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Poxdorf
Unser Thema der Woche // Natur

Blick aufs Ungezähmte und Vogelwilde

Der in Poxdorf lebende Berndt Fischer erforscht mit seiner Kamera das Grenzland zwischen Bayerischem und Böhmerwald. In seinem aktuellen Buch zeigt er, dass wir die Natur nur erhalten können, wenn wir ihre Wildheit akzeptieren.
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Ekkehard Roepert Poxdorf —  Wer, wie Berndt Fischer, die Schönheit und Wildheit der Natur aufspürt, begegnet zwangsläufig auch ihrer Zähmung und Zerstörung. Der 70-jährige Tier- und Landschaftsfotograf aus Poxdorf erforscht in seinem jüngsten Foto- und Essayband beides: die atemberaubende Faszination einer Natur, die davon lebt, dass der Mensch nicht in sie eingreift; und das gefährliche Weltbild der Menschen, die sich als Sieger der Evolution fühlen und die Zerstörung in Kauf nehmen.

Berndt Fischer erhebt den Anspruch, "Naturschönheiten auf den Begriff zu bringen", sie in "fotografische Poesie" zu übersetzen.

Angst vor dem Wilden

Dabei konfrontiert er "die Angst der Menschen vor allem Wilden" mit der Faszination für ein Tierleben, das den "Status der Ungezähmtheit" genießt. Das Forschungsareal des aus der Oberpfalz stammenden Fotografen ist die abgeschiedene Gegend des alten Böhmen. Der Weg dorthin, der ihm lange vor der Öffnung des Eisernen Vorhangs vertraut war, sei immer auch eine Reise in die eigene Kindheit gewesen.

Urwaldrelikte

Großflächige Moore, sumpfige Flusstäler, endlose Wälder: "Im Nationalpark Šumava und im Nationalpark Bayerischer Wald", erklärt Berndt Fischer, "haben sich Bestandteile einer urtümlichen Natur erhalten". Und in ihr "Urwaldrelikte und eine sich selbst überlassenen Dynamik".

Zurück zur Natur

Das jüngste Werk des Poxdorfer Fotografen trägt den Titel "Wildfremd". Wie in seinen bisherigen Büchern beschreitet Berndt Fischer "sowohl ästhetisch wie auch gedanklich" einen Weg zurück zur Natur. Ohne die Begegnung mit tschechischen Naturkennern wäre diese Vorgehensweise undenkbar gewesen: "Ich fühle mich dem grenzüberschreitenden Gedanken verpflichtet", sagt Fischer. Daher hat er sein achtes Buch auch mit zweisprachigen Kapitelüberschriften und Bildunterschriften ausgestattet.

Vier Jahrzehnte Foto-Jagd

Seit 40 Jahren ist Berndt Fischer mit der Kamera in der Natur unterwegs. Immer verstand er sich auch als Naturschützer und engagierte sich in entsprechenden Verbänden. Doch wer ihn fragt, was er mit seinem neuesten Buch bezwecke, dem wird er antworten: "Nichts!" Stattdessen plädiert er darin für eine "Haltung des interesselosen Wohlgefallens" und im Angesicht der Tierwelt für eine "geheimnisvolle Selbstgenügsamkeit". Das Wichtigste, hebt Berndt Fischer hervor, sei die Zweckfreiheit. Demnach stehen seine Bilder und Texte auch für eine Form der Spiritualität, die eine neue Sichtweise auf die Welt eröffnet. Während auf dem gesamten Globus Tiere benutzt, Landschaften eingeebnet und zu Stellflächen reduziert werden, führt Fischer eine wilde Natur vor Augen, in der sich Tiere frei entfalten.

Sinnfrage bleibt offen

Er könne die Sinnfrage nicht beantworten, sagt der 70-Jährige. Aber er sei in der Lage, in der Zweckfreiheit der Natur ein Stück Sinn zu erkennen: "Als Naturfotograf bist du in einem Strudel - du gehst darin auf." Jeder sei in der Lage, dies wahrzunehmen. Mit den Urwaldrelikten aus dem Bayerischen und dem Böhmerwald bietet Fischer reiches Anschauungsmaterial. "Sie zeigen uns", schreibt Berndt Fischer, "wie es vielleicht einmal wieder aussehen könnte. Wenn das Ungezähmte und Vogelwilde wieder als gleichberechtigte Existenzform des Lebens zugelassen würde. An den nicht-menschlichen Tieren würde es nicht scheitern."