Ebermannstadt

Bedürfnisse der Demenzkranken

Auf Burg Feuerstein erfahren pflegende Angehörige, worauf sie bei ihren kranken Familienmitgliedern achten sollten: Es gibt körperliche und soziale Bedürfnisse, den Wunsch nach Sicherheit und auch nach Selbstverwirklichung.
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Während die Demenzkranken von den Ehrenamtlichen betreut werden, erklärt Stephan Seeger den Angehörigen auf Burg Feuerstein die Bedürfnispyramide.  Foto: Carmen Schwind
Während die Demenzkranken von den Ehrenamtlichen betreut werden, erklärt Stephan Seeger den Angehörigen auf Burg Feuerstein die Bedürfnispyramide. Foto: Carmen Schwind

Die Pflege eines demenzkranken Angehörigen ist anspruchsvoll. Und sie kann an der Kraft des Pflegenden zehren. Deshalb sind Auszeiten sehr wichtig. Doch ein Urlaub in einem Hotel ist mit einem Demenzkranken nicht immer möglich. Eine Alternative ist hier die fünftägige Auszeit für Demenzkranke und ihre Angehörigen an der Katholischen Landvolkshochschule Feuerstein (KLVHS) in Ebermannstadt.

Auch in diesem Herbst haben Birgit Pohl von der Fachstelle für pflegende Angehörige bei der Diakonie und ihr Team von ehrenamtlichen Helfern auf den Feuerstein eingeladen. Gekommen sind Paare aus der Region, aus Berlin und aus München.

Auch nicht immer die Jüngsten

Die demenzkranken Gäste werden von den ehrenamtlichen Helfern liebevoll betreut, während sich die Angehörigen austauschen, informieren oder sogar eine Tour unternehmen können. "Ich mache immer einen Ausflug mit den Angehörigen nach Forchheim. Denn die sind meistens auch nicht mehr die Jüngsten, und da kann man hier gut Stadtführungen machen", erzählt Birgit Pohl.

Stimmung ist gelöst

Bereits im Bus nach Forchheim ist die Stimmung gelöst, denn die Angehörigen wissen, dass ihre Liebsten gut versorgt sind. "Einige haben erst ein schlechtes Gewissen, weil sie meinen, den Demenzkranken nicht alleine lassen zu dürfen. Aber die Besucher, die schon mal bei uns waren, trösten sie und erklären ihnen, dass sie sich keine Sorgen machen müssen", erläutert Birgit Pohl.

Weiter sagt sie, dass es wichtig sei, dass die Angehörigen auch mal loslassen können und Zeit für sich haben. Während der Auszeit hat jeder Demenzkranke einen Betreuer, der sich kümmert und aufpasst; nichts muss unangenehm sein.

Die Angehörigen können sich derweil über Forchheim informieren oder können in der Stadt einkaufen. Danach geht es dann ans Kuchenbuffet vom Café Schmitt. Abends treffen sich alle wieder am Feuerstein und setzen sich zusammen, um den schönen Tag ausklingen zu lassen.

Vormittags haben die Angehörigen auch die Möglichkeit, Kurse zu besuchen, während die Ehepartner mit den Ehrenamtlichen tanzen, singen, basteln oder spielen. Leiter des Kurses ist Stephan Seeger von der Caritas. Zu Beginn geht er auf Fragen ein, die die Zuhörer bewegen. An diesem Tag ist es die Frage, ob die Angehörigen ebenfalls an Demenz erkranken können.

Demenz ist nicht ansteckend

"Demenz ist nicht ansteckend. Allerdings kommt man nicht mehr so oft raus, wenn man einen Partner pflegt. Da ist die Gefahr, dass man selbst verwaist", antwortet Seeger.

An diesem Morgen geht es um die Kommunikation mit Demenzkranken, denn diese kann nicht auf der Sachebene geführt werden. "Man muss immer gut sein und alles schön erklären", sagt eine Dame. Ein Mann antwortet: "Ja, und das manchmal 20 Mal." Da schüttelt eine andere Dame traurig den Kopf und meint: "Ich wäre froh, wenn mich mein Mann 20-mal etwas fragen würde. Bei uns herrscht das große Schweigen."

Die Angehörigen können sich im Kurs austauschen und erhalten eine neue Sicht auf ihre Situation. Eine Dame erzählt, dass ihr Mann, wenn sie hin und wieder ausgehen, dann plötzlich heim will. "Meiner sagt immer nur Ja oder Nein", ergänzt eine andere Kursteilnehmerin. Eine weitere Frau berichtet, dass ihr Mann einerseits nachfragt, andererseits dann schimpft, wenn sie etwas erklärt.

Eine Dame erzählt, dass sie ihren Mann nach der Tagespflege immer fragte, was er denn gegessen habe, und der antwortete "Hackbraten". Sie fragte bei der Tagespflege nach, ob es denn nichts anderes gebe, und erfuhr, dass es gerade an diesem Tag Apfelstrudel gegeben hatte.

Stephan Seeger erklärt den Teilnehmern, dass man mit Demenzkranken nicht auf der Verstandesebene kommunizieren könne: "Das ist wie mit einem Eisberg. Oben sind die wahrnehmbaren Äußerungen, aber es gibt viel mehr nicht sichtbare Bedürfnisse. Deshalb benötigen Demenzkranke eine einfühlsame Kommunikation."

Die große Frage sei: "Was ist Wahrheit bei der Demenz?" Der Kursleiter erklärt die sogenannte Bedürfnispyramide: Die Basis sind hier die körperlichen Bedürfnisse wie Essen, schmerzfrei sein oder Bewegung. Will der Demenzkranke beispielsweise heim, solle man nicht fragen, warum, sondern klären, ob er eben Hunger oder Schmerzen hat. Die nächste Ebene ist die Sicherheit. Das heißt, der Kranke möchte verstehen oder hat Angst. Auch das könnte ein Grund dafür sein, warum der Demenzkranke aus dem Beispiel heim will. Die dritte Ebene sind die sozialen Bedürfnisse; er möchte kommunizieren oder dazugehören. Im Beispiel fühlt sich der Kranke vielleicht nicht angenommen.

Die oberste Ebene

Die nächste Ebene ist das Geltungsbedürfnis. Hier möchte der Demenzkranke noch wichtig sein. Und die oberste Ebene ist die Selbstverwirklichung. Je weiter die Demenz fortgeschritten ist, umso mehr geht es um die unteren Ebenen. Das bestätigen auch die Teilnehmer. Und eine Dame meint: "Aber am wichtigsten ist es, ihm immer wieder zu sagen, dass man ihn gern hat."

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