Bamberg

Buchenwald und Buchenwald

Buchenwald, Vergaser und LTI: Prägt die Sprache der Nationalsozialisten unseren Alltag? Ein Gastbeitrag des Bamberger Germanisten Rolf-Bernhard Essig - aus aktuellem Anlass.
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Ein historisch unverfänglicher Blick in einen Wald voller Buchen Foto: imago/mm images
Ein historisch unverfänglicher Blick in einen Wald voller Buchen Foto: imago/mm images

Ü ber Jahrhunderte klang der Satz verheißungsvoll: "Stadtluft macht frei." Leibeigene oder in unterschiedlichen Graden von Knechtschaft Lebende konnten von bürgerlicher Freizügigkeit nur träumen. Eine Landesausstellung über Städtegründungen in Bayern sollte 2020 diesen Titel tragen.

Da fühlte sich Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern, vom Titel zu stark an "Arbeit macht frei" erinnert, der in oder über den KZ-Toren von Dachau, Theresienstadt, Groß-Rosen, Auschwitz zu lesen war. Nach einem Gespräch zwischen Richard Loibl, Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte, und Knobloch einigte man sich auf den neuen Titel: "Stadt befreit".

Erinnert aber das Wort "Buchenwald" an ein KZ oder eher an den Steigerwald? Erinnert uns "Vergaser" an den Judenmord oder ein Auto?

Erinnert uns "Führerschein" an Adolf Hitler oder einen grauen Lappen? Man könnte lange so fortfahren, gerade im Bereich des Sprichwörtlichen. Ist "suum cuique" erträglich, die deutsche Übersetzung "Jedem das Seine" nicht, weil es im Lagertor Buchenwalds integriert war? Es war Hans Wollschläger, der in einer Diskussion einmal dringend dazu aufrief, den Nazis die Sprache nicht kampflos zu überlassen. Deren vergiftenden Einfluss erkannte der Sprachmeister und -analytiker besser als die meisten, und doch plädierte er dafür, Wörter zu befreien, die von den Nazis oft nur missbraucht worden waren.

Lateinische Ursprünge

Nehmen wir "Arbeit macht frei". Lorenz Diefenbach verwendete das 1872 als Titel eines Romans, der Arbeit erzieherisch-rettenden Charakter attestierte. Der Autor konnte auf viele Modelle zurückgreifen: auf "Arbeit macht reich", mit Vorgängern bis zu lateinischen Ursprüngen, "Stadtluft macht frei" natürlich und "Bildung macht frei".

Das Motto erfand der Lexikograph Carl Joseph Meyer als Werbespruch für seine erfolgreiche "Groschenbibliothek der deutschen Klassiker". Über die Austrofaschisten gelangte der Satz in Kreise deutscher Nazis, die ihn dann mit bis heute nicht genau geklärten Motiven in KZ-Tore integrierten.In den Erinnerungen Ruth Klügers "weiter leben" liest man allerdings, dass weitere sprichwörtliche Redensarten in den Baracken durch die Häftlinge selbst angebracht werden mussten, zu denen "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold" oder "Leben und leben lassen" gehörte. Weil von diesem Missbrauch heute kaum jemand weiß, gelten diese Sprichwörter als nicht kontaminiert.

Die kritische Analyse der NS-Sprache im Alltag hatte schon einmal Hochkonjunktur - direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Werke wie "Aus dem Wörterbuch des Unmenschen" von Sternberger, Storz und Süskind sowie "LTI" - Abkürzung für "Lingua Tertii Imperii", also "Sprache des Dritten Reichs" - von Klemperer entwickelten enormen Einfluss.

Das Wort "Betreuung" vermieden Journalisten über Jahrzehnte, ähnlich "durchführen", "Schulung", "Kulturschaffende" und viele andere, dazu Funktionsverbkonstruktionen wie "zum Abschluss bringen" für "abschließen", weil sie im "Dritten Reich" propagandistisch und ideologisch aufgeladen waren.

Man sah sie als manipulative Sprach-Vorarbeit, um die "Ausschaltung" der Gegner und die "Vernichtung der jüdischen Rasse" (Hitler) zu erleichtern.

Nach 1945 leisteten diese Autoren bedeutende Aufklärungsarbeit, entfalteten - gerade in den Medien - eine lang anhaltende Wirkung, die freilich fast vergessen ist. Es lohnt sich, die Werke wieder zu lesen. Man lernt daraus, wie differenziert die Autoren Wörter und ihren Gebrauch analysierten, genauso freilich, wo sie übers Ziel hinausschossen.

Schon damals übrigens tobte ein Streit um Sprachkritik, um gute und böse Sprache, Sprechverbote, Nachlässigkeiten, Verräterisches, Verrohungstendenzen.

Böse Redewendung

Die hochgebildeten Klemperer, Sternberger, Storz, Süskind wussten, dass "Jedem das Seine" ein altrömischer Rechtsgrundsatz war, den aufgeklärte Herrscher wie Friedrich II. von Preußen als liberales Motto verbreiteten. Es ging unter anderem um gerechte Verteilung gemeinsamen Wohlstands.

Sie wussten, dass "bis zur Vergasung" eine böse Redewendung aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs war, dass "polnische Wirtschaft" lange Zeit vor den Nazis existierte. Der komplexen Geschichte des Ausdrucks ging vor kurzem Hubert Orlowski in einem über 500 Seiten starken Werk auf den Grund. Muss man nun erst Geschichte studieren, am besten noch Sprachwissenschaft, um heutzutage unverfänglich zu sprechen? Nein, obwohl es immer gut ist, viel darüber zu wissen, was man von sich gibt. Auch wenn ich als Historiker und Sprachliebhaber die Umbenennung der Ausstellung für übertrieben und falsch halte, ist für mich klar: Weder macht sich Charlotte Knobloch lächerlich, weil sie ein feines Gespür für die NS-Spuren in unserem Alltag hat, noch ist jemand gleich ein Nazi, weil er Ausdrücke verwendet, die eine vermutete Beziehung zum "Dritten Reich" haben.

Am meisten schadet reflexartige Empörung mit sich blitzschnell aufschaukelnden Folgen. Klar hat man bei Wörtern wie "Zigeunerschnitzel", "Zwitter" oder schon "Mohrenapotheke" mit polemischen Reaktionen zu rechnen. Dann sollte man in der Lage sein, sich mit seinem Gegenüber zu besprechen: ergebnisoffen. Es gibt schließlich Hundertausende schöne Wörter im Deutschen und damit die Wahl, aufgeladene Ausdrücke zu ersetzen, zu erneuern oder sie als historisch vielsagend in Anführungszeichen zu setzen und doch zu bewahren.

Rolf-Bernhard Essig ist Sprichwort-Experte, Germanist und Historiker aus Bamberg. Essig erhielt 2018 den Walter-Serner-Preis und mit seiner Frau Gudrun Schury den Berganza-Preis.

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