Bamberg

Cybercrime im ganz großen Stil

Wegen banden- und gewerbsmäßigen Computerbetrugs stehen vier junge Männer vor der Landgericht.
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Vier junge Männer aus Chemnitz sollen zwischen Mai und Oktober 2018 Sparkassen-Kunden im ganzen Bundesgebiet um 1,1 Millionen Euro geprellt haben. Mit sogenannten Phishing-Mails erlangte das Quartett die Passwörter fürs Online-Banking und teilte sich mit ihren bislang unbekannt gebliebenen Hintermännern die Beute. Auch zwei Sparkassen-Kunden aus dem Raum Schweinfurt und dem Raum Bamberg sind unter den Opfern. Sie verloren 18 700 Euro bzw. 49 000 Euro. Weitere bereits abgebuchte 48 000 Euro konnten aufmerksame Bankmitarbeiter noch retten.

Erst einmal gibt es für die Zuschauer im voll besetzten Gerichtssaal nicht viel zu sehen und zu hören. Die fünf Richter der Großen Strafkammer, der Staatsanwalt und die vier Rechtsanwälte sind im Beratungszimmer verschwunden. Immerhin geht es um banden- und gewerbsmäßigen Computerbetrug. Es sind also mindestens drei Personen, die sich zusammengeschlossen haben, um arbeitsteilig Verbrechen zu begehen. Damit beschafften sie sich über einen längeren Zeitraum Gelder für den eigenen Lebensunterhalt.

Nach mehr als zweistündiger Unterbrechung haben drei der Angeklagten dem Vorschlag des Vorsitzenden Richters Markus Reznik zugestimmt: ein umfassendes Geständnis gegen niedrigere Freiheitsstrafen. Was ihnen leichtgefallen sein dürfte, da eines der Bandenmitglieder nach seiner Festnahme Ende November bei der Polizei reinen Tisch gemacht hatte. Die anderen schwiegen seither und haben teilweise auch das Auslesen ihrer Laptop-Daten verhindert.

Ein Geständnis

Im Gegenzug kann die Große Strafkammer damit rechnen, dass dadurch das eigentlich bis Februar 2020 angesetzte Verfahren deutlich beschleunigt wird. Im Einzelnen sind es Gefängnisstrafen von zwei Jahren und zwei Monaten bis zu viereinhalb Jahren, die den vier Angeklagten sicher sind. Mit der niedrigsten kann der Angeklagte rechnen, der seine Kumpane durch sein Geständnis in Bedrängnis gebracht hatte. "Es muss für die Öffentlichkeit deutlich werden, dass sich Reue und die Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbehörden lohnen", so dessen Rechtsanwalt Christian Schößling aus Leipzig.

Zu Beginn war es ein Trio, darunter zwei Brüder (23 und 27) und ein Geschäftspartner (23) aus der Textilbranche, das sich auf ein lukratives Angebot aus dem Darknet eingelassen hatte. Für ihre Mitarbeit bei einem groß angelegten Computerbetrug sollten sie gemeinsam ein Drittel der Beute erhalten. Allerdings aus Verschleierungsgründen in der virtuellen Bitcoin-Währung. Ihre Aufgabe war es, für die großen Unbekannten einen Server anzumieten.

Konten ausgespäht

Mit über diesen versandten gefälschten E-Mails (Phishing) sollten Sparkassen-Kunden auf angebliche Internetseiten der Banken gelockt werden, um dort ihre Kontodaten und Passwörter abzugreifen. Mit diesen spähten sie die Konten aus und änderten dann das TAN-Verfahren, um hernach die jeweils möglichen Höchstsummen abzubuchen. In einem Fall im Raum Schweinfurt waren es 18 700. Bei einer Sparkassen-Kundin aus der Region Bamberg sogar 49 000 Euro. Wobei aufmerksame Bankmitarbeiter einen weiteren Versuch mit 48 000 Euro vereiteln konnten. Die Opfer kommen aber aus ganz Deutschland. Das Geschäftsmodell war so erfolgreich, dass der vierte Angeklagte (29) im Oktober dazustieß. Es dauerte indes nicht lange, bis das Quartett gefasst wurde und seit Ende November in Untersuchungshaft sitzt.

Wie Staatsanwalt Markus Kammann von der Zentralstelle Cybercrime Bayern, die an der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg angesiedelt ist, erklärte, habe es eine Vielzahl an Geschädigten gegeben. Der Schaden sei enorm, auch wenn es einzelnen Bankhäusern gelungen sei, einen Teil der ungerechtfertigten Abbuchungen zurückzuholen. So konnten mit dem Recall-Verfahren etwa 270 000 Euro vor dem Zugriff der Kriminellen bewahrt werden. "Dennoch ist bei der restlichen Summe kaum mit Wiedergutmachung zu rechnen."

Kammann zählt das Quartett zur organisierten Kriminalität. Deshalb konnte er den Angeboten zweier Verteidiger, es bei Bewährungsstrafen bis zu zwei Jahren zu belassen, auch nichts abgewinnen. Dem Deal stimmte er nur widerwillig zu: "Meine Zähne knirschen enorm."

Der nächste Verhandlungstag am 5. November ab 9 Uhr dürfte spannend werden. Dann sprechen alle Angeklagten und erzählen auch ihre Lebensgeschichte.

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