pädagogischen Einrichtungen wie Kindertagesstätten und Schulen die (frühkindliche) Bildung und positive Entwicklung des gesellschaftlichen Nachwuchs sicherstellen wollen.

Der Fränkische Tag hat sich mit den beiden Erzieherinnen Susanne Bös-Naumann und Melanie Mantel über ihren Beruf und ihre Aufgaben unterhalten. Die Frauen sind das Führungsduo in der katholischen Caritas-Kindertagesstätte St. Michael in Zeil. Fränkischer Tag: Wenn man täglich auf viele (wilde) Kinder aufpassen muss, wie hoch ist da der Druck der Verantwortung?

Melanie Mantel: Druck würde ich da vorerst mal gar nicht sagen. Ich denke, man braucht von vornherein Ziele, Werte und Schwerpunkte, die man den Kindern vermitteln möchte. Die bespricht man dann mit den Kindern und man merkt auch, dass man sich ein Stück weit auf die Kinder verlassen kann. Deswegen kann man auch nicht von Druck reden, denn das würde ja bedeuten, dass man ständig das Schlimmste befürchten müsste. Das ist aber nicht so.

Gibt es denn genügend Kita-Plätze und pädagogisches Personal, um die gesteckten Ziele zu erreichen?

Susanne Bös-Naumann: Die Situation heute ist keine schlechte und man muss dann auch das Beste aus dem machen, was man hat. Natürlich ist es immer besser, wenn noch mehr pädagogisches Personal eingesetzt werden könnte, weil du dann noch mehr bieten und individueller auf die Kinder eingehen kannst und einfach mehr Möglichkeiten hast.

Mantel: Unsere Bezugs-Gruppen sind voll, aber zum Beispiel durch ProWi (Projekt im Winkler-Haus, die Red.) können wir mehr bieten. Im Zeiler Rudolf-Winkler-Haus befindet sich eine ständige Projektgruppe, an der alle Kinder teilnehmen können. Wir haben also aus der Not eine Chance für die Kinder geschaffen. Außerdem können sie sich in der offenen Zeit in der Einrichtung frei bewegen und sich in allen Gruppen beschäftigen. Wir sind dadurch sehr flexibel und jedes Kind kann Angebote nach seinen Stärken aussuchen.

Das heißt also, dass die Kinder einen gewissen Teil der Verantwortung schon selbst tragen sollen. Ab wann kann man einem Kind so etwas denn zumuten?

Mantel: Von Anfang an. Wenn ein Kind in die Kita kommt, kann es von Anfang an Verantwortung mit übernehmen, sprich: Helfen, die Schuhe aufzuräumen, die Jacke aufzuhängen...da geht es ja um kleine, lebenspraktische Sachen. Da bezieht man das Kind mit ein und motiviert es, solche Sachen selbstständig umzusetzen. Verantwortung ist dabei der Bezugsrahmen für alle Werte, die außen herum gebaut werden.

Bös-Naumann: Die Kinder übernehmen Verantwortung für ihr Tun und Handeln, darauf werden sie von uns vorbereitet.

Mantel: Wichtig ist natürlich, dass wir, das pädagogische Personal, die Kinder an die Hand nehmen und auch Vorbild sind. Es ist die Basis, dass sie sich an jemandem orientieren können.

Es gibt Verantwortung, die Sie tragen, dann die Verantwortung, die die Kinder übernehmen. Welche Verantwortung liegt bei den Eltern und wie kommunizieren Sie mit ihnen?

Bös-Naumann: Es geht um den regelmäßigen Austausch. Die Kindertagesstätte braucht Informationen von den Eltern. Die Kinder verhalten sich im Kindergarten oft anders als daheim. Mit den Eltern reden ist also immer notwendig, damit man einen Gesamteindruck vom Kind bekommt.

Mantel: Unser Profil lautet "Gemeinsam sind wir stark" und das betrifft alle Bereiche, also auch eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern. Da gilt es, Vertrauen aufzubauen und eine Familie so anzunehmen, wie sie ist. Ohne Vorurteile gegenüber kulturellen Unterschieden und dergleichen. Wir sehen Vielfalt als Chance und nicht als Hindernis. Es geht immer letztlich um das Wohl und die positive Entwicklung des Kindes, da wollen wir alle gemeinsam daran arbeiten. Wir haben deswegen stetige Elterngespräche, spontane Gespräche und besondere Entwicklungsgespräche. Natürlich haben die Eltern in erster Linie die Verantwortung für ihr Kind, aber wir sind immer da, um die Eltern zu unterstützen und zu schauen: Was braucht das Kind und was haben wir für Möglichkeiten, dem Kind zu helfen?

Wie lotet man so etwas denn aus? Ein Beispiel: Man merkt, dass ein Kind sein Verhalten ändert, traurig wirkt und sich zurückzieht. Geht man dann auf die Eltern zu und fragt direkt, was los ist?

