Kronach

Aus der Bahn geworfen

Vor drei Jahren hätte ein unverschuldeter Verkehrsunfall dem passionierten Motorradfahrer Michael Jung beinahe das Leben gekostet. Nach dem Unglück folgte ein monatelanger Kampf zurück zu alter Stärke.
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Drei Jahre nach dem Unfall ist Michael Jung soweit, dass er wieder auf das Motorrad steigen und fahren kann.  Foto: Magdalena Kestel
Drei Jahre nach dem Unfall ist Michael Jung soweit, dass er wieder auf das Motorrad steigen und fahren kann. Foto: Magdalena Kestel

Kronach —  Heute fällt es Michael Jung leicht, über die Ereignisse im Sommer 2016 zu sprechen. "Ich bin über'n Berg", sagt er über sich. Dies war in den vergangenen drei Jahren nicht immer so gewesen.

Seit 1976 hat der gebürtige Wuppertaler ein leidenschaftliches Hobby. "Motorrad fahren ist mein Leben!", verrät er lachend. "Ich weiß, das hört man von vielen Bikern. Aber es stimmt." Jung ist mittlerweile 61 Jahre alt. Seinen Vornamen kennen nur wenige. "Scotty" wird er von den meisten Menschen schon seit jungen Jahren genannt. Der Spitzname geht zurück auf den Star-Trek-Ingenieur Montgomery Scott. Denn auch Jung ist alles andere als ein Technik-Dilettant: Gerätemechaniker, SPS-Ingenieur und Netzwerktechniker hat er gelernt.

Gefährliches Überholmanöver

Am 15. August 2016 war Scotty mit seiner Maschine auf dem Weg nach Lobenstein. "Richtung Nordhalben habe ich zum ersten Mal den Bus hinter mir bemerkt. Er ist mir immer wieder dicht aufgefahren", erzählt Jung. "Auf der Geraden konnte ich Distanz gewinnen. Aber in den Kurven kam mir der Bus immer wieder verdächtig nah." Er selbst ist ungefähr 80 bis 90 Stundenkilometer gefahren, meint Jung. Irgendwann wird ihm die Situation zu gefährlich. Der Biker will daher bei der nächsten Einbuchtung halten und den Bus an sich vorbeiziehen lassen. Dazu konnte es jedoch nicht mehr kommen.

Als der Linienbus zu einem Überholmanöver ansetzt, streift er dabei den breiten Lenker von Jungs Motorrad. "Wie eine Vase, die implodiert und in sich zusammenfällt", habe er sich gefühlt, als sein Lenker wegreißt und sich das Moped überschlägt. Er prallt mit dem Kopf auf den Asphalt auf. "Sie haben ganz großes Glück gehabt. Sie hätten sich das Genick brechen können", sagt ihm der Notarzt später. Es ist ein Wunder, dass Jung nach dem Unfall die Augen aufschlagen und aufstehen kann. "Da war nichts mehr von Scotty, dem Revoluzzer", sinniert er.

Was in einer solchen Situation selbstverständlich erscheint, konnte Jung vom Fahrer des Linienbusses nicht erwarten. Dieser habe ihm keine Erste Hilfe geleistet, keinen Notarzt gerufen und die Unfallstelle nicht abgesichert. Stattdessen habe er ihm zugerufen: "Das hast du blödes Rocker-Schwein nun davon. Ihr denkt ja immer, die Straße gehört euch allein."

Noch vor Ort zeigt er den Busfahrer wegen fahrlässiger Körperverletzung an. Jung wird ins Krankenhaus in Naila gebracht. Obwohl er sich sechs bis acht Mal überschlug, hat der gebürtige Wuppertaler keine Knochenbrüche. Jedoch waren Schulter und Hüfte geprellt, Halswirbel mussten wieder in Position gebracht und Rückenwirbel eingerenkt werden. Fünf Wochen lang lief er mit einer angezogenen Schulter herum.

Sein 21 Jahre altes Motorrad war ein Totalschaden. Das sei das einzige, was ihn heute immer noch traurig mache. "Es war ein Geschenk meiner Frau. Es hatte einen ideellen Wert", erzählt Jung.

