LKR Haßberge
Unser Thema der Woche // Mut & Courage

Courage erobert den Schulhof

Fünf Schulen im Kreis Haßberge positionieren sich mit Mut und Aktionen gegen Gewalt und Diskriminierung
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Plakative Aktionen gehören dazu: Am "Tag gegen Rassismus" im Jahr 2014 schmückten Schüler die Weltkugel aus Corten-Stahl vor dem Gymnasium mit bunten Fähnchen. "Die Welt ist bunt" lautete die Botschaft:  Foto: Archiv/FRG
Plakative Aktionen gehören dazu: Am "Tag gegen Rassismus" im Jahr 2014 schmückten Schüler die Weltkugel aus Corten-Stahl vor dem Gymnasium mit bunten Fähnchen. "Die Welt ist bunt" lautete die Botschaft: Foto: Archiv/FRG
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Eckehard Kiesewetter Aufbruchstimmung kurz vor den Sommerferien. In Schulen die beste Zeit für Sonderaktionen und für Bilanzen. So ist dieser Tage wieder viel von Mut und Courage die Rede. Bildungseinrichtungen verabschieden ihre Zöglinge ins Leben und wünschen ihnen den Mut, Neues anzupacken, auf Menschen und Herausforderungen zuzugehen, auch mal einen Umweg in Kauf zu nehmen und kritisch und couragiert gegen Ungerechtigkeit einzustehen. Als Rüstzeug fürs Leben gilt der Mut, Verantwortung zu übernehmen und Zivilcourage zu zeigen.

Nun ist Mut eine Charaktereigenschaft, die nicht jedem in gleichem Maß gegeben ist, und doch kann die Schule viel bewegen: Rückendeckung geben, das Selbstbewusstsein stärken und eben "Mut machen".

Schulamtsdirektorin Claudia Schmidt, zuständig für die 15 Grundschulen, acht Mittelschulen und die Freie Waldorfschule im Landkreis Haßberge, findet, "ein guter Lehrer sollte einladen, Mut machen und inspirieren". Wie wichtig dieser pädagogische Anspruch ist, beweisen Studien. Laut UN-Kinderhilfswerks Unicef hat rund die Hälfte aller 13- bis 15-Jährigen weltweit (150 Millionen Betroffene) bereits Gewalt oder Mobbing durch Mitschüler erlebt oder ist in eine Schlägerei verwickelt gewesen. Ähnliche Ergebnisse lieferte kürzlich eine repräsentativ Studie für die Situation in Deutschland. Die Bertelsmann-Stiftung hatte bundesweit 3448 Schüler befragt. Zwei von drei Schülern gaben an, im Lauf der letzten Wochen im Bereich der Schule mit Hänselei, Ausgrenzung oder gar Schlägen konfrontiert gewesen zu sein. Dabei blieben Erlebnisse außerhalb der Schule oder in den sozialen Medien noch ausgeklammert. Unicef-Chefin Henrietta Fore warnt: Kurzfristig störe so etwas das Lernen, "langfristig kann es zu Depression, Ängsten und sogar Suiziden führen."

An Schulen im Landkreis Haßberge sind Gewalt und Mobbing laut offiziellen Informationen relativ selten. Doch viele derartige Vorfälle dringen nicht an die Öffentlichkeit, werden womöglich nicht einmal bemerkt. Oft fehlt Kindern der Mut, darüber zu sprechen.

Doch welche Eltern kennen nicht die Situation, wenn etwa die Elfjährige weinend aus der Schule kommt, weil sie und ihre Freundin wegen ihrer Zahnspangen als "Chain-Gang" verlacht wurden, oder wenn der Achtjährige mit Schramme im Gesicht stolz verkündet: "Den alten Angeber haben wir heute nach der Schule gemeinsam mal richtig verdroschen!"

Unicef ruft Schulen weltweit dazu auf, Kinder mit Präventionsmaßnahmen besser vor Gewalt und Mobbing zu schützen. Ein Ansatz in diesem Sinn ist das Netzwerk "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage". 1995 gegründet, gehören dem Projekt des Vereins "Aktion Courage" heute mehr als 3100 Schulen bundesweit, 636 in Bayern an. Das macht die Initiative zu Deutschlands größtem Schulnetzwerk. Schüler und Lehrer wenden sich bewusst gegen jede Form von Diskriminierung, Mobbing und Gewalt an ihrer Schule.

Im Landkreis Haßberge engagieren sich die Mittelschule Haßfurt, die Dr.-Jakob-Curio-Realschule Hofheim, die Dominikus-Savio-Schule Pfaffendorf, die Walburg-Realschule Eltmann und - als ältestes Mitglied in der Runde der Courage-Schulen - das Friedrich-Rückert-Gymnasium Ebern. Die Eberner tragen den Titel seit dem Jahr 2012.

Wie an anderen Netzwerkschulen haben sich dort mindestens 70 Prozent aller Schüler, Lehrer und des sonstigen Personals per Unterschrift verpflichtet, sich aktiv einzumischen und regelmäßig Projekttage zum Thema durchzuführen. In der Selbstverpflichtung heißt es: "Wenn an meiner Schule Gewalt geschieht, diskriminierende Äußerungen fallen oder diskriminierende Handlungen ausgeübt werden, wende ich mich dagegen und setze mich dafür ein, dass wir in einer offenen Auseinandersetzung mit diesem Problem gemeinsam Wege finden, zukünftig einander zu achten."

Nachhaltige Bemühungen

"Das Ziel wird nachhaltig und durch vielfältige Aktionen verfolgt", sagt Martin Wolf. Der Studienrat betreut die Aktionen am Eberner Gymnasium seit 2012. "Es geht um Offenheit und Toleranz gegenüber anderen und Andersdenkenden", erklärt er, und "darum, dass wir Vorbilder für unser soziales Umfeld werden und uns nicht davor scheuen, Hilfe zu geben und diese auch von anderen anzunehmen." Zivilcourage sei gefragt: "So können wir das Miteinander stärken."

Wolf, zugleich Fachreferent der Ministerialbeauftragten für Schülermitverantwortung und Schülerzeitung für die Gymnasien in Unterfranken, berichtet von Ausstellungen zu Migration und Rechtsradikalismus, Aktionen zum Weltaidstag und zum internationalen Tag gegen Rassismus. Die Schule bot inklusive Sportstunden, Projekttage zu Umwelterziehung, Menschenrechtsbildung und zum interkulturellen Lernen, Aktionen mit Asylbewerberkindern, Spendenläufe oder einen Selbsterfahrungsparcours zum Weltflüchtlingstag an. Solche "Best-Practice-Beispiele" können auch die anderen Courage-Schulen im Kreis vorweisen.

"Gerade die politischen Entwicklungen der letzten Jahre fordern uns dazu auf, Mut zu haben", hat Haßfurts Bürgermeister Günther Werner bei der Verleihung des "Schule mit Courage"-Titels an die Albrecht-Dürer-Mittelschule in der Kreisstadt im März gesagt: "Mut zu haben, gegen Hass anzugehen. Mut zu haben, seine Angst zu überwinden, Mut zu haben, gegen das braune Gedankengut standhaft zu sein und es zu bekämpfen".

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