Bamberg

Beklemmende Aktualität

Der Schriftsteller Nikolaj Leskow hat 1886 eine Parabel vom Christen Theodor und seinem jüdischen Freund Abraham geschrieben, die ins Heute passt. Im Brentano-Theater wird sie gelesen.
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Marion Krüger-Hundrup Maxim Gorki hielt seine Bücher für geschriebene Ikonen, Tolstoi sah in ihm den russischsten aller Autoren. Seine Geschichten hörte er dem Volk ab und verarbeitete sie in kühnen Sprachexperimenten. Von vielen Zeitgenossen angefeindet, ist Nikolaj Leskow (1831-1895) der vielleicht eigentümlichste Schriftsteller unter den großen russischen Realisten. Martin Neubauer, Prinzipal des Bamberger Brentano-Theaters, hat Leskow wieder entdeckt: "Er wird hierzulande sonst etwas vernachlässigt", bedauert Neubauer.

Er hat speziell für die Fastenzeit und Karwoche eine ganz besonderes Werk Nikolaj Leskows ausgegraben: "Die Geschichte vom Christen Theodor und von seinem Freund, dem Juden Abraham". Es ist die Geschichte einer zunächst ungetrübten Freundschaft zwischen Nachbarn, die "viele Jahre glücklich und einträchtig lebten". Bis sich mit einem Schlag alles ändert, weil einflussreiche Leute "die Menschen nach ihren Religionen trennen". Doch am Ende siegen Verstand und Liebe.

Diese Parabel, die Leskow 1886 geschrieben hat, "könnte in ihrer beklemmenden Aktualität in unseren Tagen entstanden sein", sagt Martin Neubauer. Denn dieses Stück sei ein "anrührender und weiser Aufruf zu respektvollem, liebevollem Miteinander der unterschiedlichen Religionen". Ein gläubiger Christ protestiere gegen jede Form von Antisemitismus, zieht Neubauer das Fazit aus Leskows Werk.

Der russische Schriftsteller, der ansonsten auch Satiren auf die offizielle orthodoxe Kirche verfasste, erweist sich darin als starke Stimme für religiöse Toleranz und moralische Tugend. Und zwar in einem virtuosen Erzählstil, der fesselt. Martin Neubauer und sein Schauspielerkollege Carl Herbert Braun aus Köln gestalten nun diese Geschichte als Wechsel-Lesung. Braun ist seit 25 Jahren immer wieder im Brentano-Theater inszenierend und lesend zu erleben.

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