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Lichtenfels
Unter uns am Obermain (562)  Corona ist doof? Es kommt wirklich immer nur auf die Sicht der Dinge an.

Auch eine Krisenbewältigung

Markus Häggberg Es gibt ja diese Menschen, die in Krisen immer mehr als nur miese Zeiten sehen. Sie reden von Chancen und von nun gefügten Auszeiten zur längst fälligen Selbstbesinnung. Sie argumentie...
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Markus Häggberg Es gibt ja diese Menschen, die in Krisen immer mehr als nur miese Zeiten sehen. Sie reden von Chancen und von nun gefügten Auszeiten zur längst fälligen Selbstbesinnung. Sie argumentieren, dass wir alle Aufgaben zugeteilt bekommen haben, dass wir Prüfungen unterliegen, und wenn wir die in diesem Leben nicht packen, dann müssen wir im nächsten Leben - freilich wieder mit derselben oder einer ziemlich ähnlichen Aufgabe betraut - das Knifflige an der Sache lösen. Die Lösung, so sagen sie, gelänge über Selbstüberwindung, nur über Selbstüberwindung. Na ja, und so argumentieren sie dann auch, dass selbst Corona als Chance zu verstehen wäre.

Endlich - finanzielle Abstriche hin oder her - komme man nämlich so mal aus dem sonst bis zur Besinnungslosigkeit drehenden Hamsterrad und darf sich selbst entdecken.

Oder anders: Wer bin ich denn eigentlich und was kann ich im Leben sonst noch? Weil das ja gut klingt, ging auch ich auf Entdeckungstour. Bei mir selbst und bei mir daheim. Nach drei Tagen hatte ich meine Plattensammlung durch und am vierten Tag entdeckte ich hinten links eine Sammlung von Storm-Novellen. Als ich die auch alle durch hatte, war ich nicht mehr ganz so doof wie zuvor, aber eine innere Stimme erinnerte mich daran, dass es in Krisenzeiten um solche Dinge womöglich nicht alleine geht. So ließ ich mich auf mich selbst ein und entdeckte, was ich sonst noch kann und wovon ich bislang nichts wusste und nicht einmal eine Ahnung hatte. Ich habe z. B. festgestellt, dass ich bei entsprechender Beinstellung (es bedarf dazu lediglich eines Einknickvorgangs ungefähr auf Höhe des oberen Sprunggelenks, zu dem ich mich aber überwinden musste) ganz toll gehend O-Beine vorgaukeln kann. Und mein rechtes Auge, das durfte ich nach entsprechender Selbstüberwindung entdecken, kann bei etwas Übung wahnsinnig starr geradeaus gucken. Mit diesem beeindruckenden Stupor stünde mir auch schon frisurtechnisch bei einem künftigen Bond-Film die Rolle des Erzbösewichts Ernst Stavro Blofeld zu.

Und wenn ich mir ganz doll Mühe gebe und keiner dabei ist, kann ich fast wie Marcel Reich-Ranicki lispeln. Man weiß wirklich nie, wofür man das alles mal gut gebrauchen kann. Also mir hat Corona echt was gebracht. Ich glaube jetzt auch, dass erst so eine Krise das Beste aus einem herausholen kann.