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Bamberg

Auf ein Käffchen mit mir selbst

Eine einzige Tasse Kaffee. Auf der Rechnung stehend sieht das nach einem ziemlich tristen Café-Besuch aus. Dazwischen liegt aber viel mehr. Denn zum Jahresbeginn geht es in den Gaststätten alles andere als ruhig zu.
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Eine Tasse Kaffee lässt sich auch ohne Begleitung genießen. Was man stattdessen wahrnimmt, kann sehr unterhaltsam sein. Foto: dpa
Eine Tasse Kaffee lässt sich auch ohne Begleitung genießen. Was man stattdessen wahrnimmt, kann sehr unterhaltsam sein. Foto: dpa

Mirjam Stumpf Austraße 14, Bamberg: Es ist eng. Es ist auch dröhnend laut und viel zu warm, aber vor allem ist es viel zu eng in diesem Café mitten in der Bamberger Innenstadt. Nichts deutet auf den ersten Blick darauf hin, dass dies ein Ort der Gemütlichkeit sein könnte oder er Raum für ein vertrautes Gespräch bietet. Allerdings befindet sich hier scheinbar der wohl letzte freie Sitzplatz, den es zu ergattern gilt zur Primetime des Kaffeekränzchens. Dabei ist es nicht einmal Samstagvormittag, sondern nur ein unspektakulärer Donnerstagnachmittag kurz nach dem Jahreswechsel. Vielleicht treibt das schlechte Gewissen nach Neujahr so viele Menschen pflichtbewusst in die Gaststätten. Gefasster Vorsatz: Soziale Kontakte pflegen.

Auf mich trifft das nicht zu. Ich möchte wissen, was in einem Café alles wahrzunehmen ist, wenn man sich nicht auf einen Gesprächspartner, sondern auf den Trubel um einen herum konzentriert. Trotz Unbehagen bleibe ich also und schaue beziehungsweise höre mich um.

Tisch 17, 16.46 Uhr

Die umliegenden Tische sind von Pärchen unterschiedlicher Verbindung zueinander besetzt. Ein Mann um die 60 ist im Gespräch mit seiner gleichaltrigen Partnerin ihm gegenüber. Seine buschigen, tiefschwarzen Augenbrauen unterstützen sein freudiges Erzählen. Die Falten in seinem Gesicht bezeugen, dass er oft lächelt.

Am Nebentisch scheinen zwei Personen ein Date zu haben. Zumindest zahlt er nach kurzen Protesten ihrerseits für beide, wenn man dies denn als ein Indiz für ein Date ansehen möchte. Es redet fast nur er. Lässig sitzt er da, auf dem Stuhl zurückgelehnt, die ausgestreckten Beine mit schwarzen Schnürstiefeln locker übereinandergeschlagen. Er muss sie jedes Mal wieder zurückziehen, wenn jemand vorbeiläuft, denn es ist wirklich wenig Platz im Gang. Ein weiterer junger Mann kommt herein, sieht sich suchend um und geht an dessen eingezogenen Beinen vorbei.

Augenblicke nach dem Bestellen wird mir eine kleine Tasse aus weißem Porzellan gebracht. In ihrer schnöden Schlichtheit passt sie nicht ganz in das Bild der modern wirkenden Einrichtung dieses Cafés, das sogleich für Kuchen sowie Cocktails zu späterer Stunde ausgelegt ist. Ihre Untertasse ist fein geriffelt bis zur Vertiefung in der Mitte. Die Tasse darauf hat einen Sprung, der sich von außen über den Rand nach innen zieht. Sie erinnert an Familientreffen bei Oma. Sicherlich hat diese Tasse auch schon einige Familientreffen miterlebt.

Dazu gibt es ein Plastikdöschen mit Kaffeesahne, fettarm. Mal ehrlich: Macht das bei dieser geringen Menge unterm Strich wirklich einen Unterschied?

Schichtwechsel. Diese Zeit scheint gleichzeitig die Schnittstelle zwischen Kaffee und Alkohol zu sein. Ein Tisch nach dem anderen wird im Minutentakt plötzlich von seinen Gästen verlassen. Das gibt den Blick frei auf eine Gruppe junger Männer an einem Stehtisch neben der Treppe. Sie haben jeder ein Bier und leere Teller vor sich stehen. "Lars ist einer meiner Lichtblicke im Leben", ist der erste Satz, der deutlich von einem von ihnen zu mir durchdringt. Es folgt eine Geschichte über das Kennenlernen von Lars und dem mir Unbekannten. Ein schöner Satz. Herzlich. Die Musik scheint plötzlich sentimentaler zu sein als vorher. Und ist die Stimmung nun nicht auch ruhiger und gemütlicher geworden nach dem großen Ansturm?

Entspannung stellt sich ein

Als ich aufbrechen möchte, fällt mir der Mann wieder auf, der zuvor mit suchendem Blick den Raum betreten hatte und an seinem Platz von einer Wand verdeckt war. Er sitzt alleine an einem runden Tisch, ein halb volles Glas steht zu seiner Rechten. Er liest in einem dünnen Buch, vielleicht Rilke oder so. Außerdem sieht er um einiges entspannter aus als ich es in den letzten eineinhalb Stunden sicherlich getan habe. Dabei kann ein Treffen zum Kaffee mit sich selbst auch sehr unterhaltsam sein.

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