Pfaffendorf

Bluttat schockt den Landkreis

Zum Aufreger kurz vor Ende der 80er Jahre wurde der Raubmord an einem harmlosen Rentner aus Pfaffendorf. Später ergaben sich Verbindungen zum Mord am Münchener Schickeria-Star Walter Sedlmayr.
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Die Schlagzeile im Fränkischen Tag vom 11. Oktober 1989: Details im Zusammenhang mit dem Pfaffendorfer Mord sollten später noch bundesweit Aufsehen erregen.  Repro: MH
Die Schlagzeile im Fränkischen Tag vom 11. Oktober 1989: Details im Zusammenhang mit dem Pfaffendorfer Mord sollten später noch bundesweit Aufsehen erregen. Repro: MH
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Der Herbst 1989 hatte es in sich. Natürlich wegen der Grenzöffnung und der Goldgräberstimmung, die sich damals breitmachte - auch in der FT-Redaktion in Ebern. Für mich persönlich aber wegen eines Einsatzes bei einem brutalen Mordfall, der den gesamten Landkreis aufschreckte. Als Jungredakteur geriet ich damals unbefangen in die Geschichte, die später noch bundesweit Aufsehen erregen sollte.

"Fahr mal schnell nach Pfaffendorf", da ham'se einen erschlagen", lautete die Anweisung im Redaktionsbüro. Knapp wie immer. "Das Haus siehste dann schon, da is Polizei." Tatsächlich stand ein gewöhnlicher VW-Bus vor dem unscheinbaren Fachwerkhaus in der Hauptstraße. Weil da weder jemand postiert, noch eine Absperrung zu entdecken war, stolperte ich durch die unversperrte Haustüre. Hier bot sich ein Bild, wie ich es heute aus Tatort-Krimis kenne, damals jedoch nie zuvor gesehen hatte. Im Treppenhaus, wie auch in der Küche überall Blut, Durcheinander und offenkundig Spuren eines Kampfes. Die Leiche hatte man bereits abtransportiert - zum Glück! Polizisten im Haus beachteten mich nicht - als wäre ich Mitarbeiter der Spurensicherung. Eher mechanisch drückte ich mehrmals auf den Auslöser meiner Kamera und sah zu, dass ich wieder nach draußen kam. Heutzutage hätte die Presse in solchen Fällen keinen Zugang mehr, ein Tatort ist akribisch abgeriegelt.

Sofort brachial zugeschlagen

Über die Kripo in Schweinfurt erfuhr ich später, was da Schreckliches geschehen war: Ein 72-Jähriger war Opfer eines brutalen Raubüberfalls geworden. Mehrere Täter waren in das Haus des Witwers eingedrungen, hatten den Rentner mit schweren Schlägen auf den Kopf niedergestreckt und die Wohnung nach Wertsachen durchsucht. Man umwickelte den Kopf des Schwerverletzten mit Klebeband, damit er nicht schreien konnte, und ließ den Mann in seinem Blut auf dem Küchenboden liegen. Ein Jagdkollege hat die Leiche erst am Abend des Folgetages entdeckt. Die Eindringlinge sollen, wie die Polizei damals ermittelte, Bargeld, eine Pistole und sechs Jagdgewehre erbeutet haben. Heute denkt man sogleich an Reichsbürger und Gefahr, wenn jemand Waffen offen im Haus aufbewahrt. Zu jener Zeit war das erlaubt und der Getötete war Jäger. Nachbarn charakterisierten ihn als ruhigen und angesehenen Mann, der niemandem etwas zuleide tun könnte.

Der Fall sollte mich noch Jahre verfolgen, nicht nur in Träumen - auch in der Berichterstattung. So als die Polizei, Tauchgänge im Pfaffendorfer Anglersee anordnete und damit einer von Hunderten möglichen Spuren nachging. Man hoffte, die Waffen zu finden. Vergebens.

Eines der Gewehre aus Pfaffendorf tauchte erst zwei Jahre nach dem brutalen Überfall wieder auf und führte zur Ermittlung der Täter. Die Sonderkommission der Schweinfurter Kripo hatte ihre Fahndung zeitig nach München ausgedehnt. Doch erst in Zusammenhang mit dem Mord an dem bekannten Münchener Schauspieler Walter Sedlmayr im Juli 1990 gelang der Durchbruch. Die Polizei stellte in Sedlmayrs Umfeld Waffen sicher, auch eine der verschwundenen Schrotflinten aus Pfaffendorf. Auf diese Weise kamen die Beamten drei Jugoslawen auf die Schliche, einem Kellner und zwei Kfz-Mechanikern, die zur Tatzeit 18, 19 und 23 Jahre alt waren. Einer von ihnen, der spätere Kellner, hatte, wie sich herausstellte, seine Jugend im Pfaffendorfer Dominikus-Savio-Heim verbracht, kannte die Örtlichkeiten dort und auch den Rentner und Waffenbesitzer.

Zum Morden in die Haßberge

Wie die Polizei ermittelte und Teilgeständnisse bestätigten, hatte sich das Trio in München gezielt verabredet, um dem Rentner Waffen und Bares zu stehlen. Die Drei fuhren mit einem gestohlenen Geländewagen in die Haßberge und später, nach der Tat, blutbesudelt wieder zurück an die Isar. Die übrigen geraubten Jagdwaffen sollen ins damalige Jugoslawien verkauft worden sein.

1991 konnten zwei der Täter gefasst werden, der Kellner aber hatte sich rechtzeitig ins Ausland abgesetzt. Für eine Aussage im Fall Sedlmayr kehrte er später nochmals nach Deutschland zurück, allerdings nur kurzzeitig. Die Behörden hatten ihm freies Geleit zugesichert. Einer seiner Komplizen, der für den Pfaffendorfer Raubmord nach Jugendstrafrecht verurteilt wurde, soll 1995 nach einem Tankstellenüberfall einen Polizisten erschossen und eine Beamtin schwer verletzt haben. Er wurde dafür zu lebenslanger Haft verurteilt.

Ich persönlich habe in meiner langen Journalistenlaufbahn, vor allem in Zusammenhang mit Unfällen, noch viel Blut und Leid gesehen. Zum Glück aber nie mehr derart erschütternde Spuren eines Ringens mit dem Tod.

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