Bad Kissingen

Berührend und nachdenklich

In "Der Lärm der Zeit" zeichnet Julian Barnes das zyklische Auf und Ab im Leben des einst berühmtesten, zwischendurch geächteten Musikschaffenden Dmitri Schostakowitsch.
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Sigismund von Dobschütz Ein beachtenswertes Buch über den russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) ist die 2017 erstmals auf Deutsch, im Herbst 2018 als Taschenbuch erschienene Romanbiographie "Der Lärm der Zeit" des britischen Man-Booker-Preisträgers Julian Barnes (73). In vier Zeitschritten von jeweils zwölf Jahren zwischen 1936 und 1972, von der "schlimmsten" bis zur "allerschlimmsten" Zeit, beschreibt Barnes das zyklische Auf und Ab im Leben des einst berühmtesten, zwischendurch geächteten Musikschaffenden aus dessen (fiktiver) persönlicher Sicht, basierend auf historischen Fakten und Dokumenten der Familie. Der Roman zeigt eindringlich die Macht- und Hilflosigkeit des Einzelnen innerhalb eines diktatorischen (Stalin) oder später autokratischen Systems (Chruschtschow). Er zeigt den einsamen und doch vergeblichen Kampf des still zurückhaltenden, sensiblen Musikers gegen den "Lärm der Zeit".

Im Mai 1937 wartet Schostakowitsch Nacht für Nacht neben dem Fahrstuhl seiner Leningrader Wohnung in der Annahme, Stalins Geheimpolizei werde ihn abholen. Der einst als 20-Jähriger gefeierte Komponist ist bei Stalin und seinen Höflingen in Ungnade gefallen, nachdem dem Diktator seine erste Oper missfallen hatte. Nach Jahren der Angst, folgen die Jahre der Demütigung. Der im Ausland gefeierte Komponist wird von Stalin 1948 als sowjetisches "Aushängeschild" zum Weltfriedenskongress nach New York geschickt. Unter totaler Kontrolle hält er ihm geschriebene Reden und muss sogar den von ihm verehrten, seit 1940 in den USA lebenden Exil-Russen Igor Strawinsky "verraten".

Schostakowitsch hat sich der Macht gebeugt und tut es weiterhin, auch nachdem mit Chruschtschow eine scheinbare Liberalisierung eingetreten ist. 1960 feiert man den von Stalin Geächteten plötzlich als Helden der Sowjetunion. Doch noch immer lebt Schostakowitsch unfrei.

Der Komponist fügt sich in sein Schicksal und tritt schließlich, von den Machthabern gezwungen und zum Schutz der Familie, in die Partei ein. Ist es verwerflich, sich der Macht zu beugen? Dies ist die Kernfrage dieses Romans des britischen Autors. Schostakowitsch ist völlig unpolitisch, er will nur in Ruhe und Frieden komponieren. Doch das System lässt ihm diese Ruhe nicht.

Für uns Deutsche, denen der Terror der Nazi-Diktatur und der Schrecken des DDR-Regimes näher ist, sind die beschriebenen Vorkommnisse und die Fragestellung des britischen Schriftstellers nicht neu. Dennoch berührt Julian Barnes' Roman und stimmt nachdenklich. Die persönliche Sicht des Komponisten auf die Geschehnisse und das Miterleben seiner Ängste, seiner Vereinsamung und Depressionen, die ihn oft an die Grenze des Freitods führen, machen den Text so beklemmend. "Es war schon so weit gekommen, dass er sich beinahe täglich dafür verachtete, der Mensch zu sein, der er war. Er hätte vor Jahren schon sterben sollen." So muss schließlich der alternde Musiker den letzten Triumph der Machthaber anerkennen: "Statt ihn umzubringen, hatten sie ihn leben lassen. Indem sie ihn leben ließen, hatten sie ihn umgebracht."

Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch starb 1975 im Alter von 77 Jahren.

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