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Kulmbach
Leserbrief

Bürger will geführt werden

Zum mancherorts recht heftigen Kommunalwahlkampf im Landkreis Kulmbach erhielten wir folgende Zuschrift: Die Kommunalwahlen im Freistaat Bayern haben uns mal wieder in Erinnerung gebracht, was regiona...
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Zum mancherorts recht heftigen Kommunalwahlkampf im Landkreis Kulmbach erhielten wir folgende Zuschrift: Die Kommunalwahlen im Freistaat Bayern haben uns mal wieder in Erinnerung gebracht, was regionaler Wahlkampf, wenn es um die Chefsessel in den Rathäusern und den Gremien geht, bedeutet. Da wird mit allen Mitteln, teilweise weit unter der Gürtellinie, versucht, seinen Mitbewerber in Misskredit zu bringen.

Das Prinzip ist immer das gleiche: Ich suche bei meinem politischen Gegner nach persönlichem Fehlverhalten, am besten sind es gar moralische Verfehlungen, denn dafür zeigt sich der deutsche Wähler besonders empfänglich, geht es doch darum, mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Betrachtet man moralische Verfehlungen, dann scheint es aus deutscher Sicht nahezu völlig ausgeschlossen, dass Präsidenten wie Trump in den USA, Erdogan in der Türkei oder auch früher Berlusconi in Italien gewählt und sogar wiedergewählt werden konnten. Werden sie aber.

Wenn ich mich mit Mandanten unterhalte, die ihre Wurzeln in den USA, in Italien oder in der Türkei haben, und ich sie frage, wie das möglich ist, kommt eine triviale und für uns Deutsche ernüchternde Haltung zum Vorschein.

Sie verweisen bei allen bekannten Verfehlungen auf das große Ganze und sehen in erster Linie das, was positiv für das jeweilige Land erreicht wurde. Nicht dass man deswegen das Fehlverhalten billigen würde, aber der Erfolg für das Land steht an erster Stelle. Ich bin alles andere als ein politischer Mensch und auch kein Mitglied einer Partei. Und gewählt habe ich eigentlich schon fast alles, je nach Alter und persönlicher und politischer Situation.

Aber angesichts der in den letzten Wochen miterlebten Wahlkampfmoral schäme ich mich ein Stück weit für meine Heimat Kulmbach. Anstatt die Ziele der eigenen Politik und die favorisierten Mittel zur Zielerreichung dem Wähler zur Abstimmung anzubieten, wird mit dem Finger auf die Verfehlungen anderer gezeigt.

Der Bürger will geführt werden. Und er hat auch das Recht darauf. Wenn er sich schon Politik und Gesetz unterordnet, will er wenigstens verantwortungsvoll geführt werden.

Mein Appell an alle, die Führung als ihre Berufung sehen und sich gerne der Verantwortung stellen - und das sind leider nur sehr wenige - ist daher, die eigenen Ideen zu transportieren: Wie will ich die Kommune, die Stadt oder die Region positiv entwickeln. Aber hört auf, die Verfehlungen anderer breitzutreten. Das rechtfertigt keineswegs die Verfehlungen. Es ersetzt aber ebenso wenig den eigenen Fleiß in der Sache für den Bürger.

Gerald Weinrich

Kasendorf