Haßfurt

Aus Stinkstoff wird Brennstoff

In den Kläranlagen im Landkreis fallen Jahr für Jahr rund 70 000 Tonnen Schlamm an. Als Dünger darf die anrüchige Masse bald nicht mehr verwendet werden. Deshalb ist guter Rat teuer und eine Lösung in Sicht: Trocknet man die Pampe, kann man damit sogar heizen.
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Sieht nicht so aus und riecht auch nicht danach, ist aber dennoch ein Wert- und Brennstoff, teilweise wenigstens: Klärschlamm Foto: J. Bopp
Sieht nicht so aus und riecht auch nicht danach, ist aber dennoch ein Wert- und Brennstoff, teilweise wenigstens: Klärschlamm Foto: J. Bopp

Günter Flegel Die Idee hat ein biblisches Alter: Die Nomaden in der Wüste nutzen seit Jahrtausenden den "Klärschlamm", den ihre Kamele produzieren. Am Hinterteil des Tieres hängt ein Säckchen, die Sonne trocknet den Dung, und abends kocht die Beduinen-Frau mit der Kamel-Kohle im Zelt.

Wenn es nur hierzulande auch so einfach wäre. Hierzulande tut es kein Säckchen. Im Landkreis Haßberge fallen in den Kläranlagen rund 70 000 Tonnen Klärschlamm an - jedes Jahr. Wollte man ein Becken bauen, dass diese Menge fasst, wäre das ein Würfel mit 42 Metern Kantenlänge. 42 Meter lang, 42 Meter breit, 42 Meter hoch.

Was würde man mit dem Schlamm in so einem Würfel machen? Am besten, siehe Kamel, in die Sonne stellen und warten. Denn der Klärschlamm besteht zum allergrößten Teil aus Wasser, wie der Leiter des Abfallwirtschaftsbetriebes im Landkreis Haßberge, Wilfried Neubauer erklärt.

Das Wasser muss raus

Wie heißt es in dem Spielfilm "Das Boot" so dramatisch: Das Wasser muss raus. Diese Aufgabe stellt sich auch bei dem Schlamm, will man ihn in irgendeiner Form anders verwerten/verwenden/entsorgen als auf dem bislang üblichen Weg: Noch landet ein großer Teil der in kommunalen Kläranlagen anfallenden Schlämme auf dem Acker. Als Dünger, was gleich doppelt fragwürdig ist: Zum einen ist der "Dünger" stark verdünnt, man karrt also mit großem Aufwand und hohen Kosten vor allem Wasser durch die Gegend. Zum zweiten enthält der Dünger nicht nur Dünger, sondern auch Schadstoffe aus Haushalt und Umwelt, die sich im Abwasser sammeln und im Klärschlamm konzentrieren.

Das Landesamt für Umwelt (LfU) in Augsburg bezeichnet den Klärschlamm als "Schadstoffsenke". Das heißt: Mit dem Abwasser gelangt "eine nicht überschaubare Vielfalt an Stoffen aus Haushalten, Gewerbe und Industrie" in die Kläranlagen; der Schlamm ist sozusagen die letzte Instanz. "Die Wirkungen dieser Schadstoffe auf die Umwelt und Gesundheit sind teilweise unbekannt. Dies trifft insbesondere auf die organischen Schadstoffe zu, die unter anderem in Desinfektionsmitteln und Medikamenten zu finden sind", so das LfU.

Gefährliche Keime

Wie sehr man mit Blick auf die braune Brühe noch im Dunkeln tappt, zeigten erst jüngst die Diskussionen um gegen Antibiotika resistente Keime, die in vielen natürlichen Gewässern zu finden sind. Lange Zeit waren Experten davon ausgegangen, dass Keime Resistenzen gegenüber Arzneimitteln vor allem da bilden, wo viele Pharmaprodukte eingesetzt werden - in Krankenhäusern. Inzwischen hat unter anderem des Landesamt für Gesundheit in Erlangen durch umfangreiche Studien festgestellt, dass die potenziell gefährlichen Keime praktisch überall in der Natur vorkommen.

"In Anbetracht des ubiquitären Einsatzes von Antibiotika in Veterinär- und Humanmedizin ist der Nachweis von antibiotikaresistenten Bakterien in Gewässern keine Überraschung", sagt der Sprecher des Landesamtes, Aleksander Szumilas.

Eine mögliche Quelle für die Verbreitung von Arznei-Wirkstoffen in der Natur ist der Klärschlamm, zumal dann, wenn er als Dünger auf den Feldern landet. Dieses Praxis möchte das bayerische Umweltministerium komplett beenden. Schon heute werden laut LfU 63 Prozent des in Bayern anfallenden Klärschlamms - 5,3 Millionen Tonnen (Nass) im Jahr - "thermisch behandelt", sprich getrocknet und verbrannt. Angestrebt werden 100 Prozent.

Im Landkreis Haßberge entwickelt die Gesellschaft zur Umsetzung erneuerbaren Technologieprojekte (GUT) Energien jetzt ein Klärschlamm-Projekt, nachdem ein erster Anlauf vor einigen daran gescheitert war, dass sich nicht alle 26 Landkreis-Gemeinden für die thermische Lösung erwärmen konnten. Jetzt ist das anders, nicht zuletzt wegen der neuen Rechtslage (Düngeverordnung).

"Ich denke, alle Kommunen im Landkreis haben ein Interesse daran, beim Klärschlamm eine zukunftsfähige und nachhaltige Lösung zu finden", sagt Neubauer, in persona Leiter der Abfallwirtschaft im Landkreis und GUT-Geschäftsführer. Er geht zur Zeit in Gemeinderatsgremien hausieren. Das Konzept der GUT sieht den Bau von zwei Trocknungsanlagen im Landkreis vor, "eine große und eine kleinere", so Neubauer.

Heizung und Ofen

Standorte wurden noch nicht festgelegt, allerdings ist die Auswahl begrenzt, denn für den Klärschlamm soll keine eigene Heizung gebaut, sondern die Abwärme genutzt werden, die in einem Betrieb ohnehin anfällt. Für die Trocknung rechnet Neubauer mit Investitionen von rund fünf Millionen Euro. Heraus kommt der Klärschlamm nahezu staubtrocken. So kann er verbrannt werden - beispielsweise in Zementwerken oder, was nahe liegend wäre, im Kohleteil des Gemeinschaftskraftwerks (GKS) in Schweinfurt. Hier lässt der Landkreis Haßberge als Mitgesellschafter seinen Hausmüll verbrennen und Schweinfurt einheizen. Warum also nicht auch mit dem Dung ...

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