Altenstein

Bald läuten die vierten Glocken

Das evangelische Gotteshaus in Altenstein erhält ein neues Geläut - bereits zum vierten Mal in 100 Jahren. Zum Guss fährt die Gemeinde im Februar nach Hessen.
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Die beiden größeren der Altensteiner Glocken haben ausgedient. Fotos: Eckehard Kiesewetter
Die beiden größeren der Altensteiner Glocken haben ausgedient. Fotos: Eckehard Kiesewetter
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Eckehard Kiesewetter Altenstein — "Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen" - In der Weihnachtsgeschichte nach Lukas (2,14) steht dieser Hymnus, das "Gloria in excelsis Deo", das in den Adventswochen häufig zitiert wird. Dieser Lobpreis wird auch auf einer der beiden Glocken stehen, welche die evangelische Gemeinde in Altenstein gerade in Auftrag gegeben hat. Das Gotteshaus erhält ein neues Geläut. Zwei der drei Glocken, die "Gloria" mit dem Lukas-Spruch und die "Rogate"-Glocke, müssen ausgetauscht werden. Rogate (lat. Gebet) heißt die andere, weil die Glocken am Kirchweihsonntag, dem Rogate-Sonntag, 17. Mai, geweiht werden sollen. Nur die älteste unter den drei Glocken, ein Messing-Guss aus dem Jahr 1922, darf ihren Platz behalten. Sie erhält lediglich einen neuen Klöppel; die beiden anderen, 1949 aus Stahl gegossen, müssen ersetzt werden.

"Der Grund sind Lufteinlagerungen. Die Glocken rosten von innen heraus", weiß Roland Holzheid, Mitglied im Kirchenvorstand. "Das war einfach keine gute Qualität in der schlechten Zeit, so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg." Ein Gutachter hatte schon vor mehr als zehn Jahren auf das Problem hingewiesen. Mehr als 70 Jahre Lebenserwartung hätten diese Glocken nicht. Damals, der Pfarrer hieß noch Jürgen Blechschmidt (heute Dekan in Rügheim), hatte sich ein Orgelbeschaffungsverein gegründet, der seither jede Gelegenheit nutzte, um bei Konzerten, Gemeindefesten und anderen Veranstaltungen Geld zu sammeln. Doch das Konto füllte sich nur langsam. Zuletzt waren rund 35 000 Euro erreicht. Erst eine hohe fünfstellige Spende der Altensteiner Modellbau-Firma Treiber machte es möglich, neue Glocken in Auftrag zu geben.

Stefan Köttig, der heutige Seelsorger der Gemeinde auf dem Burgberg, unterrichtete seine Schäfchen bei einem Gemeindeabend von der frohen Botschaft. "Ohne die Spende wären wir niemals so rasch ans Ziel gekommen", freut sich der Pfarrer, der seit elf Jahren in Altenstein wirkt: "Ich bin froh, dass das noch in meiner Zeit verwirklicht werden kann". So eine Glockenweihe sei etwas Besonderes, das auch er als mittlerweile fast 60-Jähriger erstmals in einer eigenen Gemeinde erlebe. Auch der Guss in der Glockengießerei Rincker, zu dem die Gemeinde mit zwei Bussen in die Eifel fahren will, sei ein "Jahrhundertereignis", von dem die Altensteiner später vermutlich noch ihren Kindern und Kindeskindern erzählen würden. Hier gebe es Regeln, beispielsweise, dass er am Freitag, dem Todestag Jesu stattfindet, bestenfalls zu dessen Todesstunde. "Das ist ein festes Ritual mit geistlichem Inhalt", sagt Köttig, "nichts so Maschinelles, wie wenn man ein Auto produziert."

Den Löwenteil der anstehenden Kosten, Köttig spricht von 89 000 Euro, machen übrigens nicht die Bronzeglocken aus, sondern der Aufwand für die Erneuerung des Glockenstuhls. Das bisherige Stahlgestänge wird durch einen hölzernen Glockenstuhl ersetzt, was sich dem Pfarrer zufolge auch auf den Klang positiv auswirken wird, denn "der Glockenstuhl soll den Klang über die Gemeine hinwegtragen". Zudem sind neue Elektronik und eine Fernsteuerung vorgesehen.

Auf Unverständnis stößt in der Gemeinde, dass die Landeskirche sich an der Glockenneuanschaffung nicht finanziell beteiligen wird. "Ich find's traurig", sagt etwa Roland Holzheid, der die Absage aus München als "Schlag ins Gesicht der Ehrenamtsleute" und als schlechtes Zeichen für die christliche Gemeinschaft empfindet. Dabei fehle es der Institution Kirche gewiss nicht am Geld. "Zumindest ein Zuschuss wäre schon ein schönes Signal gewesen," meint eine Frau aus der Kirchengemeinde, "schließlich sind die Glocken ja Teil der Kirche".

Aber eher eine Art Musikinstrument und kein essenzieller Teil des Kirchengebäudes, wie etwa das Kirchendach, rechtfertigt der Pfarrer die Entscheidung der Landeskirche. Die habe gut 50 Prozent Zuschuss gegeben, als das Dach der Kirche im vergangnen Jahr saniert werden musste, üblich wäre ein drittel der Kosten. "Da muss man schon gerecht sein", sagt Köttig, "Zuweisungen richten sich nach der Gemeindegröße."

Die ersten Glocken der Altensteiner Kirche waren dem Ersten Weltkrieg zum Opfer gefallen, die zweiten hatte die Gemeinde 1922 aus eigenen Mitteln beschafft. Doch auch davon wurden die beiden größeren im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen, um das Metall für die Rüstung zu nutzen. 1949 wurde Ersatz beschafft, für den im Ort 4000 Mark gesammelt wurden. Drei Tage brauchte man damals bis sie den Weg von der Bahnhaltestelle bis an ihrem Platz in luftiger Höhe gefunden hatten (das kleine, historische Bild entstand beim Transport ins Dorf). Sie wurden am 13. Februar 1949 geweiht. Nun wird ein Kran die tonnenschwere Last wesentlich schneller in den Turm hieven. Dennoch wird das vertraute Geläut für einige Tage und Anlässe fehlen.

Bedarf in Afrika

Die ausrangierten Glocken werden übrigens aller Voraussicht nach noch gute Dienste leisten, denn eine Gemeinde in Afrika, die bereits früher Unterstützung aus Altenstein erfuhr, hat Bedarf angemeldet.

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