Bös-Naumann: Da braucht es schon viel Feingefühl. Wenn man das Kind im Mittelpunkt sieht, nimmt man auch leichter Sachen wahr, die das Kind belasten oder bedrücken. Wenn die Vertrauensbasis passt, erzählen die Kinder auch viel von sich aus. Dann gilt es in manchen Fällen, mit den Eltern in Kontakt zu treten und das anzusprechen.

Mantel: Ganz wichtig dabei ist Offenheit gegenüber den Eltern und der Austausch mit ihnen. Das beginnt zunächst mit der Eingewöhnungszeit, in der eine Vertrauensbasis geschaffen werden soll. Denn die Eltern lassen schließlich auch ihr Kind, das für sie Wichtigste, bei uns und vertrauen uns das Kind an. Dadurch entwickelt sich auch die Basis, um solche Gespräche zu führen.

Und sind dann alle Eltern kooperativ oder kriegt man dann auch schon mal gesagt: Das geht euch nix an!

Bös-Naumann: Solche Fälle gibt es natürlich, dass manche Eltern abweisend reagieren, weil sie unsere Beobachtungen als Kritik empfinden. Wir versuchen dann zu erklären, dass wir dazu da sind, um zu beraten, Wege zu finden, wie sich eine Situation verbessern lässt. Wenn sogar so etwas wie Kindeswohlgefährdung im Raum steht, haben wir auch Pflichten und Möglichkeiten, da etwas in die Wege zu leiten oder gewisse Stellen anzusprechen, um uns, wenn nötig, Unterstützung zu holen.

Mantel: Es geht bei unserem Konzept darum, dass das Kind im Mittelpunkt steht und seine Rechte geachtet werden. Wenn die Eltern abweisend auf unsere Vorschläge reagieren, tun wir alles dafür, um ihnen zu erklären, warum wir diesen oder jenen Schritt für nötig halten und dass es nicht darum geht, sie zu kritisieren, sondern dass dem Kind geholfen wird.

Wo fängt Kindeswohlgefährdung an, was heißt das genau?

Mantel: Das ist ein ganz sensibles Thema. Grundlage sind hier Beobachtungen, worauf Gespräche folgen müssen.

Bös-Naumann: Man stellt sich unter Kindeswohlgefährdung immer vor, dass Kinder geschlagen oder missbraucht werden, was natürlich Kindeswohlgefährdung ist, aber es gibt auch ganz andere Bereiche. Zum Beispiel gibt es Eltern, die Unterstützung brauchen, weil sie das alltägliche Leben nicht alleine bewältigen können und persönliche Probleme haben. Da hilft dann schon oft eine Unterstützung, die es zum Beispiel vom Jugendamt gibt. Oder bei Eltern mit einer Suchterkrankung. Auch da geht es darum, zu klären: Wie kann man helfen? Wir nehmen immer zuerst Kontakt mit den Eltern auf und erklären ihnen unsere Einschätzung. Und wir informieren sie über jeden Schritt, den wir in die Wege leiten, zum Beispiel wenn wir das Jugendamt kontaktieren. Oft ist das Einschalten dieser Institutionen für die Eltern ganz schrecklich, weil Fremde sich einmischen. In so einer Situation ist es manchmal auch schwierig, dieses Einmischen als Hilfe zu sehen, weil ja das eigene System, das man sich aufgebaut hat, in Frage gestellt wird.

Mantel: So etwas entscheidet keine Erzieherin allein und auch nicht von heute auf morgen. Dem gehen Beobachtungen, viele Gespräche und Besprechungen im Team voraus, das dann auch gemeinsam die Entscheidung trifft.

Welche gesellschaftliche Verantwortung hat in Ihren Augen eine Kindertagesstätte?

Mantel: Es ist eine frühe ganzheitliche Bildungsförderung. Und die Kinder lernen vor allem, in der Gemeinschaft zu handeln und sich zurechtzufinden.

Bös-Naumann: Es geht auch um das Sozialverhalten, das heute oftmals in der Gesellschaft nicht mehr so stark ausgeprägt ist. Das lernen die Kinder in den Kindertagesstätten.

Finden Sie, dass der Beruf des Erziehers genügend wertgeschätzt wird?

Mantel: Von dem Beruf muss man überzeugt sein, wenn man ihn erfolgreich ausüben will. Aber was das Thema Wertschätzung angeht: Ich mache den Beruf aus Überzeugung und weil er mir Spaß macht. Zum Thema Verantwortung: Die Ausbildung zum Erzieher ist sehr komplex und man muss sich auch danach immer weiter entwickeln. Von außen betrachtet, erkennt man oft nicht, was da alles dahintersteckt. Es geht um Elternarbeit, Dokumentationen, pädagogische Arbeit, verschiedene Konzepte, neue Entwicklungen, der Beruf ist voll gepackt mit Aufgaben. Aber wer das versteht, wird den Beruf auch wertschätzen. Die Fragen stellte Redakteur Andreas Lösch

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