Bamberg

Bamberger Gesprächstherapie

Auf Einladung des Wirtschaftsclubs diskutierten Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft hitzig die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Bamberg. Die Absage des Zugpferds fiel nicht ins Gewicht.
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Auf dem Podium saßen (v. l.) Sebastian Gatz, Hans-Josef Fell, Bernd Westphal und Moderator Claus-Christian Carbon.  Foto: CR Fotografie
Auf dem Podium saßen (v. l.) Sebastian Gatz, Hans-Josef Fell, Bernd Westphal und Moderator Claus-Christian Carbon. Foto: CR Fotografie
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Christoph Hägele Falls Wilfried Kämper befürchtet haben sollte, mit seiner Nachricht einen enttäuschten Exodus aus dem Hallstadter Kulturboden zu provozieren, dann dürften dem Vorstand des Wirtschaftsclubs Bamberg am Montag mehrere Steine vom Herzen gefallen sein.

Als Zugpferd und Aufmerksamkeitsmagnet für seine Veranstaltung "Autoland Deutschland - widerspricht sich Ökologie und Ökonomie?" hatte der Wirtschaftsclub Sigmar Gabriel fest eingeplant. Am Sonntagabend sagte Gabriel ab, gesundheitlicher Gründen wegen.

Schwindende Strahlkraft?

Gabriels Absage quittierte das Publikum mit einigen wenigen Seufzern. Den Saal aber verließ keiner. Das mag sich mit der in Wahrheit schwindenden Strahlkraft des ehemaligen SPD-Vorsitzenden, Wirtschafts-, Umwelt- und Außenministers erklären lassen.

Mehr noch spricht die Gelassenheit aber dafür, dass es dem Publikum um die Sache ging. Und nicht um die Namen. Seinen ehemaligen Parteichef vertrat in Hallstadt Bernd Westphal. Der 59-jährige Niedersachse ist energiepolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Mit ihm auf dem Podium saßen der Grünen-Politiker und Umweltlobbyist Hans-Josef Fell sowie Sebastian Gatz in der Doppelfunktion als Physiker und Führungskraft beim Dresdner Anlagenbauer Von Ardenne.

Die Moderation übernahm der Bamberger Psychologieprofessor Claus-Christian Carbon.

Ein lebendes Labor

Zur Sache also: Die von ökologischen Zwängen befeuerten Umbrüche in der Automobilindustrie trifft die Region Bamberg mit voller Wucht.

Denn etwa 20 000 Arbeitsplätze und mit ihnen Identitäten, Lebensentwürfe, Familienmitglieder und Kaufkraft hängen am Automobil. "Die Menschen in der Automobilindustrie machen sich völlig zurecht Sorgen um ihre Arbeitsplätze", sagte Fell am Montag.

Landrat, OB und parlamentarische Mandatsträger ihrerseits haben sich entschieden, das sich abzeichnende Ende der goldenen Zeiten nicht selbstmitleidig zu betrauern und auch nicht aggressiv zu leugnen. Stattdessen will sich die Region als lebendes Labor neu erfinden. In und um Bamberg herum soll unter realen Bedingungen der Übergang vom Verbrenner zu alternativen Antrieben erprobt werden.

Zwar verliert das Alte rasant an Kraft, das Neue aber zeichnet sich bislang allenfalls in Umrissen ab. In diesem Zwischenstadium sind Menschen besonders empfänglich für Wut und für Ängste. Vonnöten ist die kommunikative Einbettung des Wandels. Auch der "Autoland"-Diskussion wohnte in diesem Sinne etwas Therapeutisches inne. Man verlieh seinen Ängsten und Wünschen Ausdruck, man hörte einander zu, man tauschte sich aus. Das große Gespräch sollte die Herausforderungen auf Dimensionen schrumpfen, die sich überblicken und bearbeiten lassen.

"Raus aus der Apathie"

Vom Bedürfnis nach Austausch zeugte allein der voll besetzte Kulturboden. Adressiert wurde das Bedürfnis nach Erklärung und Sinn auch von Claus-Christian Carbon. Der Bamberger Professor erklärte die bevorstehenden Herausforderungen zum identitätsstiftenden Projekt der Bamberger Bürgerschaft: "Wir müssen gemeinsam raus aus der Apathie."

Carbon ermunterte zur Tat, weil es Neues zu erobern gelte. Fell und Gatz mahnten zur Tat, weil Bestehendes ansonsten unwiederbringlich dem Untergang geweiht sei: Ab 2030 dürfe kein CO2 mehr emittiert werden: "Sonst hat die Menschheit keine Chance mehr. Auch in Bamberg nicht", deklamierte Fell.

Zum radikal beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien und zu ebenso radikalen Investitionen in die E-Mobilität sahen Gatz wie Fell keine Alternativen. Wo beide mit kühnen Visionen beherzt ausschritten, bremste mit Verweis auf die sozialen Folgen - Arbeitsplätze! - und demokratische Legitimationserfordernisse - Wahlergebnisse! - Bernd Westphal ihren Gestaltungsoptimismus.

Schade war dass, ein Vertreter der in Bamberg ansässigen Zulieferer auf dem Podium fehlte. Bosch-Werksleiter Martin Schultz durfte lediglich in einem als Frage getarnten Debattenbeitrag für synthetische Kraftstoffe werben. Eine Diskussion darüber entspann sich nicht.

Sorgenvoller Blick nach China

Der nächste logische Schritt im großen Gespräch der Bamberger Bürgerschaft müsste sein, zwischen den einzelnen Systemen - Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Wissenschaft - noch breitere Brücken zu schlagen. Dann beispielsweise müssten Wissenschaftler stärker als bisher die Zwänge von Politik und Wirtschaft in ihre Überlegungen miteinbeziehen.

Vielsagend in diesem Zusammenhang jedoch war schon jetzt, dass keinen der Klimawandel allein umtrieb. Kaum weniger sorgte die Teilnehmer, die maßgeblichen Produkte und Dienstleistungen des aufziehenden ökologischen Zeitalters könnten in China produziert werden. Und nicht in Bamberg oder anderswo in Deutschland.

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