Psychische Belastung

Als die Schmerzen nach dem Unfall mit der Zeit nachließen, entwickelte er eine posttraumatische Belastungsstörung. "Ich bin ein Gewohnheitsmensch. Mein Leben läuft auf einer Schiene. Da fühle ich mich wohl. Der Unfall hat mich aus der Bahn geworfen. Danach war nichts mehr so wie vorher." Früher sei Scotty viel in der Rockerszene unterwegs gewesen. Laut, polarisierend, auf Krawall gebürstet. "Ich war Warrior of the World. Ich dachte, ich könnte die Erdkugel alleine umdrehen." Doch der Unfall habe ihm das Gegenteil klar gemacht. Gezeigt, dass auch bei ihm mit einer Sekunde alles vorbei sein kann.

Zur seelischen Belastung kommt die Verschlechterung seines grauen Stars hinzu. Dieser wird so schlimm, dass Jung auf dem rechten Auge nur noch hell und dunkel unterscheiden kann. Links hat er noch 20 Prozent Sehfähigkeit. Die Furcht vor der Operation löst Panikattacken und Angstzustände aus. Dagegen verschreibt sein Hausarzt ihm Tavor, ein starkes Beruhigungsmittel mit Suchtgefahr. Jung wird davon abhängig - weder der Arzt, noch er selbst bemerken es.

Nach der gut verlaufenen Augenoperation setzt der 61-Jährige das Beruhigungsmittel eigenständig ab. Es folgen: Herzrasen, erhöhter Blutdruck, blaue Lippen, Panikattacken. Im August 2017 geht Jung freiwillig in eine psychiatrische Klinik. "Dort wurde der Entzug des Beruhigungsmittels festgestellt. Die kommenden drei Wochen waren die Hölle", erzählt der Biker. "Ein Arzt sagte mir, ein Heroinentzug sei ein Spaziergang dagegen."

Die Klinik diagnostiziert ihm außerdem Depressionen, eine schwere Persönlichkeits- und Somatisierungsstörung. Letzteres bezeichnet körperliche Beschwerden ohne eine organische Ursache.

Falsche Diagnose

Dass die Diagnose falsch ist, stellt ein Neurologe mehrere Wochen später fest. Jung muss in der Klinik täglich zwölf Tabletten schlucken. "Zu diesem Zeitpunkt war ich mir sicher, dass ich geistig nie mehr in der Lage sein werde, Motorrad zu fahren. Nur meine Frau hat immer an mich geglaubt."

Eine neue Maschine hat er da bereits in Auftrag gegeben, doch er kann kein Interesse, keine Begeisterung mehr dafür finden. Dies ändert sich erst, als Jung im September 2017 entlassen wird und der Neurologe seine Tablettenanzahl stetig reduziert.

Ein halbes Jahr später nimmt der 61-Jährige keine einzigen Antidepressiva mehr. Ohne Tabletten sei das Leben wieder in ihn zurückgekehrt, auch die Begeisterung für das Motorrad habe er wiedergefunden. Seit April letzten Jahres ist seine neue Maschine fertig. Nervosität und auch Angst habe er vor der ersten Fahrt gespürt. "Als ich auf einem Parkplatz Pause machte, realisierte ich erst, dass ich wieder Motorrad fahre. Ich habe mich wie ein kleines Kind gefreut."

Herzblutbiker

Er ist ein Herzblutbiker. Dies konnte auch der Unfall nicht ändern. Was sich allerdings verändert hat, sei seine Persönlichkeit. "Ich bin ruhiger, bescheidener und auch dankbarer geworden." Außerdem sei sein Körper nicht mehr so fit wie früher, er muss Schmerztabletten nehmen. Seit dem Unfall ist er Frührentner.

"Ich habe mit dem Kapitel abgeschlossen", sagt Jung heute. Jedoch mache ihn wütend, dass der verantwortliche Busfahrer immer noch fahren darf. Eine Strafe habe dieser nie bekommen. Vielleicht das Tragischste an dem Unglück: Die erwartete Einbuchtung, in der Jung damals halten wollte, lag nur rund 15 Meter vom Unfallort entfernt.

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